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Schädelfund in Kenia : Als wir noch Affen waren

Stein oder Fossil? Der Schädel des Affenbabys N. alesi Bild: Isaiah Nengo

Forscher haben einen Fossil-Schädel aus Kenia untersucht. Nun ist klar: Er ist rund 13 Millionen Jahre alt und schließt eine wichtige Lücke im menschlichen Stammbaum.

          Auf der Suche nach gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und uns Menschen, ist eine internationale Forschergruppe einen guten Schritt voran gekommen. Isaiah Nengo von der Stony Brook University und seine Kollegen haben einen gut erhaltenen Schädel genauer untersucht, der vor drei Jahren in der Region Napudet im Norden Kenias entdeckt wurde. Danach handelt es sich bei dem Fossil um die Überreste eines recht jungen Menschenaffen, der im mittleren Miozän vor rund 13 Millionen Jahre lebte. Für die Paläoanthropologen schließt der Fund eine Lücke im Stammbaum  der  Menschen und Menschenaffen.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Aus zahlreichen Fossilienfunden weiß man, dass sich die gemeinsame Entwicklungslinie von Mensch und Menschenaffen, zu denen die heute lebenden Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans gehören, vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahre trennte. Doch über die Entwicklung der gemeinsamen Ahnen vor mehr als zehn Millionen Jahren, ist nur wenig bekannt. Die bisherigen Fossilien aus dem mittleren Miozän, die potentiellen Vorfahren von Menschen und Menschenaffe zugeordnet werden, sind rar. Sie bestehen meist nur aus einzelnen Zähnen und Kieferknochen. Um so mehr waren die Paläoanthropologen darüber erfreut, als sie endlich einen kompletten Schädel eines frühen Menschenaffen in den Händen halten konnten, der zudem noch in Afrika im Turkana-Becken gefunden wurde, in einer Gegend, die von einer Reihe spektakulärerer Frühmenschen-Funde von sich Reden gemacht hat.

          Der Zufallsfund aus dem Turkana-Becken erregt Gemüter

          Gefunden hatte den Schädel eher zufällig der kenianische Fossiliensammler John Ekusi im Jahr 2014 bei einer seiner täglichen Expeditionen westlich des Turkana-Sees. Er lag  so tief im Erdreich, dass ihn niemand zuvor bemerkt hatte. Eine radiometrische Datierung der Gesteinsschichten  mit der Argon-Argon-Methode lieferte ein Alter von 13 Millionen Jahre. In dieser Zeit wuchs im trockenen Turkana-Becken ein üppiger Regenwald.

          Der  Schädel des N. alesi in voller Pracht
          Der Schädel des N. alesi in voller Pracht : Bild: The Leakey Foundation

          Nachdem der Schädel, der etwa die Größe einer Zitrone hat, präpariert worden war, wollte man mehr darüber wissen, wem er einst gehörte. Dazu wurde er nach Grenoble zur „European Synchrotron Radiation Facility“ ESRF gebracht, wo ihn Wissenschaftler  um den französischen Paläontologen Paul Tafforeau mit Röntgenlicht von allen Seiten beleuchteten. Mit den gewonnenen 3D-Röntgenbildern konnten Hirnhöhle, Innenohr und die noch nicht durchgebrochene  Zähne sichtbar gemacht werden.

          Die noch zu erkennenden Wachstumslinien an den Zähnen verrieten das Alter des Affenjungen: Es etwa ein Jahr und vier Monate alt, als es starb. Die Zähne und die Gehörgänge zeigten den Forschern, dass das Primatenkind offenkundig einer bislang unbekannte Art der Gattung Nyanzapithecus angehört. Isaiah Nengo und seine Kollegen tauften den Fund Nyanzapithecus alesi, abgeleitet von dem Turkana-Wort Ales, was übersetzt „Vorfahre“ heißt.

          Ist der Ursprung der Menschenaffen in Afrika?

          Unklar war bislang, ob es sich bei Nyanzapithecus, von denen bislang nur fossile Zähne gab, um eine menschenaffenähnliche Spezies handelte. Doch die Existenz eines vollständig entwickelten Gehörgangs weisen ihn nach Aussagen von Ellen Miller von Wake Forest University als frühen Angehörigen der Hominoiden aus.

          In Grenoble ist der Schädel von N. alesi mit Röntgenstrahlen genauer unter die Lupe genommen worden.
          In Grenoble ist der Schädel von N. alesi mit Röntgenstrahlen genauer unter die Lupe genommen worden. : Bild: Paul Tafforeau

          Der  Schädel von N. alesi mit seinen großen Augen, seiner kurzen Schnauze und kleinen Nase erinnerte die Forscher zunächst an ein Gibbon-Baby. Doch sie glauben nach allem was sie von Nyanzapithecus alesi wissen, dass er wohl kein so geschickter Kletterer gewesen war wie es Gibbons sind. Für die Forscher um Nengo ist mit dem Fund eine weitere Frage beantwortet: Die Wiege der Vorfahren der Hominoiden lag in Afrika. „Die Entdeckung von N. alesi zeigt, dass diese Gruppe dem Ursprung heute lebender Menschenaffen und Menschen sehr nahe war und dass dieser Ursprung afrikanisch war.“

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          Von dieser Schlussfolgerung ist der Paläoanthropologe David Begun von der University of Toronto nicht überzeugt, wie er auf der Nachrichtenplattform der Zeitschrift „Science“ erklärt. So wurden im Jahre 2002 wurden bei Barcelona Knochenreste eine auf 12,5 bis 13 Millionen Jahre datierte Spezies ausgegraben, die ebenfalls als Vorfahre der Hominoiden angesehen wird. Bislang gebe es jedoch keine entsprechenden Fossilienfunde in Afrika. Für Begun ist Alesi auf jeden Fall zunächst einmal ein Affe.

          Auch James Rossie, Anthropologe von der State University ist vorsichtig, was die Einordnung von Nyanzapithecus alesi als Vorfahre der Menschen und Menschenaffen betrifft. „Das Dilemma ist hier, dass es kein vergleichbaren Fund eines jungen Affen aus dem Miozän gibt. Wenn man nichts zur vergleichen haben, seien seiner Meinung nach einem die Hände gebunden. Und so dürfte das Fossil des Affenbabys noch geraume zeit die Gemüter der Paläoanthropologen erhitzen.

          Quelle: F.A.Z.

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