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Atomium Culture Bienenstock der Intelligenz

Europas Traum von der führenden Wissenschaftsgroßmacht ist noch immer unerfüllt. Das Ziel aber bleibt. Und es wird pathetisch weiter geträumt. Ein Bericht von der Eröffnungskonferenz für „Atomium Culture“ in Brüssel.

© DDP POOL Vergrößern Ein „Unsterblicher”: Giscard d'Estaing


Europa am Wendepunkt, Europa steigt auf, Europa der Utopien: Kein Zweifel, die Eröffnungskonferenz der neuen europäischen Forschungsplattform „Atomium Culture“ am Freitagmorgen stand unter einem anderen Stern als noch das politisch wackelige Europa vor ein paar Monaten. Valérie Giscard d'Estaing, ehemaliger französischer Staatspräsident und Mitbegründer der Atomium-Initiative wie der neuen Europa-“Verfassung“, ließ sich an das Ende der Rednerliste setzen - und für einen visionären Höhenflug feiern: „Es wird ein neues Europa geben. Wir bauen ein Europa der Intelligenz und des Wissens“.

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Giscard im Europäische Parlament in Brüssel, das war die ideale Besetzung. Und natürlich gehört auch in der Terminwahl etwas Glück dazu. Wieviel von dem Pathos im Haus des Parlaments wäre wohl geblieben, wenn nicht kurz zuvor in Prag der Weg für das Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages freigemacht worden wäre - oder, wenn die Eröffnungskonferenz für „Atomium Culture“ auch nur fünf Wochen später stattgefunden hätte? Dann nämlich wäre das Jahr 2010 schon Realität - und die Brüsseler Exzellenzvisionen hätten einen schalen Beigeschmack bekommen. Denn im Jahr 2000 hatte die Europäische Union vollmundig ihr Ziel formuliert, bis zum Jahr 2010 zum weltweit „konkurrenzfähigsten Wirtschaftsraum“ aufsteigen zu wollen.

Ruf nach Vernetzung

Neuneinhalb Jahre nach der Ankündigung liegt man immer noch um Längen hinter den Vereinigten Staaten und Japan zurück. Was die Zahl der Forscher im öffentlichen Sektor angeht, hat sich kaum etwas bewegt. Mit fünf Forscher pro tausend Einwohner hinkt man um fünfzig Prozent hinter den beiden Forschungsgroßmächten, und was den privaten Sektor angeht, ist die Kluft noch deutlicher: Zweieinhalb Forscher pro tausend Einwohner gegenüber sieben in Amerika und knapp sechs in Japan.
Aber nicht nur in der Arbeitskräftestatistik ist man „deutlich hinter den Erwartungen zurück“, wie der ehemalige französische Europaminister und amtierende französische Agrarminister, Bruno le Maire beklagte, sondern auch im Grad der Vernetzung. Genau dafür nun sind le Maire und Giscard d'Estaing - der eine mahnend, der andere euphorisch - an diesem verregneten Freitag nach Brüssel gekommen.

atomium eröffnung 4 © Vergrößern Michelangelo Baracchi Bonvicini und Valéry Giscard d'Estaing, Präsident und Ehrenpräsident von Atomium Culture

Konferenzen und populäre Artikel

Von „Atomium Culture“ versprechen sie sich „geballte europäische Intelligenz“ (Giscard) und „Stärke in Vielfalt“ (Le Maire). Was aber soll das genau sein: Atmonium-Kultur? „Es hat nichts mit Atomkernen zu tun und ganz viel mit Kultur“, lautete die Antwort von Giscard, Honorar-Präsidenten von Atomium Culture. Vor fünf Jahren wurde die Idee bei ihm und einigen anderen europäischen Politikern geboren, die auf dem Kontinent verstreuten nationalen Kompetenzen zusammenzuführen und so nicht nur die politische Sensibilität für die wissenschaftlichen Zukunftsthemen zu schüren, sondern durchaus auch das Selbstbewußtsein der Wissenschaftler.


Was also der europäische Forschungsrat im Wissenschaftsbetrieb noch nicht geschafft hat, „Atomium Culture“ hat es zum PR-Programm gemacht: eine aufstrebende europäische Wissenschaftsmacht zu präsentieren. Junge Talente - die größten Talente - sind deshalb vor allem die Zielgruppe. Sie sollen in Atomium Culture einen gemeinsamen Treffpunkt finden. Auf Konferenzen mit ausgewählten Themen, auf denen fächerübergreifend - und das heißt auch: zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften - diskutiert und nach Lösungen gesucht werden soll. Und auf einer Kommunikationsplattform, für die Atomium Culture mehrere Dutzend bedeutende Universitäten und Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung gewonnen hat. Ihr Ziel: Den besten, ambitioniertesten Jungforschern ein Forum zu bieten sowie die Möglichkeit, ihre Arbeit einem breiten europäischen Publikum verständlich zu machen - und das jeweils mit Artikeln aus der eigenen Feder.

Popularisierung durch Public-Private-Partnership - das ungewöhnliche Projekt, in dem Gelehrte, Firmen und Medien an einem Strang ziehen, ist für Bruno le Maire schon aus diesem Grund ein „kulturelles Highlight“ in Brüssel. Die originellere Metapher dafür fand der Präsident von Atomium Culture, der Italiener Michelangelo Baracchi Bonvicini: „Wir gründen einen Bienenstock der Intelligenz“. Sein Credo: Nur die besser informierte Gesellschaft kann auch bessere Entscheidungen treffen.

Unterbezahlte Spitzenforscher

„Das Wissen muss endlich in Bewegung geraten“, sagte Bonvicine, auch er anspielend auf die Versäumnisse der Europäischen Union in der Verwirklichung ihrer hochfliegenden Forschungsambitionen. Und die gut zweihundert Teilnehmer des ersten Atomium-Kulturevents sahen das ganz ähnlich wie er. Das Projekt solle das Gegenteil eines neuen Elfenbeinturms für Eliten werden. „Europa braucht, wenn es konkurrenzfähig werden will, künftig deutlich mehr intelligenten Nachwuchs“, forderte Hans Stoof, Rektor der Universität von Utrecht, der den ungebrochenen Abwanderungswillen der Talente aus den besten europäischen Hochschulen nach Übersee beklagte. Eine Entwicklung, die zum Gutteil offensichtlich auch das Ergebnis der finanziellen Geringschätzung in vielen europäischen Ländern ist. Das ist in den folgenden Diskussionen in Arbeitsgruppen deutlich geworden. In mehr als die Hälfte der EU-Länder würden Wissenschaftler schlechter bezahlt als etwa in Indien, hieß es.

Größe und Masse allein jedenfalls, so brachte es Atomium-Präsident Bonvicini auf den Punkt, seien keine Garantie für den Erfolg: „Nicht die Größe des Gehirns bestimmen die Intelligenz, sondern die Vernetzung der Zellen und die Intensität der Kommunikation.“

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