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Veröffentlicht: 08.02.2017, 22:46 Uhr

Woher kommt der Mensch? (4) Lug und Trug - Triebfedern der Evolution

Unsere Intelligenz lebt auch von der Lüge. Aber so wie es Versöhnung gibt, weil wir uns streiten, und Kooperation, weil wir egoistisch sind, so ist auf dem Mist der Lüge auch die schöne Blume des Mitleids gewachsen.

von Volker Sommer
© ZB Ein Affe? Ein Luftballon!

Manche Themen sind nicht totzukriegen. Obwohl mein Buch mit dem provozierenden „Lob der Lüge“ erstmals vor einem Vierteljahrhundert erschien, werde ich weiterhin regelmäßig von Radio, Fernsehen oder Zeitschriften angefragt, ob ich nicht etwas zum Thema Lüge zu sagen hätte. Wie das Amen in der Kirche folgt, so wiederhole ich dann meine These, dass unsere Neigung zu Täuschung und Selbstbetrug biologische Wurzeln hat und die Entwicklung unseres Denkens maßgeblich prägte. Gleich allen griffigen Behauptungen ist dies eine Vereinfachung - manche würden sagen: unzulässiger Reduktionismus. Die Welt ist selbstverständlich immer komplexer als das, was jemand zwischen Buchdeckeln behauptet. Dennoch: Das Argument von der Lüge als einer wichtigen gestalterischen Kraft unserer mentalen und emotionalen Landschaften ist, nun ja, intelligent und hat die gegenwärtige Kognitions- und Emotionsforschung enorm stimuliert.

Wie allgegenwärtig und virulent das Problem von Lüge, Betrug und Manipulation ist, reflektieren die Medien jedenfalls pausenlos. So brachte „Der Spiegel“ vor einiger Zeit als Titelgeschichte „Die Wohlstandslüge“. Von den Artikeln im Heftinneren beschäftigte sich ein weiteres Viertel mit den Dynamiken von Unwahrheit und Wahrheit, von Täuschung und Aufdeckung: Aushorch-Affäre durch die NSA, irreführende Statistiken über linksextreme Straftaten, Werbeagentur poliert das Image eines Politikers auf, Afrikaner versteckt sich im Radkasten eines Airbus, Geldschmuggel nimmt zu, „antike“ Bronzen sind Fälschungen, Gynäkologie manipuliert IVF-Regeln, Prozess wegen angeblicher Sterbehilfe, Fifa-Ermittler darf nicht nach Russland einreisen; Jugendzeitschrift „Bravo“ kämpft mit Enten gegen Auflagenschwund, Nordirland: Hat Gerry Adams gelogen?

44683110 © Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie Vergrößern Schimpanse Lome im Leipziger Zoo.

Die Auseinandersetzung mit den Gefahren und Möglichkeiten der Unehrlichkeit dominiert nicht nur unser Alltagsleben, sie scheint gar der schlechthin wichtigste Antrieb für die Volkswirtschaft zu sein. Das fängt bei Schlüsseln für Autos, Haustüren und Garderobenschränke an; umfasst das Drucken möglichst fälschungssicherer Geldscheine; reicht zu dem „sicher“ bei Banken eingelagerten Vermögen mit einer Infrastruktur von Überwachungskameras, Safes und dicken Mauern; zieht sich fort über Firewall-Abschirmsysteme in Computern; rechtfertigt Ausbildung und Beschäftigung ganzer Heerscharen von Gesetzeshütern wie Polizisten, Lebensmittelinspekteuren, Richtern und Bewährungshelfern; sorgt für Umsätze bei Make-Up, formbildenden BHs und plastischer Chirurgie. Außerdem wäre das Leben ohne Lüge ziemlich langweilig, weil sie weite Teile von Kultur und Unterhaltungsindustrie nährt, bauen doch Romane wie Oper als auch Kino weitgehend auf Szenarien um Lug und Trug.

Kein Zweifel: Ungeheure Mengen kreativer und materieller Energien werden in Industrien um Sicherheit und Illusionen gesteckt. Warum das alles? Wieso bringen wir einander nicht blindes Vertrauen entgegen - wo wir doch alle zur selben Art gehören und im gleichen Boot sitzen? Aus der Warte eines Evolutionsbiologen greift diese Sicht eben zu kurz. Denn Signalfälschung, Falschinformation und Täuschung sind auch in Gesellschaften nicht-menschlicher Tiere verbreitet. Könnte es also sein, dass die Lüge nicht die allmähliche Degeneration komplexer Zivilisation widerspiegelt, sondern ein uraltes Naturerbe repräsentiert?

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