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Veröffentlicht: 24.11.2016, 17:46 Uhr

Paläoanthropologie Über das Vergehen der Arten

Der Mensch teilt alles Leben in Spezies ein. Doch nun ist dieses Konzept ausgerechnet bei den Angehörigen seines eigenen Stammbaums in die Krise geraten.

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© Picture-Alliance Vergesst Lucy! Die südafrikanischen Hominiden, wie hier Australopithecus sediba, standen uns offenbar deutlich näher.

Charles Darwin war ein höflicher Mann. Doch beim Thema Rankenfußkrebse platzte ihm einmal der Kragen: „Diese verdammte Variation“ schimpfte er 1850 in einem Brief an den Botaniker J. D. Hooker. Darwin saß damals gerade an einem monumentalen Werk über die Meerestierchen, zu deren bekanntesten Vertretern die Seepocken gehören. Waren die ersten Exemplare, die er untersuchte, noch verschieden genug, um sie einfach taxonomisch klassifizieren zu können - also etwa der einen oder anderen Art zuzuordnen -, wurde die Sache mit zunehmender Materialmenge immer konfuser.

Ulf von Rauchhaupt Folgen:

Nun zeigten sich Variationen innerhalb einzelner Seepockenspezies, die mitunter stufenlos in die Unterschiede zwischen den Arten überzugehen schienen. Wie da entscheiden, ob zwei Exemplare noch zu einer Art gehören oder nicht? Was ist eine Art überhaupt? Die Frage war noch offen, als neun Jahre später Darwins Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ erschien, in dem er resigniert bemerkte: „Bisher konnte keine Definition alle Naturforscher zufriedenstellen. Und doch hat jeder eine vage Vorstellung, was er meint, wenn er von einer Art spricht.“

Was ist eine Art?

Das Problem ist nur, dass dann nicht notwendig alle von derselben Sache sprechen. Tatsächlich sind heute mehr als zwei Dutzend verschiedene Artbegriffe in Gebrauch. Der bekannteste wurde 1942 von dem Vogelkundler und Evolutionsbiologen Ernst Mayr definiert, demnach gehören Lebewesen einer Art an, wenn sie sich kreuzen lassen und dabei fortpflanzungsfähigen Nachwuchs hervorbringen. Die Crux ist nur: Bei vielen Organismen - etwa den Seepocken - wären Artzugehörigkeiten damit nur mit sehr viel Aufwand und Geduld zu klären und bei solchen, die sich nicht geschlechtlich vermehren, Bakterien etwa, überhaupt nicht. Und natürlich auch nicht bei ausgestorbenen Lebewesen.

Sofern deren Reste zu alt sind, um noch Erbsubstanz zu enthalten, ist man bei der Artbestimmung ganz auf Merkmale der äußerlichen Gestalt angewiesen, ihre Morphologie also. Sind sie andererseits so jung, dass die fossile Überlieferung evolutionäre Veränderung in der Zeit aufzulösen vermag, wird es gleich doppelt schwierig, solche morphologischen Spezies voneinander abzugrenzen.

Neue Funde verschärfen das Problem

Genau das ist die Situation bei den Arten, die unsere eigene hervorbrachten. „Die Paläoanthropologie ist heute in genau der gleichen Lage wie Darwin mit seinen Seepocken“, sagt Francis Thackeray von der University of the Witwatersrand in Johannesburg. Als 1924 der erste Hominide in Afrika entdeckt wurde, sagt Thackeray, sei es einfach gewesen, ihn als eine neue Art Australopithecus africanus zu beschreiben. Heute aber ordnen die Forscher mehrere tausend Fossilfunde aktuell 23 Hominidenspezies zu. Die jüngsten sind drei spektakuläre südafrikanische Funde: Erstens der 2011 publizierte Australopithecus sediba. Zweitens „Little Foot“, das bisher vollständigste Skelett eines frühen Hominiden, dessen Veröffentlichung als Australopithecus prometheus demnächst bevorsteht. Und drittens Homo naledi, der mit 15 Individuen bislang umfangreichste, aber bislang nicht genauer datierbare Frühmenschenfund, der im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte.

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