http://www.faz.net/-gwz-8jvm2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 01.08.2016, 08:00 Uhr

El-Argar-Kultur Macht ohne Schnörkel

Im Südosten Spaniens blühte in der Bronzezeit ein gut organisiertes Gemeinwesen, das an seiner eigenen Ordnung zugrunde ging. Ein Tag in den Gräbern einer Klassengesellschaft.

von
© Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Das silberne Diadem der „Prinzessin“ von La Almoloya.

Von La Almoloya aus blickt man weit ins Land. Im Süden und Westen erstrecken sich die Hügel der Sierra Espuña in der spanischen Region Murcia. Im Osten ist es flacher. Dafür glüht dort jetzt, um sieben Uhr morgens, ein orangegelber Horizont und beleuchtet ein Gewirr kalkiger Mauerstümpfe. Auf der Fläche eines halben Fußballfeldes überziehen sie das ovale Felsplateau. Dazwischen haben sich neunzehn Frauen und Männer verteilt und arbeiten konzentriert in hockenden oder gebückten Haltungen.

Ulf von Rauchhaupt Folgen:

Gerade noch rechtzeitig blickt auch der Besucher zur Erde. Fast wäre er in ein leeres Tongefäß getreten. „Ein Kindergrab“, erklärt Cristina Rihuete Herrada. „Wir haben es gerade erst geborgen.“ Dann deutet die Forscherin vor sich auf den Boden. Dort ragen Knochen heraus: das Ende eines Oberschenkels, einige Wirbel und Rippen. „Das war ein ganz Armer, eine Grubenbestattung.“

Cristina Rihuete ist Anthropologin und Archäologin an der Universitat Autònoma de Barcelona (UAB) und gehört dort zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die seit Jahren die rätselhafte El-Argar-Kultur erforschen (siehe „Der erste Staat des Westens“). Diese bronzezeitlichen Menschen wohnten gerne an hochgelegenen Orten wie diesem, bis sie etwa 1550 v. Chr. plötzlich verschwanden.

Infografik / Die El-Argar-Kultur © F.A.Z. Vergrößern Südostspanien in der frühen Bronzezeit.

Auch La Almoloya wurde verlassen. Die Forscher aus Barcelona haben eine Idee, was damals passiert sein könnte. Aber viele Fragen sind noch offen, die nur durch Grabungen in argarischen Zentren wie diesem beantwortet werden können. So sind von den vier Projektleitern bis auf einen, Rafael Micó, an diesem Julitag alle hier oben: Neben Cristina Rihuete auch Vincente Lull und Roberto Risch.

Der deutschstämmige Archäologe steht an einem aus Kalksteinplatten gebildeten Kistengrab. Erst vor Tagen war es entdeckt worden. Die nach Süden weisende Hälfte ist mit einer großen Steinplatte bedeckt, in der anderen stehen zwei Kolleginnen Rihuetes und entfernen Erdreich mit einem großen Staubsauger. Dort liegen auch Kalksteinbrocken, als wären sie einst von einem Holzgestell gehalten worden und nach dessen Auflösung in die Kiste gestürzt. „Das ist neu“, wundert sich Risch. „So etwas gab es noch nicht.“

Dabei ist La Almoloya voller Gräber. Dieses ist bereits das achtzigste, das die UAB-Archäologen seit 2013 untersuchen. Die Argarer bestatteten ihre Toten innerhalb der Häuser, allerdings längst nicht alle. Es müssen viel mehr Menschen gelebt haben, als Skelette gefunden wurden. „Den Grund dafür kennen wir nicht“, sagt Roberto Risch. Ein Privileg für Bessergestellte scheint die Hausbestattung nicht gewesen zu sein, obwohl El Argar eine streng hierarchische Gesellschaft war.

Staubsaugen in Grab Nummer 80 

Nach den Grabbeigaben lassen sich drei Klassen unterscheiden: eine Oberschicht, der nicht mehr als zehn Prozent der Gräber zuzuordnen sind, während fünfzig Prozent einer Mittelklasse aus Handwerkern gehören. Vierzig Prozent der Bestatteten waren Diener oder Sklaven, die wie der arme Schlucker in der Grube die Reise ins Jenseits oft ganz ohne Beigaben antreten mussten, obwohl man auch sie mitunter in Kistengräber legte.

