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Woher kommt der Mensch? (5) : Vorsprung durch Kunst

  • -Aktualisiert am

Die Venus, aus Elfenbein geschnitzt. Bild: Nicholas Conard

Neandertaler wären, könnten wir sie treffen, uns Heutigen fremd. Nicht wegen ihres Äußeren, sondern weil ihre Kultur und Kommunikation anders waren. Über die Bedeutung figürlicher Kunst in unserer Ahnenreihe.

          Die Fragen, wann, warum und wo die Kunst entstanden ist, wird man wahrscheinlich noch viele Jahre lang diskutieren. Die Funde aus den Höhlen der Schwäbischen Alb liefern hierzu aber nennenswerte Erkenntnisse. Die einzigartige Bedeutung der schwäbischen Höhlen im Hinblick auf die Ursprünge der figürlichen Kunst ist zum Teil eine Folge der langen und intensiven Forschungsgeschichte in der Region, die bis in die 1860er Jahre zurückreicht. Darüber hinaus bieten die Höhlen durchweg hervorragende Erhaltungsbedingungen für organische Funde, die eine Voraussetzung für die Auffindung von Artefakten aus Knochen, Geweih und Elfenbein sind. Nichtsdestoweniger deutet die Tatsache, dass auch andere Regionen auf der Welt vergleichbare Erhaltungsbedingungen und eine ähnlich intensive Forschungsgeschichte haben, an, dass die aus der Fundschichte der ersten modernen Menschen im Raum der Oberen Donau vor rund 40 000 Jahren in der Tat einzigartig sind.

          Obwohl Hunderte von Neandertaler-Fundplätzen sorgfältig ausgegraben worden sind, hat keine einzige Fundschicht der Neandertaler überzeugende Hinweise auf figürliche Kunst geliefert. Gelegentliche Funde von Objekten mit Markierungen werden meist als Nebenprodukte anderer Tätigkeiten gesehen und im günstigsten Fall als wenig entwickelte Beispiele abstrakter Darstellungen. Damit soll nicht gesagt sein, Neandertaler seien primitive, unzulängliche Menschen gewesen. Sie waren im Gegenteil höchst geschickte Jäger und Sammler, die gekonnt unterschiedliche Landschaften bewohnten und die wechselnden Umweltbedingungen in der Eiszeit über einen Zeitraum von rund 250 000 Jahren meisterten. Hätten sich nicht moderne Menschen entwickelt und hätten sich diese nicht aus Afrika heraus ausgebreitet, wäre Europa heute noch von Neandertalern bewohnt.

          Die Ausgrabungsstätte Vogelherdhöhle in der Schwäbischen Alb.
          Die Ausgrabungsstätte Vogelherdhöhle in der Schwäbischen Alb. : Bild: Nicholas Conard

          Im Gegensatz zu den Gesellschaften der frühen Gruppen moderner Menschen, die in Südwestdeutschland ankamen, lebten Neandertaler in kleinen Gruppenverbänden, in denen auf einer höchst effektiven Ebene kommuniziert wurde, ohne dass künstlerische oder symbolische Komponenten in der materiellen Kultur stark ausgeprägt waren. Die Neandertaler bewältigten ihr Dasein über Jahrzehntausende hervorragend ohne die Verwendung figürlicher Kunst in ihrem Kommunikationssystem. Ebenfalls sind glaubhafte Hinweise für Musikinstrumente aus dieser Zeit gänzlich unbekannt. Dasselbe kann im Hinblick auf die archäologische Überlieferung aus Asien gesagt werden, denn hier fehlen bei vormodernen Menschen ebenfalls Hinweise auf frühe figürliche Kunst und Musik. Erst mit der dauerhaften Präsenz moderner Menschen kurz nach 50 000 Jahren vor heute gerieten die Neandertalergruppen im westlichen Eurasien unter starken Druck.

          In Afrika haben die zahlreichen, überall auf diesem riesigen und vielfältigen Kontinent ausgegrabenen Fundplätze aus dem „Middle Stone Age“ (MSA), der Mittleren Steinzeit, jener Periode also, in der sich moderne Menschen entwickelten, ebenfalls keine Hinweise auf figürliche Kunst geliefert, die älter sind als 30 000 Jahre. Aus Fundstellen des MSA stammen zahlreiche Funde von Ocker und Straußeneischalen mit geometrischen Mustern, die nahezu mit Sicherheit Informationen in sich trugen und die als symbolische oder künstlerische Artefakte angesehen werden dürfen. Diese eindrucksvollen Funde sind in der Regel zwischen 80 000 und 60 000 Jahre alt und damit deutlich älter als die figürliche Kunst in Schwaben. Nach wie vor ist aber in diesen MSA-Schichten keine einzige figürliche Darstellung entdeckt worden, und Belege für Musikinstrumente fehlen ebenfalls. Erst für das Ende des MSA vor etwa 30 000 Jahren ist figürliche Kunst in Form kleiner Malereien auf Steinplatten aus der Apollo-11-Höhle im südwestlichen Namibia nachgewiesen. Diese Feststellungen sind umso bemerkenswerter, wenn wir bedenken, dass Menschen mit unserer anatomischen Form vor 200 000 Jahren in Afrika entstanden sind. Wie es auch bei den Neandertalern im westlichen Eurasien der Fall war, haben frühe moderne Menschen anscheinend keine figürlichen Darstellungen benötigt beziehungsweise genutzt, um ihr tägliches Leben zu bestreiten.

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