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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Editorial: „Sag deine Meinung“ Europa fragt: Wohin mit der Wissenskultur?

„Forschendes Lernen“ - gewinnt man damit mehr Schüler für ein Studium in Mathematik oder in den Naturwissenschaften? Die Europäische Kommission will die neue Pädagogik im Prinzip noch stärker fördern, sucht aber weiter nach innovativen Lösungen. Deshalb hat sie eine Initiative zur Befragung der Bürger gestartet.

© Atomium Vergrößern

In der Schule beginnt alles. Spätestens. Hier startet die Wissenschaftlerkarriere. Oder eben nicht. Zwei Drittel der älteren Schüler in Europa geben an, wenn man sie gezielt fragt, sich für, wie es gerne heißt, „zukunftssichernde“ Fächer wie Mathematik, Physik, Chemie oder Biologie zu interessieren. Soviel wie für Sport. Doch am Ende entscheidet sich nur ein Bruchteil dafür, Mathematik oder ein naturwissenschaftliches Fach zu studieren. An solchen Zahlen, die das Eurobarometer alle paar Jahre ermittelt, und an denen sich seit Beginn der neunziger Jahre auch nichts wesentlich geändert zu haben scheint, hängt der Makel, den wir von anderen inneren Widersprüchen menschlichen Verhaltens - etwa der Organspende - kennen: Irgendein ominöser Dämon blockiert den richtigen Weg vom Wollen zum Handeln. Mit klassischer Pädagogik kommt man dem nicht bei.

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Deshalb müssen wir uns auch nicht wundern, wenn sich wie gerade eben Bösegeisteraustreiber und Lernbiographieförderer wie der Populärphilosoph Richard David Precht in regelmäßigen Abständen berufen fühlen, ganz grundsätzlich die „Schule auf den Kopf zu stellen“, Noten und Fächer abschaffen und stattdessen Projekte und Schuluniformen wie in Potters Hogwarts zwecks Rückkehr innerer Werte einführen zu wollen.

Eine „neue Pädagogik“ ist seit Jahren Dauerthema auch in Brüssel. Dort zwar weniger brachial formuliert und gekonnt ungeschickt verborgen hinter Akronymen wie IBSE (“Inquiry-based Science Education“), was so viel meint wie „forschendes Lernen“, dafür aber mit wachsender Ungeduld. Denn Europa sieht sich im Hintertreffen. Was also tun, auf wen hören?

Experimentaler Chemieunterricht - Chemieunterricht am Frankfurter Lessing Gymnasium ist mehr als das Auswendiglernen des Periodensystems. Schüler experimentieren selber und erschließen sich so das Fachgebiet © Lucas Wahl Vergrößern Lernendes Forschen: Schüler des Frankfurter Lessing-Gymnasiums versuchen, den Säuregehalt von Balsamessig festzustellen.

Im europäischen „Jahr des Bürgers“ sieht die Europäische Kommission ihre Chance, die Experten- und Pseudoexpertenkultur quasi von der Wurzel her zu sichten. Der Bewilligungsphase für das neue milliardenschwere EU-Forschungsprogramm „Horizon 2020“, das von 2014 an umgesetzt werden soll, ist eine Initiative namens RRI (Responsible Research and Innovation) vorgeschaltet worden, die neben Forschung und Innovation als Erstes den Begriff „Responsible“ - verantwortlich - enthält. Dahinter verbirgt sich, wenn man so will, eine Art demokratisches Experiment der neuen Eurobürokratie: Bürgerbeteiligung in der Wissenschaftsförderung.

Im Prinzip geht es um Partizipation per Internet. Bürgerkonferenzen und Bürgerforschung, „Citizen Science“, sind nichts grundsätzlich Neues. Die Hightechstrategie des Bundesforschungsministeriums wurde systematisch von Versammlungen interessierter, selten mit Fachwissen ausgestatteter und zufällig ausgewählter Bürger begleitet. Brüssel geht den komfortableren Weg über das Internet. Atomium Culture (AC), die 2009 von Frankreichs Expräsident Valérie Giscard d’Estaing gegründete Wissenschaftsplattform in Brüssel, in der aus zahlreichen EU-Ländern ausgesuchte Universitäten, Forschungsunternehmen und jeweils ein Medienpartner kooperieren, soll dabei helfen, ein europäisches Stimmungsbild zu diversen forschungsrelevanten Fragen zu entwickeln - sofern es so etwas wie ein politisch sinnvolles europäisches Meinungsspektrum überhaupt gibt.

Es geht um Fragen wie ebenjene neue Wissenschaftspädagogik an Schulen, um das nach wie vor ungleiche Geschlechterverhältnis in den Instituten, um Fragen der Forschungsethik und einige andere wissenschaftspolitischen Debatten, die unsere Forschungskultur prägen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird ebenso wie El País, Der Standard, Il Sole 24 Ore, Irish Times und die jeweils anderen nationalen Medienpartner in einer Serie von Umfragen von diesem Mittwoch an die entsprechende Debattenplattform im Internet bieten. Die Leser dieser Beilage und unsere Online-Nutzer auf www.FAZ.net sind eingeladen, sich an den Kurzumfragen zu beteiligen und ihre Meinungen in aller Ausführlichkeit in der Kommentarfunktion zu äußern.

Über die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung*

„Die Bürger haben das Recht - und es wird von ihnen erwartet -, sich an wichtigen Entscheidungen über die Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen und mitzubestimmen, wie Wissenschaft und Technologie unser zukünftiges Leben verbessern können“ 

(Bericht einer Expertengruppe an die Europäische Kommission, The Role of Community Research Policy in the Knowledge-based Economy)

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Wie bereits im Rahmenprogramm für verantwortbare Forschung und Innovation (RRI) dargestellt, gibt es eine höhere Erfolgschance bei der Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, wenn sich alle beteiligten Akteure umfassend an der gemeinsamen Suche nach innovativen Lösungen, Produkten und Dienstleistungen beteiligen. Das RRI wird deshalb zur Förderung einer Forschungs- und Innovationspolitik entwickelt, die in erster Linie an den Interessen und Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichet ist und alle Akteure über integrative partizipatorische Modelle einbindet.


Die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung wird von Atomium Culture gerfördert und will Möglichkeiten erkunden, wie die Medien den Bürger im Rahmen eines Dialogs an der Diskussion wissenschaftlicher Themen beteiligen können. Auf diese Weise soll ein stärker auf Partzipation ausgerichteter Ansatz für eine Wissenschaftspolitik auf europäischer Ebene entwickelt werden.


Die Ergebnisse dieser Initiative werden der Europäischen Kommission vorgelegt und unterstützen als Beitrag die Vorbereitung der Themen des ersten Aufrufs zur Einreichung von Vorschlägen für Horizont 2020 (besonders für das Einzelziel ‚Gesellschaftliches Engagement‘ des Bereichs Gesellschaftliche Herausforderung ‚Wege zu einer integrativen, innovativen und sicheren Gesellschaft‘ im Vorschlag der Kommission, früher SiS).
 

* Dieses Projekt wird von der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms Wissenschaft in der Gesellschaft (SiS) finanziert.

Für die auf dieser Plattform geäußerten Ansichten und Meinungen trägt der Autor die alleinige Verantwortung. Sie entsprechen nicht unbedingt der offiziellen Meinung der Europäischen Union.

 
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