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Veröffentlicht: 16.01.2017, 09:00 Uhr

Archäo-Metallurgie Reinstes Gold

Seit Jahren tobt ein Streit um die Echtheit eines bronzezeitlichen Schatzes in Bayern. Jetzt haben die damit befassten Archäologen eine ausführliche Verteidigungsschrift vorgelegt. Aber es bleiben Fragen.

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© Foto Archäologische Staatssammlung München/Friedrich Das Bernstorfer Edelmetall könnte einst ein Kultbild geziert haben und die Verbindung des bronzezeitlichen Bayern zum Mittelmeerraum bezeugen. Wenn nur der Fälschungsverdacht nicht wäre.

So könnte es gewesen sein: In der Mitte des 14. Jahrhunderts vor Christus siedelten Angehörige einer Hügelgräberkultur auf einer Anhöhe am Ufer der Amper. Heute liegt dort beim Gut Bernstorf nahe Kranzberg im Landkreis Freising eine verfüllte Kiesgrube. Damals wurde der Hügel von einer 1,6 Kilometer langen Mauer aus Holz und Erde befestigt. Aus dieser Zeit ist es die größte bekannte Anlage dieser Art in Mitteleuropa.

Ulf von Rauchhaupt Folgen:

Vielleicht war es als Opfergabe zur Segnung des Riesenbaus gedacht. Irgendwann zündete ein Priester ein mit dünnem Goldblech geschmücktes Kultbild an. Als es verbrannt war, zog er das Gold aus der Asche, faltete Teile wie das fünfzackige Diadem sorgfältig zusammen und deponierte es zusammen mit etlichen Bernsteinen in der Erde. In der mitteleuropäischen Bronzezeit war das rituelle Vergraben von Wertsachen üblich. Doch dies war ein besonderes Opfer, hatte das Gold doch einst ein Händler aus dem tiefen Süden an die Amper gebracht, dazu bearbeitete Bernsteine, unter anderem einen mit der Darstellung eines Gesichts sowie ein Bernsteinsiegel mit Zeichen, welche die Forscher LinearB nennen, eine Silbenschrift, in der die Mykener eine Frühform des Griechischen schrieben. Ein erster Bernstein wurde 1997 von zwei ehrenamtlichen Mitarbeitern des Archäologischen Vereins Freising gefunden, die an der Entdeckung jener bronzezeitlichen Mauer beteiligt gewesen waren. Im Sommer 1998 fanden die beiden dann das Gold.

Von der Provinzposse zum Forscherstreit

Oder war es eher so? 1997 oder 1998 bemerkte jenes Freizeitarchäologen-Duo, dass der Kiesabbau an der Nordflanke des Bernstorfer Hügels die bronzezeitlichen Mauerreste gefährdete. Als das Landesdenkmalamt sich nicht engagieren mochte und die Bagger immer näher rückten, besorgten sie sich Gold und Bernstein, bearbeiteten sie auf bronzezeitliche Art, sengten Teile davon an und falteten sie, um eine rituelle Deponierung vorzutäuschen. Dann versteckten sie alles nach und nach auf dem vom Kiesabbau bereits verwüsteten Teil des Geländes, wo sie es dann selbst „fanden“ beziehungsweise die ahnungslosen Mitarbeiter des Denkmalamtes und der Archäologischen Staatssammlung München finden ließen.

Beide Versionen der Geschichte über die Herkunft des Bernstorfer Goldfundes, dem in Kranzberg mittlerweile ein eigenes Museum gewidmet ist, sind fiktiv. Doch eine davon kommt der Wahrheit näher als die andere. Welche das ist, darüber tobt seit der Entdeckung ein Streit, der sich 2013 von einer Provinzposse zu einer erbitterten wissenschaftlichen Kontroverse auswuchs. Damals stellte Ernst Pernicka vom Mannheimer Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie seine Analysen von elf Proben des Bernstofer Goldes vor.

Zu rein um wahr zu sein?

Schon zuvor war den in Bernstorf grabenden Archäologen die extreme Reinheit des Goldes aufgefallen. Doch Pernicka – ein angesehener Spezialist für antikes Metall, der unter anderem eingeladen wurde, das Gold der Maske Tutanchamuns zu analysieren – kam zu dem Schluss, dass sich das Bernstorfer Material nicht von Feingold unterscheidet. Dieses wird mit einem Verfahren hergestellt, das erst seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist. In der Natur könnten allenfalls einzelne kleinste Körnchen in Flüssen zufällig diese Reinheit erreichen. Makroskopische, von Menschen gesammelte Goldmengen enthielten immer eine gewisse Menge an Silber, etwas Kupfer und Spuren anderer Elemente. Der Bernstorfer Fund, so Pernicka, muss daher eine moderne Fälschung sein.

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