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Europäische Atomium-Umfrage : Bürgerwissenschaft ist keine leere Formel

Bild: Atomium

Die digitale Revolution krempelt auch den Forschungsbetrieb um. „Citizen Science“ gewinnt an Fahrt, die Forderungen nach Öffnung der Wissenschaften für die Bürger werden lauter. Wohin führt das?

          Ist die Stunde der Demokraten gekommen? Partizipation, die Teilnahme am Wissenschaftsbetrieb, das ist einer der Begriffe, die immer öfter auftauchen, wenn es um Forschungspläne und –strategien geht. Begriffe wie Bürgerwissenschaft, Bürgerberatung und Bürgerkonferenzen  sind längst etabliert und tauchen immer wieder auch in Journalen  auf.  „Citizen Science“ heißt das im Sprachgebrauch  internationaler Communities. Seit Jahren floriert diese Bewegung: Bürgerkonferenzen von Stiftungen und auch vom Bundesforschungsministerium gab es schon zu verschiedenen Themen wie Energiezukunft, Gendiagnostik, Stammzellforschung.

          Mehr Bürgerbeteiligung? Hier geht es zur Umfrage

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Aus den Vereinigten Staaten und einigen europäischen Ländern wie der Schweiz oder Dänemark sind die Initiativen herübergeschwappt. Es wird im kleinen Kreis an der Basis debattiert, welche Forschungsthemen sinnvoll sind und welche nicht. Wissenschaftliche Analysen zu dem Phänomen Bürgerwissenschaft gibt es auch schon. Citizen Science ist also Mode. Doch welche Rolle spielen die Graswurzelbewegungen in den Entscheidungsprozessen des Wissenschaftsbetriebs tatsächlich? Können basisdemokratisch initiierte Forschungsansätze sich überhaupt durchsetzen? Und vor allem: Ist es überhaupt sinnvoll, solche Kollektive an den Anfang einer Forschungsfrage zu stellen? Widerspricht es nicht sogar dem Wesen der Wissenschaft, wenn die Ideen von Außenseitern an den Rand gedränkt und die außerordentliche Kreativität einzelner ungenutzt bleibt, weil die Mehrheit sich etwas anderes in den Kopf gesetzt hat?   

          Energiezukunft - nciht nur ein europäisches Thema. China hat die Windenergie, Wasserkraft und Solaranlagen massiv ausgebaut.
          Energiezukunft - nciht nur ein europäisches Thema. China hat die Windenergie, Wasserkraft und Solaranlagen massiv ausgebaut. : Bild: ZB


          Historisch gesehen ist großen Wissenschaftlern die Beteilung von Laien keineswegs fremd. In den Zeiten  von Francis Bacon und Issac Newton war Citizen Science sogar eher die Regel. Aber wie könnte man das vergleichen mit der Situation von heute? Klar ist: Die Spezialisierung und mehr oder weniger vollständige Isolierung von Spezialgebieten, die im besten Fall noch unter dem Dach einer wohlgeordneten, arbeitsteilig organisierten Großorganisation wie der Max-Planck-Gesellschaft gedeihen, wird zunehmend in Frage gestellt von der Öffnung des Wissenschaftsbteriebs insgesamt. Zu der Internationalität und der Bildung von länderübergreifenden Konsortien kommt eine Bewegung hinzu, die unter dem Stichwort „Open“ das alte System so radikal wie selten zuvor in Frage stellt. Open Access, wenn es um Publikationen geht, und „Open Source“, wenn es um Daten- und Spoftwaretransparenz geht, das sind zwei nahezu unaufhaltbare Entwicklungen hin zu mehr Transparenz. Nicht nur die Technik ist der Motor dafür. Mehr als 90 Prozent der akademischen Forscher, die jemals gelebt haben, so lautet deine der beeindruckenden Hochrechnungen von Forschungsstatistikern, sind in diesen Tagen aktiv. Noch nie war der Wissenschaftsbetrieb so groß und komplex. Noch nie war sie als Politikratgeber so breit gefragt wie heute. Und noch nie wurde so viel Geld ausgegeben für Forschung. Aber ist sie damit auch wirklich so viel erfolgreicher?
          Darüber wird mehr denn je gestritten, und auch diese Debatten sind letztendlich die Folgen ihrer unaufhaltsamen Öffnung. Wissenschaftsnetzwerke, Blogs, Forschungsmagazine - die Masse an Begleitpublikationen zu den eigentlichen Originalia ist unüberschaubar geworden. Sie ist selbstkritischer geworden und sieht sich zugleich immer stärkerer Kritiken ausgesetzt, wenn wie in der Embryonenforschung oder den Geowissenschaften in ihrem Fortschrittsdrang gesellschaftliche Werte in Frage stellt.
          Muss sich die Wissenschaft also neu organisieren, um weiter akzeptiert und gefördert zu werden? Muss sie sich vielleicht stärker einbinden lassen in demokratische Entscheidungsprozesse  und sich den Wünschen einer breiteren Masse von interessierten Menschen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs stellen? Die Europäische Kommission hat schon angekündigt, dass sie die Entwicklung nicht ignorieren will, wenn es um die Verteilung europäischer Mittel geht. Wie Partizipation genau realisiert werden soll, hat sie dabei allerdings noch nicht vollständig offen gelegt. Ganz offensichtlich ist sie noch in der Orientierungsphase. Beteiligen Sie sich deshalb schon jetzt an der Diskussion und nehmen Sie als einen ersten Schritt an der Umfrage (hier) teil.


          Über die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung*

          Die Bürger haben das Recht - und es wird von ihnen erwartet -, sich an wichtigen Entscheidungen über die Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen und mitzubestimmen, wie Wissenschaft und Technologie unser zukünftiges Leben verbessern können“

          (Bericht einer Expertengruppe an die Europäische Kommission, The Role of Community Research Policy in the Knowledge-based Economy)

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          Wie bereits im Rahmenprogramm für verantwortbare Forschung und Innovation (RRI) dargestellt, gibt es eine höhere Erfolgschance bei der Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, wenn sich alle beteiligten Akteure umfassend an der gemeinsamen Suche nach innovativen Lösungen, Produkten und Dienstleistungen beteiligen. Das RRI wird deshalb zur Förderung einer Forschungs- und Innovationspolitik entwickelt, die in erster Linie an den Interessen und Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichet ist und alle Akteure über integrative partizipatorische Modelle einbindet.

          Die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung wird von Atomium Culture gerfördert und will Möglichkeiten erkunden, wie die Medien den Bürger im Rahmen eines Dialogs an der Diskussion wissenschaftlicher Themen beteiligen können. Auf diese Weise soll ein stärker auf Partzipation ausgerichteter Ansatz für eine Wissenschaftspolitik auf europäischer Ebene entwickelt werden.

          Die Ergebnisse dieser Initiative werden der Europäischen Kommission vorgelegt und unterstützen als Beitrag die Vorbereitung der Themen des ersten Aufrufs zur Einreichung von Vorschlägen für Horizont 2020 (besonders für das Einzelziel ‚Gesellschaftliches Engagement‘ des Bereichs Gesellschaftliche Herausforderung ‚Wege zu einer integrativen, innovativen und sicheren Gesellschaft‘ im Vorschlag der Kommission, früher SiS).

          * Dieses Projekt wird von der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms Wissenschaft in der Gesellschaft (SiS) finanziert.

          Für die auf dieser Plattform geäußerten Ansichten und Meinungen trägt der Autor die alleinige Verantwortung. Sie entsprechen nicht unbedingt der offiziellen Meinung der Europäischen Union.

          Quelle: F.A.Z.

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