Aber kaum in solche wie Grab Nummer 80. Dort sind Rihuete und ihre beiden Kolleginnen gegen neun Uhr noch immer dabei, Erde herauszusaugen. Bisher gibt es keine Funde. Offenbar ist die nördliche Hälfte des Steinkastens leer. „Das war wohl ein Zugangsschacht“, vermutet Roberto Risch. Der Tote müsse unter der Platte liegen. Oder die Toten.

Denn die letzte Ruhe im Fußboden ist nicht die einzige Merkwürdigkeit der argarischen Sepulkralkultur. Etwa jedes zehnte Grab wurde später noch einmal geöffnet, die Knochen zur Seite geschoben und ein zweiter Toter dazugelegt. Da er bei Erwachsenen fast immer dem jeweils anderen Geschlecht angehörte, glaubte man früher, es handele sich um Ehepaare. Doch das kann nicht sein. Wie das UAB-Team durch eine statistische Analyse von Radiokarbon-Daten zeigte, lagen zwischen den beiden Bestattungen eines Doppelgrabes in der Regel zwanzig Jahre und mehr. Die Forscher vermuten daher, dass hier Leute zu ihren Vorfahren gelegt wurden. Auch im Grab 80?

Die Grabplatte wird abgehoben

Um halb zehn treten sechs Männer an die Platte und wuchten sie zur Seite. Darunter erscheint zunächst nur Erdreich, vom Regen der Jahrtausende in die Steinkammer gespült. Die Anthropologinnen werfen ihren Staubsauger an. Die Erde ist krümelig und von öligem Geruch. In den obersten zehn Zentimetern findet sich nur eine hartnäckige Wurzel, für die ein Teppichmesser geholt werden muss. Unterdessen leert Cristina Rihuete einmal mehr den Staubsauger. Der Inhalt wird sogleich durchgesiebt. Hier zeigen sich die ersten Funde, die bis zur Frühstückspause um Viertel nach zehn die ganze Ausbeute bleiben: Knochenfragmente und eine Scherbe. Die Forscherinnen sind sich gleich einig: „Form zwei“.

41453063 © Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Vergrößern Argarische Keramik: Gefäße der Formen fünf (links) und vier.

Tontopf-Typologie gilt sonst als ein eher dröger Aspekt der Archäologie. Aber nicht im Fall der El-Argar-Kultur. Ihre Keramik ist mindestens so seltsam wie ihr Totenkult. Bevor sie um 2200 v. Chr. auftauchte, fertigten die kupferzeitlichen Bewohner der Iberischen Halbinsel vielgestaltiges und reich verziertes Geschirr. Die Argarer machten dem ein Ende. Wo sie das Sagen hatten, waren nur acht verschiedene, wenn auch sehr ansprechende Gefäßformen in Gebrauch, ohne jedes Ornament. 650 Jahre lang gab es dort nur noch dieses keramische Bauhaus, als habe auf innovatives Design die Todesstrafe gestanden. Ein derartiger Normierungswahn ist von keiner anderen vorgeschichtlichen Kultur bekannt.

Gefrühstückt wird auf einfachen Camping-Möbeln. Während Wissenschaftler und Helfer sich die Brote mit Käse oder Dosenfisch belegen, werden Wetten angenommen: Was erwartet sie in Grab 80?

41453060 © Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Vergrößern Messer und Pfriem einer Mittelschichtsfrau. Die Holzgriffe sind verrottet,

In einem Unterschichtsgrab würden sie außer Knochen höchstens ein Gefäß finden, bei einem Mann der Mittelklasse Dolch und Beil, im Falle einer Frau ein Messer und einen Pfriem, ein Stechwerkzeug für Textilarbeiten. Aufgrund der Größe von Nummer 80 glauben fast alle an ein Oberschichtsgrab. „Ein Mann“, sagt Cristina Rihuete, „dazu Gefäße der Formen fünf und sechs sowie ein kurzes Schwert.“ Auch Vincente Lull tippt auf einen bewaffneten Mann. „Aber mit goldenem Armreif und einem Stabdolch.“

Der Stabdolch war eine typische Waffe des frühbronzezeitlichen Westeuropas: eine Klinge, die rechtwinklig am Ende eines etwa einen Meter langen Holzstabes saß. Die Argarer bestatteten damit ausschließlich männliche Angehörige der Oberschicht. Ab etwa 1800 v. Chr. wurden die Stabdolche in „Kriegergräbern“ durch lange Schwerter ersetzt.

