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Cheops-Pyramide : Die kosmische Kammer

Das Innere der um 2600 v. Chr. erbauten Cheops-Pyramide: Königskammer (1), Entlastungskammern (2), „ Königinnenkammer“ (3), Große Galerie (4), „Chevrons“ (5), im Oktober 2016 entdeckter Hohlraum (6), ungefähre Lage des jetzt entdeckten Hohlraums (7). Bild: ScanPyramid Mission

Exotische Teilchen haben Forschern einen bislang unbekannten riesigen Hohlraum in der Cheops-Pyramide offenbart. Physikalisch ist der Befund eindeutig, ägyptologisch ist er vielleicht weniger überraschend, als es zunächst scheint.

          Zahi Hawass scheint etwas gegen verborgene Kammern zu haben. Als vor zwei Jahren der begründete Verdacht aufkam, es könnte im Grab des Pharao Tutanchamun im Tal der Könige bisher unentdeckte vermauerte Räumlichkeiten geben, hatte der frühere Chef der ägyptischen Antikenbehörde dafür nur Hohn übrig. Am vergangenen Donnerstag nun verkündeten japanische, ägyptische und französische Experten in „Nature“ die Entdeckung eines großen Hohlraums in der mehr als 1300 Jahre vor Tutanchamun errichteten Pyramide des Cheops – und wieder kam die ätzendste Kritik von Hawass. „Gar nichts haben die gefunden“, erklärte er gegenüber der „New York Times“. „Diese Veröffentlichung bring der Ägyptologie nichts. Null.“

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich sind die Autoren des Nature“-Artikels keine Ägyptologen. Es sind Ingenieure, Informatiker und Physiker. Und von jenem Hohlraum gibt es auch keine Bilder – und schon gar keine Innenaufnahmen –, sondern nur Wolken aus Datenpunkten, die eine Sorte Elementarteilchen in Detektoren hinterlassen haben: sogenannte Myonen.

          Keine Kammern nebenan bei Chephren

          Das sind instabile Verwandte der Elektronen, zweihundertmal schwerer als diese. Sie entstehen in der Erdatmosphäre, wenn kosmische Strahlung Atomkerne in Luftmolekülen zertrümmert. Da der Kosmos immer strahlt, prasseln auch ständig Myonen auf die Erdoberfläche ein, im Schnitt hundert Stück pro Sekunde und Quadratmeter. Aufgrund ihrer hohen Energie dringen sie durch Felsenmassen wie Röntgenstrahlen durch Körpergewebe. Ein Vergleich von Myonenflüssen an der Oberfläche und in einem unterirdischen Gang gibt daher Aufschluss über die Dichte des dazwischenliegenden Gesteins. Wenn ein unterirdischer Myonendetektor auch noch feststellen kann, aus welcher Richtung die Teilchen kommen, lassen sich damit Verdichtungen im Fels lokalisieren oder eben Hohlräume.

          Myonen-Radiographie ist keine neue Methode. Bereits 1955, nur 19 Jahre nach der Entdeckung des Myons, machten sich australische Tiefbauingenieure die Idee zunutze. Heute geben Myonen Auskunft über das Innenleben von Vulkanen oder konnten zeigen, dass sich im Block 1 des Kernkraftwerks Fukushima der geschmolzene Uranbrei durch die Wand des Reaktorkerns gefressen hatte. In den späten 1960er Jahren stellte der Physik-Nobelpreisträger Luis Alvarez Myonen-Detektoren in der Kammer unter der Pyramide des Chephren auf.

          Er wollte nachsehen, ob der Sohn des Cheops und Erbauer des zweitgrößten altägyptischen Monuments wie sein Vater Kammern im Zentrum seines Bauwerks hatte anlegen lassen, aber erfolgreicher darin war, die Zugänge zu verbergen. Alvarez und seine Mitarbeiter konnten das damals ausschließen: In der Chephren-Pyramide gibt es keine Hohlräume, die in Lage und Ausdehnung der Königs- oder Königinnenkammer in der Cheopspyramide entsprechen und erst recht nicht so etwas wie die über vierzig Meter lange und acht Meter hohe „Große Galerie“.

          Auch über dem Eingang ist es hohl

          Die Innenausstattung der Cheops-Pyramide ist eigentlich auf das gründlichste erforscht, nachdem der Kalif al-Ma’mun den Bau vor mehr als tausend Jahren zum ersten Mal seit dem Altertum hatte öffnen lassen. Die Anzahl und Lage ihrer Kammern und Gänge macht Cheops’ Grablege zu einem Sonderfall unter den Pyramiden. Noch immer streiten die Gelehrten, wie die kupferzeitliche Zivilisation des Alten Reiches in der Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus so etwas hatte erbauen können. Im Jahre 2013 taten sich daher französische Experten für 3D-Computerdarstellungen mit japanischen Myonen-Radiographen und Ingenieuren von der Universität Kairo zur „Scan Pyramid Mission“ zusammen. 2015 testeten sie ihre Ausrüstung an der sogenannten Knickpyramide, die Cheops’ Vater Snofru hatte erbauen lassen, dann stellten sie ihre Detektoren – an der Nagoya-Universität in Japan entwickelte Platten mit myonenempfindlicher Emulsion – in der Cheops-Pyramide auf.

          Und zwar zuerst in dem absteigenden Zugang nahe der Nordseite, denn darüber hatten Infrarotmessungen kanadischer Experten eine thermische Anomalie entdeckt, die sie als Hinweis auf einen Hohlraum nahe der Pyramidenoberfläche deuteten. Tatsächlich vermeldete die Scan Pyramids Mission im Oktober 2016 die Entdeckung eines Hohlraums oberhalb des Eingangs, genau hinter gewaltigen, von außen sichtbaren Steinwinkeln, den sogenannten Chevrons. Doch das war noch nichts gegen das, was die Detektorplatten, die man in der Königinnenkammer im Zentrum des Baus ausgelegt hatte, im März dieses Jahres offenbarten.

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