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El-Argar-Kultur : Der erste Staat des Westens

Wehrhaft wie Troja: Rekonstruktion des argarischen urbanen Zentrums „La Bastida“ Bild: Grafik ASOME-UAB / Daniel Méndez

Sie waren gut organisiert und Frauen spielten bei ihnen eine wichtige Rolle. Woher aber kamen die Menschen der rätselhaften El-Argar-Kultur?

          Um das Jahr 2200 v. Chr. entglitt den letzten Pharaonen der sechsten Dynastie die Herrschaft über Ägypten. Etwa zur gleichen Zeit ging in Mesopotamien mit dem Reich von Akkad das erste Imperium der Geschichte unter. Und an den Dardanellen brannte Troja II, die Stadt, die später Heinrich Schliemann irrtümlich für das Troja Homers hielt. Man weiß nicht genau, was diese Krise in der Welt der frühen Bronzezeit ausgelöst hat, ob es überhaupt einen gemeinsamen Faktor gab, einen klimatischen etwa. Und vielleicht war es auch wirklich nur ein Zufall, dass just zu dieser Zeit am anderen Ende des Mittelmeerraums das erste Staatswesen Westeuropas entstand.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von seiner Existenz erfuhr auch die Fachwelt erst, als der Ingenieur Rogelio de Inchaurrandieta 1869 an einem Ort namens La Bastida in der Region Murcia auf einige Gräber stieß. Viel Beachtung fand dies nicht. Erst nachdem der gebürtige Belgier Louis Siret und sein Bruder Henri in den 1890er Jahren bei El Argar im Osten Andalusiens auf Hunderte von Bestattungen gestoßen waren, wurden die Eigentümlichkeiten dieser Kultur deutlich (siehe „Macht ohne Schnörkel“), und sie bekam ihren modernen Namen. Wie sie sich selbst nannte, werden wir nie erfahren, denn anders als Akkader oder Ägypter kannten sie sehr wahrscheinlich noch keine Schrift.

          Südostspanien in der frühen Bronzezeit.
          Südostspanien in der frühen Bronzezeit. : Bild: F.A.Z.

          Und doch handelt es sich bei El Argar um einen Staat. Es war ein homogenes territoriales politisches Gebilde, das sich sehr von den kupferzeitlichen Kulturen unterschied, die ihm weichen mussten – wenn auch diese keine egalitären, geschweige denn friedlichen Gemeinwesen waren, wie etwa die stark befestigte Siedlung von Los Millares nahe Almeria zeigt. Von diesen unterschied sich die El-Argar-Kultur insbesondere durch die Anlage hochgelegener Wohnstätten, oft in etlichen Kilometern Entfernung zu den Ackerflächen und mit problematischer Wasserversorgung.

          Ein Beispiel ist La Bastida in Murcia, ein in den Bergen verstecktes urbanes Zentrum, in dem etwa tausend Menschen gelebt haben müssen. Archäologen der Universitat Autònoma de Barcelona (UAB) haben hier zwischen 2009 und 2013 fünfzehn Prozent der Siedlungsfläche ergraben und neben einer monumentalen turmbewehrten Stadtmauer auch Reste eines ausgeklügelten Wassermanagements gefunden. Näher bei den Gerstefeldern waren kleinere Strukturen wie die sieben Kilometer östlich von La Bastida gelegene Tira del Lienzo. Die spärlichen Grabfunde zeigen, dass Angehörige der argarischen Mittel- und Oberschicht hierher nur zeitweise entsandt waren.

          Durchorganisiertes Abgabensystem

          Zudem bestand Tira del Lienzo im Wesentlichen aus Werkstätten und Vorratsspeichern, was die Vermutung nahelegt, dass Gebäude wie diese dazu dienten, die Steuern oder Tribute der lokalen Bauern einzusammeln, bevor man sie zu „Palästen“ wie La Almoloya oder in die urbanen Zentren wie La Bastida brachte. Auch wenn in El Argar vielleicht keine zentrale Herrscherpersönlichkeit das Sagen hatte, sondern ein Verbund regionaler Aristokratien oder Oligarchien, kann ein so organisiertes Gemeinwesen kaum als etwas anderes bezeichnet werden als ein Staat.

          Und dieser Staat breitete sich nach der Wende zum zweiten Jahrtausend v. Chr. immer weiter aus, vermutlich durch gewaltsame Eroberung. „Dafür haben wir mehrere Indizien“, sagt Rafael Micó von der UAB, einer der vier Projektleiter der Ausgrabungen in La Bastida, La Almoloya und Tira del Lienzo. Erstens wäre da die soziale Bedeutung waffentragender Krieger, zweitens die eindruckvollen Befestigungen in Orten wie La Bastida und die Lage anderer Siedlungen auf leicht zu verteidigenden Anhöhen. Ausweislich der geographischen Verteilung der Fundorte (siehe Karte) war schließlich ein Gebiet von der Größe Baden-Württembergs den Herren von El Argar untertan.

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