41453058 © Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Vergrößern Stabdolch-Klinge, im Original zwanzig Zentimeter lang.

Auf ein solches wettet nun die junge Archäologin Eva Celdrán, denn Grab 80 dürfte nach dem Fußbodenniveau, in dem es gefunden wurde, etwa aus dieser Zeit stammen. Allerdings vermutet sie ein Doppelgrab mit einem Mann und einer Frau – und daher auch Messer und Pfriem. Noch weiter vor wagt sich Roberto Risch: „Ein Doppelgrab. Silberspiralen, zwei Dolche, Pfriem und ein Stabdolch mit Silbernieten.“

Besonders ernst ist das nicht gemeint, aber es erinnert an Grab 38. „Da haben alle völlig danebengelegen“, erzählt Risch. Es war im August 2014 in dem auffälligsten Raum in El Almoloya. Dieser „große Saal“ muss eine Art Versammlungshalle gewesen sein, mit einem Podium und einer umlaufenden Bank, die fünfzig Personen Platz bot, vielleicht um Staatsangelegenheiten zu besprechen. Gegenüber dem Podium stießen sie auf Grab 38: ein großes Tongefäß, in dem zuerst ein Mann Ende dreißig bestattet worden war und dann eine vielleicht zehn Jahre jüngere Frau.

41453062 © Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Vergrößern Der Luxus-Pfriem der „Prinzessin“ von La Almoloya.

Niemand weiß, was sie wirklich war, doch jeder nennt sie „die Prinzessin“, denn ihr Pfriem hatte einen mit Silber ummantelten Griff und auf dem Kopf trug sie ein silbernes Diadem von überwältigend nüchternem Design. In mehr als zweitausend wissenschaftlich untersuchten El-Argar-Gräbern wurden bislang erst fünf solche Stücke gefunden. Offenbar waren die Silberdiademe nur den allerhöchsten Damen vorbehalten.

Dass ein solcher Jahrhundertfund sich heute wiederholt, davon wagt Risch auch im Spaß nicht zu träumen. Aber keiner der Wissenschaftler ist so pessimistisch wie Grabungsarbeiter Paco. Er wettet, Grab 80 sei leer.

Schon kurz nach der Pause ist Paco widerlegt. Um elf Uhr legt Rihuetes Staubsauger einige Quadratzentimeter Knochen frei: „Ein Schädel.“ Sofort trägt man ein Gerüst mit Plane herbei und stellt es über die Fundstelle. Das wäre an anderen Tagen nötiger als heute, wo immer wieder Wolken über den Himmel ziehen. Die Sonne ist der Feind der Paläogenetiker, die versuchen, aus DNA-Resten in den Knochen Rückschlüsse auf Verwandtschaftsverhältnisse oder ethnische Herkunft zu ziehen. Frühere Versuche waren an den ungünstigen Erhaltungsbedingungen für Erbmaterial im heißen Südspanien gescheitert. Momentan werden neue Proben mit modernsten Methoden in Harvard und Jena untersucht.

Braten in Honig

Der Sonnenschutz kam nicht zu früh. Minuten später tauchen links neben dem Fleckchen Hirnschale weitere Knochen auf: Rippen und ein Oberarm. „Eine Frau“, sagt Cristina Rihuete, „eine kleine, grazile.“ Ob dieser auch der Schädel gehört, könne sie noch nicht sagen. Aber der Topf, der da gerade zum Vorschein kam, das sei eine Form fünf. Das Gefäß werde samt der Erde darin geborgen und im Labor untersucht, erklärt Roberto Risch. Ziemlich sicher enthielt es Speisen, wahrscheinlich Fleisch von Schaf oder Ziege mit Gemüse in einer Honigtunke, wie es Spurenanalysen an Töpfen aus anderen Gräbern zeigten,

Die Argarer aßen aber auch Pferdefleisch. Am Südende der Anlage sind zwei Studentinnen gerade damit beschäftigt, Pferdeknochen freizulegen. Freilich wurden die Tiere auch geritten. Der Mann im Grab der „Prinzessin“ muss ausweislich seines Skeletts viel Zeit im Sattel verbracht haben.

