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Mehr Infizierte : Amerika hat die Pest

Sie sind noch da: Pesterreger unter dem Rasterelektronenmikroskop Bild: Picture-Alliance

Kommt die Pest zurück? In den Köpfen der Amerikaner auf jeden Fall. Sie lesen immer öfter von neuen Infektionen. Erinnerungen an den „Schwarzen Tod“ werden wach gehalten. Wer setzt ihnen nur solche Flöhe ins Ohr?

          Keine toten Tiere anfassen, Karnickelhöhlen beim Campen meiden und Vorsicht im Umgang mit Katzen, überall könnten infizierte Flöhe lauern - Amerikas lokale Medien, so scheint es, rüsten sich gegen eine Ausbreitung der Pest. Mehrere nachgewiesene Pestinfektionen in diesem Jahr, 16 Fälle im vergangenen Jahr, wovon immerhin vier tödlich verlaufen waren - ist das der Anfang einer „Pestwelle“? Nachdem das Gesundheitsamt des Coconino County im Bundesstaat Arizona Anfang August von reihenweise dahingerafften Prairiehunden und Kaninchen berichtete, auf denen Flöhe mit dem Pesterreger Yersinia pestis gefunden worden waren, schien jedenfalls nicht nur für die lokale Presse die Zeit reif für die ersten Seuchenschutztipps.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dabei ist die Pest in Amerika keineswegs neu. Nach der letzten größeren Epidemie vor etwas mehr als hundert Jahren und einem leichten Aufflackern in den frühen Achtzigern kam es vor allem in den ländlichen Regionen immer wieder zu sporadischen Nachweisen. Betroffen war fast ausschließlich der Südwesten: New Mexiko, Arizona, Colorado, Kalifornien und Süd-Oregon sowie das westliche Nevada. In den etwas mehr als hundert Jahren, seitdem die ersten Erreger mit Ratten in amerikanischen Hafenstädten eingeschleppt worden waren, sind knapp tausend Fälle von Pest öffentlich bekannt geworden. Vor allem in Nagetieren in ländlichen Gebieten des Südwestens hielt sich ein Reservoir.

          Durch Flöhe oder direkten Kontakt mit Tieren werden die Erreger gelegentlich auch auf Menschen übertragen. Zuletzt war man im Schnitt bei  sieben Infektionen pro Jahr angekommen. Zum Vergleich: Allein Madagaskar im Osten Afrikas hatte zuletzt in einem Jahr annähernd 600 nachgewiesene Fälle, wobei die Dunkelziffer, wie im gesamten Afrika und Südasien als extrem hoch gilt. Bei der Weltgesundheitsorganisation sind in den vergangenen  Jahren im Schnitt etwa 2000 Fälle jährlich gemeldet worden, jeweils etwas mehr als hundert verlaufen tödlich.

          Ein Nager und ein Floh
          Ein Nager und ein Floh : Bild: dpa

          Der „Schwarze Tod“, der im tiefsten Mittelalter Hunderte Millionen Menschenleben kostete und in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts die Bevölkerung Europas um mehr als die Hälfte dezimiert haben soll, ist also nie wirklich verschwunden - weder in Nordamerika, noch in Asien oder Afrika. Anders als die Pocken, gegen die längst ein effektiver Impfstoff entwickelt worden ist und die weltweit als ausgerottet gelten. Einer der Gründe dafür: natürliche Rückzugsgebiete für den Erreger. Zwischenwirte wie Nagetiere  oder auch Raubtiere. Im menschlichen Körper sind die Bakterien, die die Krankheit verursachen, vergleichsweise gut zu bekämpfen, spätestens seitdem es effektive Antibiotika gibt. Das gilt auch heute noch, wo andere Keime häufig resistent gegen die Medikamente geworden sind - allerdings muss die Krankheit auch früh genug erkannt und medikamentös behandelt werden. Gelingt das nicht, wird etwa einer der neuen Bakterienschnelltests angewendet, weil die Ärzte die Symptome nicht richtig deuten, die durchaus anderen häufigen Infektionskrankheiten ähneln können, ist der Weg für die Bakterienvermehrung frei. Oft ist es ein Lymphknoten am Körper, der von den Erregern überflutet wird und eine sekrethaltige Beule bildet, der als entscheidender Hinweis gedeutet werden könnte. Die Beulenpest ist die häufigste Form. Bei  vier von fünf Fällen der in den Vereinigten Staaten aufgetretenen Infektionen handelt es sich, wie zuletzt bei drei Einwohnern im Bundesstaat New Mexiko, um solche eher  leicht zu bekämpfenden Infektionen. Dramatischer verlaufen in der Regel die Infektionen, sobald der Erreger das Blut überflutet und die inneren Organe und das Abwehrsystem überlastet (Pestsepsis), vor allem aber, wenn die Lungen der Betroffenen von den Bakterien befallen werden (Lungenpest). In dem Fall sind zwischen zehn und sechzig Prozent der Pestopfer nicht mehr zu retten.

          Sie war’s, aber längst nicht nur sie: das Pestreservoir Ratte.
          Sie war’s, aber längst nicht nur sie: das Pestreservoir Ratte. : Bild: Pakhnyushchyy - Fotolia

          Was die neue amerikanische „Pestwelle“ angeht, die wohl vor allem eine Medienpestwelle ist, gibt es bislang weder von der nationalen Seuchenbehörde CDC noch von der Weltgesundheitsorganisation in Genf eine Reaktion oder eine reale Seuchenwarnung. Von einer Rückkehr der Pest, gar als landesweite Epidemie, ist Amerika noch weit entfernt. Die überdurchschnittliche Zahl an Erregerfunden in den zurückliegenden drei Jahren könnte Ausdruck einer gesteigerten Sensibilisierung der Gesundheitsbehörden und der Bevölkerung  sein, die über die sozialen Medien immer wieder aufs Neue von Artikeln über angeblich vergessene Krankheiten oder über die Rückkehr längst verdrängter oder als besiegt geglaubter Epidemien auf Trab gehalten wird. Um das Fass der Seuchenangst zum Überlaufen zu bringen, fehlt womöglich nur noch ein Tweet von Präsident Trump. Dann müsste sicher jeder Prairiehund und jeder Floh im Land um sein Leben fürchten.

          Quelle: FAZ.NET

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