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Wissenschaftler gegen Trump : Die Abwehrschlacht der Aufklärer

Twitterseite von „March on Washington“ Bild: Twitter

Sie formieren sich in sozialen Medien, planen den „Marsch auf Washington“ und sehen sich schon in einer Reihe mit Wissenschaftsmärtyrer Galileo. Amerikas Forscher fürchten Schlimmes.

          „Wissenschaft ist eigentlich nicht politisch, aber in diesem politischen Umfeld, müssen wir verdammt noch mal politisch werden“. Mike Sears ist Klimabiologe an der Clemson University in South Carolina, meilenweit weg von Washington, aber über Twitter und die anderen sozialen Medien richtet sich sein Blick nicht mehr weg von der amerikanischen Hauptstadt. Er schaut dorthin und Abertausende mit ihm. Täglich werden es Tausende mehr. Aus dem Unbehagen, das der neue amerikanische Präsident mit seiner demonstrativ wissenschaftsfeindlichen Haltung schon während des Wahlkampfs und erst Recht nach der Ernennung seiner Minister und Administratoren hervorgerufen hat, ist schierer Zorn geworden.  Existenzängste treiben sie an, Gerüchte, und ein nun schon sehr konkretes Bedürfnis, gegen die drohenden Einschränkungen und möglichen Budgetkürzungen gemeinsam aufzustehen.

          Provokation oder Zensur? Gelöschte klimapolitische Tweets.
          Provokation oder Zensur? Gelöschte klimapolitische Tweets. : Bild: Twitter
          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Bewegung hat etwas von einem Überlebenskampf der Aufgeklärten.  Die Internetseiten mit dem Aufruf „Scientists March on Washington“ bekommen jeden Tag Tausende neuer Mitglieder und Follower, der Hashtag „#USofScience“, den die junge Eiszeitforscherin Jacquelyn Gill von der University of Maine gestartet hatte, wurde schnell zum virtuellen Treffpunkt für all die besorgten Wissenschaftler - junge Forscher vor allem -, die das wissenschaftspolitische Vakuum der ersten Tage unter der Trump-Regierung mit den düstersten Mutmaßungen auszuschmücken verstehen. Inzwischen allerdings sind es längst nicht mehr nur die Jungen, die in Massen den Abwehrkampf gegen Washington inszenieren. Michael Eisen, Biologe an der University of California und Mitbegründer der Public Library of Science, einer der aktivsten politischen Köpfe im Land, hat zur Mahnwache in Washington aufgerufen: „Ich schlage vor, wir Wissenschaftler rufen einen nationalen Tag des Protestes aus, und zwar am 15. Februar, Galileos Geburtstag“.

          Ob es tatsächlich zu einem Demonstrationszug vors Weiße Haus mit Wissenschaftlern aus dem ganzen Land kommen wird, hängt sicher davon ab, wie radikal Trump seine „postfaktische“ Wissenschafts- und Umweltpolitik nun umsetzt in Regierungshandeln. Schon kurz nachdem der ehemalige New-York-Times-Journalist Andrew Revkin vor zwei Tagen auf der unabhängigen Plattform “ProPublica“  darüber berichtet hatte, dass die Verträge und Bezüge von Wissenschaftlern in der  Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency)  nach einer Anweisung aus Washington eingefroren beziehungsweise „ausgesetzt“ worden seien, wütete ein Twittersturm aufgebrachter Wissenschaftler durchs Land. Die Maßnahme würde gut ins Bild passen, das Trump bisher mit seinem offenen Widerstand gegen das Establishment der Klimaforschung und mit der Ernennung des Juristen Scott Pruitt zum künftigen EPA-Chef an den Tag legte. Pruitt hatte in seiner Zeit als Generalstaatsanwalt in Oklahoma nicht weniger als vierzehn Prozesse gegen offizielle EPA-Verordnungen geführt.

          Trumps EPA-Administrator Scott Pruitt.
          Trumps EPA-Administrator Scott Pruitt. : Bild: EPA

          Das umweltpolitische Seismometer in den Forschungsinstituten schlägt immer radikaler aus. Auch auf dem flachen Land. Als der Social Media Manager des Badlands Nationalparks offensichtlich aus Wut über Trumps mutmaßliche Wende in der Klimapolitik dazu überging, anstelle attraktiver Tier- und Landschaftsfotos aus dem Schutzgebiet plötzlich Twitternachrichten zu verbreiten, die der Ölindustrie nicht schmecken konnten, weil darin der Zusammenhang von Klimawandel und fossilen Energieträgern belegt werden sollte, kam es zum radikalen Eingriff. Von höherer Stelle wurden die entsprechenden industriekritischen Tweets gelöscht - was allerdings im sozialen Netz genau das Gegenteil der Zensur bewirkte. Die schon früh verlinkten Twitternachrichten des Badlands Nationalpark wurden zu Tausenden favorisiert, geliked und weiter verbreitet. 

          Twittersturm mit klimapolitischer Botschaft.
          Twittersturm mit klimapolitischer Botschaft. : Bild: Twitter

          An Zensur und Erdogansche oder chinesische Verhältnisse erinnert auch die Nachricht, die  von der gewöhnlich gut unterrichteten Nachrichtenagentur „Reuters“ verbreitet wird: Die Kommunikationsabteilung der EPA sei von offizieller Seite aus Washington angewiesen worden, Webseiten zum Klimawandel und Internetseiten mit den bislang öffentlichen Daten über die Entwicklung der Treibhausgas-Emissionen im Land offline zu stellen. Die Agentur beruft sich auf zwei Mitarbeiter der EPA, die namentlich nicht genannt werden wollen. Auch die amerikanische Nachrichtenagentur AP legte mit einer Eilmeldung nach: „Trump verbietet EPA-Mitarbeitern, Neuigkeiten über soziale Medien zu verbreiten oder Journalisten zu informieren und untersagt neue Verträge oder Fördermittel zuzusagen.“ 

          Was solche radikalen Eingriffe in die Informationsfreiheit den sogenannten Klimaskeptikern bringen sollen, ist völlig unklar;  ob es eine Art klimapolitische Strafaktion gegen die von Ex-Präsident Obama mit Hilfe der EPA begonnenen, grünen Klimaschutzpolitik ist, bleibt im Dunkeln. Momentan lässt sich nicht einmal genau sagen, was an diesen „Anweisungen“ wirklich stimmt und was in der aktuellen  umweltpolitischen Hitzewelle gerade hinein interpretiert wird. Eine offizielle Stellungnahme aus Washington oder ein - was zur Zeit wahrscheinlicher wäre - Tweet des Präsidenten mit dem entsprechenden verbalen Tiefschlag gibt es bisher noch nicht. 

             

          Quelle: FAZ.NET

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