„Metall!“

In Grab 80 röhrt wieder der Staubsauger und säubert die Reste der kleinen Frau. Aber was für ein Durcheinander! „Ihre Knochen wurden offenbar als Bündel zur Seite geräumt“, erklärt Rihuete. Es sieht also nach einem Doppelgrab aus, auch wenn erst ein Schädel zu sehen ist. Doch es ist der rechte Hinterkopf. Das Gesicht liegt also auf der linken Seite – so wurden bei den Argarern die Männer bestattet. Darüber debattieren die Forscherinnen aber jetzt nicht, das Säubern und das gleichzeitige Prüfen und Verpacken der Kleinfunde aus dem Sauggut beanspruchen ihre ganze Konzentration. Plötzlich blickt eine der Frauen auf und strahlt über das ganze Gesicht: „Metall!“

Vincente Lull eilt herbei. Man reicht ihm feineres Werkzeug, darunter Zahnarztbesteck. Es ist eine Bronzeklinge, so viel ist sicher. Momentan liegt nur die Spitze frei. Je nachdem wie sie sich fortsetzt, ist es ein Stabdolch oder ein Schwert. Im Augenblick vermutet Lull ein Schwert. Die Frage sei nun, ob ein kurzes oder ein langes – im zweiten Fall wäre der Tote einer der frühesten El-Argar-Krieger, der nicht mehr mit einem Stabdolch in den Kampf gezogen ist.

41454073 © ASOME-UAB Vergrößern So saß die Klinge an einem Stabdolch.

Am Ende ist es dann doch ein Stabdolch. Doch zehn Minuten später taucht gegenüber ein einzelner Stein auf. Der gehört nicht zu dem Versturz aus Kalksteinbrocken, sondern ist eigentümlich glatt. „Das könnte ein Amboss sein“, sagt Roberto Risch. „Dann hätten wir es hier mit einem Metallurgen zu tun.“

Metalle und ihre Verarbeitung waren für die Argarer von enormer Bedeutung, vor allem natürlich die Bronze. Das zweite wichtige Metall war Silber für die Insignien der Oberschicht. Gold spielte nur eine untergeordnete Rolle – im Gegensatz zum goldvernarrten Osten des Mittelmeerraums dieser Zeit. Bislang gibt es in El-Argar-Fundstätten jedoch keine Hinweise auf kulturelle oder auch nur merkantile Kontakte dorthin. Nicht eine Scherbe verweist auf das mittlere Reich Ägyptens, das Babylon Hammurabis oder auf die kretischen Minoer, deren alte Paläste blühten, als auf La Almoloya der Krieger aus Grab 80 neben den Knochen einer kleinen Frau bestattet wurde.

Ein frühbronzezeitlicher Sitzungssaal

Trotzdem zeigt La Almoloya funktionale Ähnlichkeiten mit den Palästen des Ostens, die zugleich politisch-kultische und wirtschaftliche Zentren waren. Auf dem Plateau lassen sich die Grundmauern von neun Gebäuden unterscheiden, die nicht nur zum Wohnen dienten: Der „große Saal“ ist möglicherweise die früheste bekannte Baulichkeit im prähistorischen Kontinentaleuropa mit spezifisch politischem Zweck. Auch finden sich Werkstätten und Vorratsräume, wie es sie auch in anderen argarischen Siedlungen gab. Möglicherweise waren hier Angehörige der Unterschicht damit beschäftigt, die von ihren Klassengenossen im Umland als Tribut entrichteten Naturalien zu verarbeiten, Textilien herzustellen und überhaupt Reichtum anzuhäufen, der am wenigsten ihnen selbst und am meisten der silbergeschmückten und bronzebewaffneten Oberschicht zugutekam.

41453059 © Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Vergrößern Ohrringe aus dem Grab der „Prinzessin“.

Wie das am Ende ausging, davon zeugt zum Beispiel das, was Vincente Lull und seine Helfer gerade südlich von Grab 80 von einem Kalkfußboden aus der letzten Bauphase von La Almoloya kratzen. Es ist Lehm, der von dem Dach und den Wänden stammt, die um das Jahr 1550 v. Chr. auf den Boden stürzten. Der „Palast“ endete, wie zur gleichen Zeit die anderen Zentren von El Argar, in plötzlicher Zerstörung. Es war keine Naturkatastrophe, und auf äußere Feinde, die dies angerichtet haben könnten, fehlt jeder archäologische Hinweis.

