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25 Jahre nach Fund : Frau Ötzi fehlt der Forschung noch

So soll er ausgesehen haben: Das Handout des Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zeigt eine Rekonstruktion des Gletschermannes. Bild: dpa

Vor 25 Jahren fanden zwei deutsche Wanderer am Tisenjoch eine unbekannte Gletschermumie Heute zählt der „Mann vom Similaun“ zu den am besten untersuchten Toten. Doch längst ist nicht alles erforscht.

          Erleichterung in Österreich! Endlich gibt es eine gute Nachricht aus dem Land, das unter wiederholten Schwierigkeiten beim Wählen seines Staatsoberhauptes leidet und sich noch immer die Wunden nach dem frühen Ausscheiden seiner hochgelobten Mannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft leckt. Doch jetzt wissen wir: Der Fund des Ötzi, der berühmtesten Mumie der Welt neben Tutanchamun, ist entgegen allen früheren Angaben doch den Österreichern zu verdanken.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Zwar hat ein Ehepaar aus Nürnberg den Gletschermann vor 25 Jahren entdeckt. Zwar hat sich Italien den berühmten Leichnam gesichert, weil er kurz hinter der Grenze in Südtirol lag. Zwar stammt der führende Ötzi-Gelehrte aus München - und forscht in Bozen. Aber eigentlich sorgten zwei Österreicher dafür, dass der Gletschermann am 19. September 1991 gefunden werden konnte.

          „Ohne unsere österreichischen Freunde wären wir nicht hier langgegangen. Eigentlich ist es ihnen zu verdanken, dass wir auf den Ötzi gestoßen sind“, sagt Erika Simon und stützt sich auf ihre Wanderstöcke. „Dahinten haben wir uns getrennt: Die wollten weiterlaufen, wir zur Hütte.“ Statt zum markierten Weg zurückzukehren, nahmen Erika Simon und ihr Mann Helmut eine Abkürzung. In einer Mulde des 3210 Meter hohen Tisenjochs, die mit Schnee, Eis und Schmelzwasser gefüllt war, stolperten sie förmlich über den Ötzi. „Schau mal, was da liegt“, sagte Helmut nach Erikas Erinnerung, und sie stieß hervor: „Ui, das ist ja ein Mensch!“

          Zum Jubiläum in den Ötztaler Alpen

          Für das Jubiläum ihres spektakulären Fundes hat sich Erika Simon nochmals in die Ötztaler Alpen bemüht, denen der Eismann seinen Namen verdankt. Dieses Mal ist die Sechsundsiebzigjährige nicht zu Fuß gekommen, sondern mit einem Hubschrauber. Im Gepäck haben sie und ihre Helfer eine Nachbildung des bekanntesten Tirolers neben Reinhold Messner. Mit Eispickeln und bloßen Händen wird Ötzi in den Schnee eingegraben, wie die Simons ihn fanden: das Gesicht im Wasser, den Körper bis zu den Schultern im Eis.

          Im Schatten der 3514 Meter hohen Fineilspitze (Punta di Finale) stellt die Nürnbergerin die Entdeckung an jenem Donnerstagmittag vor 25 Jahren nach, die für die Wissenschaft und auch für die Familie Simon von geradezu alpiner Bedeutung werden sollte. Das Ehepaar trat in Fernsehsendungen auf, es wurde Dutzende Male interviewt, über Helmut Simon existiert ein Wikipedia-Eintrag. Auch Geld gab es, allerdings spät. Nach langem Rechtsstreit bekam Erika Simon von der Südtiroler Landesregierung erst 2010 einen Finderlohn von 175 000 Euro; fast ein Drittel davon steckten ihre Anwälte ein. Ihr Mann erlebte das nicht mehr, er stürzte 2004 bei einer Bergwanderung im Salzburger Land in den Tod.

          25 Jahre nach Ötzi-Entdeckung : Entdeckerin Erika Simon wieder am Fundort

          Bis heute gibt es viel Rummel rund um den Steinzeitmenschen, der auf Englisch den schönen Namen „Frozen Fritz“ trägt. Im Tiroler Örtchen Umhausen zeigt ein „Ötzi-Dorf“ den Besuchern, wie man Feuer ohne Streichhölzer anzündet. Wer will, kann sich mit dem „Ötzi-Franz“ fotografieren lassen, einem in Fell gewandeten Laiendarsteller. Im kommenden Jahr soll sogar ein Film über den Vorzeithelden in die Kinos kommen. Für die Hauptrolle hätte sich Brad Pitt geeignet, schließlich trägt er ein Ötzi-Tattoo am Unterarm. Am Ende ist es Jürgen Vogel geworden.

          Faszination Ötzi

          Klar ist: Der „Mann vom Similaun“, wie der Ötzi nach einem weiteren nahen Grenzberg auch genannt wird, hat nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die Mumie gilt in Mitteleuropa als der einzige Leichnam aus der Kupfersteinzeit, der durch eine Art natürliche Gefriertrocknung erhalten geblieben ist. Rund 5300 Jahre lang lag der Ötzi im Eis, geschützt durch die Steinwanne, in die er gestürzt war. Weder Wetter noch Aasfresser konnten ihm etwas anhaben, denn gleich nach seinem Tod begann es wohl zu schneien, so dass er in seinem Eissarg überdauern konnte wie Schneewittchen.

          Erika Simon und Archäologe Walter Leitner haben zum Fund-Jubiläum eine Nachbildung des Tirolers mit in die Berge gebracht.
          Erika Simon und Archäologe Walter Leitner haben zum Fund-Jubiläum eine Nachbildung des Tirolers mit in die Berge gebracht. : Bild: Alexander Maria Lohmann

          Dass der Gletschertote überhaupt ans Tageslicht kam, sei ein fabelhafter Zufall gewesen, sagt Walter Leitner, ein Archäologe der Universität Innsbruck, der Erika Simon in die Berge begleitet. Als die deutschen Bergwanderer hier bei außergewöhnlich hohen Temperaturen unterwegs waren, habe der Ötzi vielleicht erst drei, vier Tage aus dem Eis geschaut. Wie schnell sich das Wetter in diesen Höhen ändern kann, zeigte die Bergung des Leichnams. In der Nacht bevor er, an einem Hubschrauber hängend, ins Tal geflogen werden sollte, hatte es geschneit, so dass die halb ausgegrabene Mumie wieder festgefroren war. „Das kannte der Ötzi schon: Mal lag er frei, mal im Eis“, sagt der Wissenschaftler.

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