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Europäische Umfrage zum Frauendefizit Weiblicher, was sonst?

Auch die Wissenschaft hat in der Gleichstellungsfrage versagt. Eine echte Quotendebatte wurde erfolgreich vermieden. Dabei hat sich kaum etwas verändert: Nur jede fünfte Professorenstelle wird an eine Frau vergeben - offenkundig auch wegen subtiler Diskriminierungen.

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Eine sympathische norddeutsche Universitätsrektorin, die unerkannt bleiben möchte, sagt es frei heraus: Ich habe gemogelt. Gemogelt um ihrer Karriere willen. Die erfolgreiche Frau hat sich über die Arbeitsschutzregeln hinweggesetzt und bis kurz vor der Geburt ihres letzten Kindes im Labor gearbeitet. Was für sie als Postdoc in den Vereinigten Staaten selbstverständlich war, schwanger ins Labor und wissenschaftlich am Ball bleiben, das eigene Projekt fertigmachen und die produktive Phase nutzen, das ist für junge Forscherinnen hierzulande ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn sich Doktorandinnen an der Harvard Medical School zur Schwangerschaft beglückwünschen und ihre nächsten Experimente planen, enden die Gespräche hier nicht selten mit der Frage: Und wann fängt die Auszeit an?

Haben es Frauen schwerer? Hier gehts zur Online-Umfrage

Joachim  Müller-Jung Folgen:    

Der Karriereknick für Frauen, er hat viele Ursachen. Keineswegs wird er nur von restriktiven Arbeitsregeln verursacht, im Gegenteil: Die sukzessiv ausgebauten Antidiskriminierungsregeln, angefangen von Gleichstellungsbeauftragten an den Universitäten, haben in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten für Forscherinnenkarrieren formal verbessert. Und dennoch ist das Geschlechterverhältnis fast so geblieben, wie es war und wie es in fast allen europäischen Demokratien gewachsen ist: Das männliche Personal besetzt die entscheidenden Posten. Während noch mehr als die Hälfte der Studienplätze in Europa, knapp 55 Prozent, an Frauen vergeben werden und fast die Hälfte der Doktoranden weiblich ist, bleiben für die Frauen am Ende nur mal ein Fünftel der Professorenstellen übrig. Wenn es um Leitungsposten an Institutionen geht, sieht es noch düsterer aus: Nur in jedem sechsten Fall kommt eine Frau zum Zug.

Internationale Forscher-Plattform online © Istock Vergrößern Müssen Karrierefrauen mit Vorurteilen kämpfen?

“Eine unglaubliche Verschwendung von Talenten“, klagte EU-Kommissarin Máire Geoghegan-Quinn, als sie diese Zahlen kürzlich in Brüssel präsentierte. Frauenquote, sie könnte schon bald ein konkretes Thema in der Wissenschaft werden, die Enttäuschung über die Ergebnisse der eingeleiteten Maßnahmen ist mit Händen greifbar. „Tief verwurzelte institutionelle Kulturen“, deutlicher ausgedrückt: unausrottbare personale Misswirtschaft, hat die EU-Kommissarin den Verantwortlichen vorgehalten - und weitere Eingriffe ins System angekündigt, zumindest wenn es um die Forschungsförderung geht. Sie ist nicht die Erste, die daran zweifelt, dass der gute Wille allein für die Gleichbehandlung der Geschlechter beim Leitungspersonal sorgen könnte.

Dazu sitzen die Wurzeln der Ungleichbehandlung offenbar tatsächlich zu tief. In einem Spezial der Zeitschrift „Nature“, in dem die Redaktion quasi zur Selbstanzeige greift und beklagt, dass man selbst nur 14 Prozent der Gutachten und 19 Prozent der Einladungskommentare an Wissenschaftlerinnen vergibt, ist ein umstrittener Begriff gefallen: Sexismus in der Wissenschaft. Deutliche Hinweise darauf, experimentelle Belege sogar, lieferte eine Studie von Yale-Forschern in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften im Herbst vergangenen Jahres (hierzu im Planckton-Blog: Die subtile Inkompetenz der Frauen) . Die Gruppe um Corinne Moss-Racusin hat herausgearbeitet, warum so viele Frauen auf der Karrierestrecke bleiben: Weil es allgemein, bei den Männern genauso wie bei den Frauen, in den oberen Forschungsetagen ein tief sitzendes Vorurteil gegenüber Wissenschaftlerinnen gibt, das da lautet: Frauen sind bei gleicher Qualifikation dennoch inkompetenter.

Wenn es diese Geschlechterschablonen tatsächlich gibt, was können dann Initiativen ausrichten wie die Stiftung von Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, die nicht gegen Klischees oder kulturelle Stereotypen ankämpfen, sondern ganz lebenspraktische Hilfe für junge Forscherinnen mit Kindern ermöglichen wollen? Stehen sie auf verlorenem Posten? Nützt es, wenn Krippenplätze ausgebaut  und Mütter-Boni angedacht werden, die den eklatanten Publikationsdruck ausgleichen sollen, der speziell auf jungen Doktoranden und Postdocs lastet? Oder müssen nicht politisch die Weichen gestellt werden, damit gerechte transparente Evaluationskriterien für die Stellenbesetzungen die Regel werden?

Über die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung*

Die Bürger haben das Recht - und es wird von ihnen erwartet -, sich an wichtigen Entscheidungen über die Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen und mitzubestimmen, wie Wissenschaft und Technologie unser zukünftiges Leben verbessern können“

(Bericht einer Expertengruppe an die Europäische Kommission, The Role of Community Research Policy in the Knowledge-based Economy)

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Wie bereits im Rahmenprogramm für verantwortbare Forschung und Innovation (RRI) dargestellt, gibt es eine höhere Erfolgschance bei der Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, wenn sich alle beteiligten Akteure umfassend an der gemeinsamen Suche nach innovativen Lösungen, Produkten und Dienstleistungen beteiligen. Das RRI wird deshalb zur Förderung einer Forschungs- und Innovationspolitik entwickelt, die in erster Linie an den Interessen und Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichet ist und alle Akteure über integrative partizipatorische Modelle einbindet.


Die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung wird von Atomium Culture gerfördert und will Möglichkeiten erkunden, wie die Medien den Bürger im Rahmen eines Dialogs an der Diskussion wissenschaftlicher Themen beteiligen können. Auf diese Weise soll ein stärker auf Partzipation ausgerichteter Ansatz für eine Wissenschaftspolitik auf europäischer Ebene entwickelt werden.


Die Ergebnisse dieser Initiative werden der Europäischen Kommission vorgelegt und unterstützen als Beitrag die Vorbereitung der Themen des ersten Aufrufs zur Einreichung von Vorschlägen für Horizont 2020 (besonders für das Einzelziel ‚Gesellschaftliches Engagement‘ des Bereichs Gesellschaftliche Herausforderung ‚Wege zu einer integrativen, innovativen und sicheren Gesellschaft‘ im Vorschlag der Kommission, früher SiS).

* Dieses Projekt wird von der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms Wissenschaft in der Gesellschaft (SiS) finanziert.

Für die auf dieser Plattform geäußerten Ansichten und Meinungen trägt der Autor die alleinige Verantwortung. Sie entsprechen nicht unbedingt der offiziellen Meinung der Europäischen Union.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.04.2013, 20:30 Uhr