Die Trümmer der Revolution

Was wirklich passiert sein könnte, dafür geben einmal mehr die Gräber einen Anhaltspunkt. Nicht die der Krieger oder Prinzessinnen, sondern die vielen Gerippe von Babys und Kindern. In der letzten Phase von El Argar muss die Kindersterblichkeit deutlich gestiegen sein.

Dahinter steht vermutlich ein hausgemachtes Umweltproblem. Gerste, das argarische Grundnahrungsmittel, ist ein genügsames Getreide. Stehen ausreichend Arbeitskräfte und eine Organisation zur Sammlung und Bevorratung zur Verfügung, kann auch ein großes Gemeinwesen damit Trockenperioden überstehen und weiter wachsen. War die Gerste ein möglicher Grund für den Aufstieg von El Argar und die erfolgreiche Unterwerfung so vieler Menschen unter die Fürstinnen oder Fürsten mit Vorliebe für schnörkellose Keramik gewesen, so wurde sie jetzt ihr Verhängnis. Die Gerste-Monokulturen laugten das Land aus, die Anbaugebiete mussten in problematische Bereiche ausgedehnt werden, die später erst wieder die Römer nutzten – und trotzdem reichte es nicht. Die Schere zwischen dem Hunger der Habenichtse und dem Honigschmaus der Herrinnen und Herren ging immer weiter auf und wurde am Ende unerträglich. Es kam zur Revolte.

41453053 © Foto ASOME-UAB / José Antonio Soldevilla Vergrößern So ein Dolch durfte in keinem argarischen Kriegergrab fehlen.

Marxisten dürften an dieser Interpretation ihre helle Freude haben, zumal solche, die ihren historischen Materialismus zeitgemäß ökologisch ausbauen. Das kann misstrauisch machen, ob denn da nicht die Vergangenheit zu sehr durch die Brille unserer Gegenwart gesehen wird, zumal wir über die geistigen und religiösen Kräfte, die damals im Spiel waren, nicht das Geringste wissen. Doch will Archäologie nicht nur Töpfe beschreiben, sondern etwas verstehen. Verständnis aber hat in empirischen Wissenschaften die Form möglichst einfacher Hypothesen, die am besten zu allen vorliegenden Daten passen. Fest steht, dass El Argar nach den vermuteten Aufständen nicht nur politisch, sondern auch ideologisch am Ende war: Die Hausbestattungen hörten schlagartig auf. Als seien die zugehörigen Glaubensvorstellungen plötzlich verboten – oder alle Gläubigen umgebracht worden.

Für die kleine Frau, für die Grab 80 angelegt wurde, war die Welt noch in Ordnung gewesen. Und auch ihr Nachfahre, auf dessen freigepinselten Schädel wir nun schauen, starb 250 Jahre vor der Katastrophe und mag sich noch guten Gewissens als Beschützer einer Ordnung verstanden haben, in der jeder seinen Platz hat und die schließlich auch die Geringsten ernährt. Wie sollte er wissen, dass dieses System nicht nachhaltig war? Und, mag man aus moderner Perspektive hinzufügen, hätte sich irgendetwas für ihn geändert, wenn er es gewusst hätte?

41453284 © Foto ASOME-UAB Vergrößern Der Krieger und die kleine Frau: die Toten von Grab 80 in La Almoloya

Es ist zwei Uhr mittags, und wir verlassen die beiden. Den Archäologen wird es ab dieser Uhrzeit zu heiß. Cristina Rihuete Herrada und ihre beiden Kolleginnen aber bleiben bis zum Abend, um das Grab 80 vollständig auszusaugen und Knochen samt Beigaben zu bergen.

Später am Tag treffen wir Vincente Lull in dem nahe gelegenen Städtchen. Er hat eine Flasche Champagner für die drei Anthropologinnen besorgt und zeigt das Bild, das er gerade per Whatsapp bekommen hat. „Sie haben noch seinen Dolch gefunden“, erzählt er fröhlich. Die Beigaben der kleinen Frau hingegen waren – wie häufig in argarischen Doppelgräbern – bei der zweiten Bestattung entfernt worden. Bis auf ein Stück Silberblech unter ihren Knochen. Möglicherweise ist es Teil eines Diadems.

Mehr zum Thema

Zur Homepage