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Evolution und die Intelligenz bei Vögeln Von Keas und Raben

27.03.2011 ·  Spatzenhirne sind unter Vögeln eine Seltenheit. Verschiedene Arten setzten ihre Intelligenz unterschiedlich ein. Das zeigt ein Versuch mit Keas und Raben (Read the English version here).

Von Christian Schlögl, Universität Wien - Konrad Lorenz Forschungsstelle
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Eine Neukaledonische Krähe sitzt auf einem Baum und bricht ein kleinen Zweig ab. Sie entfernt ein paar Nebenzweige und erhält so ein Werkzeug, mit dem sie eine Made aus einer Vertiefung in einem Baumstumpf herausholt. Zur gleichen Zeit sitzt ein gemeiner Rabe auf einem Baum, aber statt sich ein Werkzeug zu bauen, beobachtet er die übrigen Raben in seiner Nähe, um ihre Futterverstecke auszukundschaften.

Die übrigen Raben wiederum versuchen, ihre Konkurrenten zu täuschen und ihre Verstecke zu schützen, indem sie darauf achten, ob die anderen Raben sie sehen können. Ein Graupapagei greift dagegen weder zu Werkzeugen, noch versteckt er sein Futter, sondern lernt den Umgang mit der menschlichen Sprache. Am Ende ist er möglicherweise in der Lage, Fragen zu beantworten und selbst Futter zu verlangen - das bekannteste Beispiel ist hier Irene Pepperbergs Graupapagei Alex.

Vor nicht allzu langer Zeit glaubte man, Vögel seien tatsächlich mit dem sprichwörtlichen Spatzenhirn ausgestattet und besäßen nicht die mentalen Fähigkeiten eines Elefanten, eines Delphins oder eines Großaffen. Doch diese Auffassung hat sich in den letzten zwanzig Jahren grundlegend verändert. Wir wissen heute, dass höhere Intelligenz sich im Verlaufe der Evolution nicht nur bei unseren eigenen Vorfahren entwickelt hat.

Wie Flügel, Augen und viele andere Merkmale entwickelte Intelligenz sich überall dort, wo sie für das Überleben benötigt wurde. Rabenvögel (Corvidae - Krähen, Raben, Häher) und Papageien sind inzwischen bekannt für ihre Intelligenz. Doch Intelligenz hat ihren Preis. Ein großes Gehirn verbraucht viel Energie, und offenbar sind die meisten Spezies auch ohne diese Belastung erfolgreich. Deshalb interessieren Wissenschaftler sich sehr für die Frage, warum ein kleiner Teil der Tiere, darunter Rabenvögel, Papageien, Canidae (Hunde und Hyänen), Wale und Primaten höhere Intelligenz entwickelt haben.

Wie es scheint, ist Intelligenz vor allem bei einer komplexen sozialen Lebensweise erforderlich, da man erkennen muss, wer Freund und wer Feind ist, wem man trauen darf, auf wen man sich verlassen kann und so weiter. Die Art der Nahrungsbeschaffung spielt gleichfalls eine Rolle. Manche Arten setzen dazu Werkzeuge ein, während andere sich Tausende von Stellen merken müssen, an denen sie ihr Futter versteckt haben.

Tierische Leonardos oder tierische Einsteins?

Das Bedürfnis nach Intelligenz ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Ebenso bedeutsam - aber weit weniger erforscht - ist der jeweilige Charakter der Intelligenz einer bestimmten Spezies. So gilt Leonardo da Vinci als einer der größten Genies, der als Maler, Bildhauer, Architekt und Innovator herausragende Leistungen vollbrachte. Albert Einstein war dagegen ein genialer Physiker, aber kein guter Mathematiker. Leonardo verfügte also über eine sehr allgemeine Intelligenz, während Einstein ein Spezialist auf einem recht eng begrenzten Gebiet war.

Sind nun Affen, Papageien, Rabenvögel und Hunde tierische Leonardos oder Einsteins? Traditionell wird die Intelligenz bei einzelnen Tierarten auf jeweils spezifischen Gebieten getestet. Tierarten, die ihre Nahrung verstecken, werden auf die Fähigkeit geprüft, sich die Verstecke zu merken, während Arten, die Werkzeuge benutzen, auf ihre technischen Fertigkeiten geprüft werden, aber nicht umgekehrt. Daher wissen wir nicht, ob die einzelnen Arten in der Anpassung an die jeweils von ihnen besetzte Nische spezifische Fähigkeiten entwickelt haben oder ob sie über eine allgemeine Intelligenz nach Art Leonardos verfügen.

Vergleichender Intelligenztest bei zwei Arten

Im Fall einer allgemeinen oder universellen Intelligenz sollten hochintelligente Spezies alle über einen einheitlichen »mentalen Werkzeugkasten« verfügen, der dieselben Werkzeuge enthält. Wurde die Intelligenz der einzelnen Arten dagegen von speziellen Anpassungen geformt, müssten ihre Werkzeugkästen unterschiedliche Werkzeuge enthalten - eine Intelligenz im Stile Einsteins. Beide Hypothesen haben ihre Anhänger, und um Licht in diese Frage zu bringen, konzentriert sich unsere Forschungsgruppe auf zwei Vogelgruppen, die für ihre Intelligenz bekannt sind: Rabenvögel und Papageien.

Diese beiden Vogelgruppen sind nur entfernt miteinander verwandt und haben recht unabhängige Evolutionsgeschichten hinter sich. Daher erwarben sie ihre Werkzeugkästen unabhängig voneinander - als Werkzeugbenutzer, Futterverstecker oder Stimmenimitatoren. Wir unterzogen nun Vögel aus beiden Gruppen einer Reihe von Standardtests, um die Werkzeuge in ihren Werkzeugkästen miteinander zu vergleichen.

Genies eigener Art?

So ließen wir Raben und Keas (eine aus Neuseeland stammende Papageienart) nach verstecktem Futter suchen. Wir zeigten ihnen, wo kein Futter versteckt war, nicht aber, wo sie das Futter tatsächlich finden konnten. Als Spezialisten für das Auffinden versteckten Futters nutzten die Raben diese Informationen effektiver als die Keas.

Das ist nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einem genaueren Verständnis des Vogelverstands, doch er zeigt, dass diese Vögel eher Einsteins als Leonardos sind. Dennoch sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Wissenschaft hat Jahrzehnte für die Erkenntnis gebraucht, dass wir nicht die einzigen intelligenten Lebewesen sind, und nur die Zukunft kann zeigen, ob unsere intelligenten Mitgeschöpfe Genies eigener Art sind oder ob wir alle mehr oder weniger Anteil an derselben Intelligenz haben.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

Zur Webseite der Konrad Lorenz Forschungsstelle.

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