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Als Perser und Griechen gemeinsam auf die Jagd gingen

 ·  Annäherung an die farbenreiche Ästhetik des Orients: Zur Polychromie des sogenannten Alexandersarkophags aus dem vierten Jahrhundert

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Seine letzte Ruhe fand Abdalonymos in einem Sarkophag. Dieser entsprach wahrhaft der Würde eines Königs von Sidon (im heutigen Libanon). In seiner Kindheit hatte der Monarch nämlich keinesfalls davon ausgehen können, einst in einem solch monumentalen und reichverzierten Sarkophag aus pentelischem Marmor bestattet zu werden. Stammte Abdalonymos doch aus einem verarmten, vom Thron vertriebenen Geschlecht. Erst 332 v. Chr. wurde er von Alexander dem Großen als Herrscher eingesetzt und konnte noch gut zwanzig Jahre regieren. Der Dank und vermutlich auch die Freundschaft zu dem makedonischen Welteroberer waren mitbestimmend für die Auswahl der Bildthemen, die auf den Lang- und Schmalseiten sowie in den beiden Giebeln gezeigt wurden: der Kampf zwischen Makedonen und Persern sowie eine gemeinsame Jagd von Griechen und persisch gekleideten Freunden der Makedonen auf Löwe, Hirsch und Panther. In der großen Kampfszene fällt ein von links heransprengender Reiter mit Löwenhelm auf, der mit seiner Lanze einen Perser niedersticht, in dem man schon lange Alexander selbst erkennen wollte - daher die Bezeichnung als Alexandersarkophag.

Der 1887 in der sidonischen Königsnekropole entdeckte Sarkophag ist ein kostbarer Glücksfall für die Archäologie. Er dokumentiert nicht nur die hohe Kunstfertigkeit einer griechischen Bildhauerwerkstatt im Dienst eines eher dem orientalischen Kulturbereich zuzurechnenden Herrschers. Vielmehr ist er auch ein Paradebeispiel für die Etablierung der "hellenistischen" Kunstepoche seit Alexander dem Großen, in der dynastische Verflechtungen, religiöse und künstlerische Akkulturationen ebenso zu beobachten sind wie die Wiederbelebung der engen, auch formal-ästhetischen Bindungen der griechischen Kultur zur formen- und farbenreichen Kunst des Orients.

Und schließlich ist der Sarkophag eines der besten Beispiele für die Farbigkeit antiker Skulptur, insbesondere für die Klärung der hellenistischen Marmorpolychromie. Die ungewöhnlich gut erhaltene Farbigkeit bei der Auffindung wurde bald ausführlich dokumentiert. Später angefertigte UV-Fotografien verhalfen zu neuen Erkenntnissen für die Bemalung der Sarkophagreliefs, machten dem bloßen Auge Verborgenes wieder sichtbar. Ein großer Schritt in der Erforschung der Farbigkeit dieses Ausnahmedenkmals ist in den vergangenen Monaten einem Team um Vinzenz Brinkmann gelungen, den neuen Leiter der Antikensammlung im Frankfurter Liebieghaus.

Die Ergebnisse dieser aktuellen Forschungen und Teilrekonstruktionen der Farbigkeit sind derzeit, nach der Ausstellung "Bunte Götter" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, im Museum der Harvard University zu sehen (bis 20. Januar). Sie sind bestens geeignet, die langjährigen Forschungen Brinkmanns und seiner Mitstreiter zur farbigen Fassung antiker Marmorskulptur auf noch festeren Boden zu stellen. Waren zahlreichen Untersuchungen an antiken Originalen bisher Grenzen gesetzt, etwa weil so manche Farbbestimmungen ohne Beschädigung der originalen Oberfläche nicht möglich gewesen wäre, so konnte beim Alexandersarkophag-Projekt die Basis für die Identifizierung der exakten Farbwerte entscheidend erweitert werden.

Zu verdanken ist dieser Fortschritt unter anderem Multispektralanalysen der Lichtabsorption - UV-VIS genannt -, die Heinrich Piening von der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung am Original in Istanbul durchgeführt hat. Mit dieser Methode, die berührungs- und damit zerstörungsfrei an originalen Kunstwerken erfolgt, lassen sich die unterschiedlichsten Farbwerte einer Bemalung bestimmen und damit wiedergewinnen, die mit dem bloßen Auge nicht wahrzunehmen sind. Mehr als 350 solcher Pigmentmessungen konnte Piening am Alexandersarkophag vornehmen und in eine entsprechende Datenbank einfügen.

Außerdem wurde der gesamte Sarkophag in einem Fotogrammetrieverfahren exakt vermessen. Mittels dieser Daten konnten stereolithographische Teilausgüsse angefertigt werden (Kolossalkopf von Konstantin dem Großen in Trier), die nach einer Teilüberarbeitung von der Hand eines Restaurators eine Rekonstruktion der einstigen Farbigkeit ermöglichten. Diese kostspieligen Untersuchungen und Nachformungen wären ohne erhebliche finanzielle Zuschüsse seitens der ausführenden Unternehmen und Förderern aus der Wirtschaft nicht möglich gewesen. Hochauflösende Digitalfotografien und Videosequenzen in HD-Qualität vervollständigen die aufwendige Gesamtdokumentation, mittels deren ein räumliches Modell der Figurenreliefs geplant ist, das nicht nur den Erhaltungszustand per Computeranimation sichtbar macht, sondern auch eine Rekonstruktion der einstigen Farbigkeit erlaubt.

Bisher hat Ulrike Koch-Brinkmann an zwei Teilformen der Figurenreliefs eine Annäherung an die Bemalung erarbeitet, wie sie für den Alexandersarkophag zur Zeit seiner Fertigstellung anzunehmen ist. Verwendet wurden dafür ausschließlich solche Pigmente, die mittels der Farbanalysen am Original nachgewiesen werden konnten. Diese Farbrekonstruktionen sind für manchen Betrachter noch immer ungewohnt, und was die individuelle künstlerische Ausarbeitung betrifft, so wird nie eine exakte Kopie irgendeines Originals entstehen können. Aber fest steht auch, dass diese auf genauen Untersuchungen basierenden Farbfassungen den verlorenen Originalen viel näher sind, als es die reine Marmoroberfläche je gewesen sein kann. Während ein Abguss nur mit den an Ort und Stelle nachgewiesenen Pigmenten farbig rekonstruiert wurde, hat man an einem zweiten - Alexander zu Pferd im Kampf gegen einen Perser - auch jene Flächen mit Farbe ausgefüllt, die nicht exakt bestimmbar waren, um einen geschlossenen Farbeindruck zu vermitteln, dabei aber nur mit Farben gearbeitet, die am Sarkophag selbst nachgewiesen sind.

Den in idealer Nacktheit kämpfenden Griechen stehen die Perser in orientalischer Tracht gegenüber. Rautenornamente überziehen eng anliegende Hosen, wie sie bereits von der Figur des Paris am Westgiebel des Aphaiatempels in Ägina bekannt sind. Blaue Mäntel mit ockerfarbenem Futter und Pelzbesatz an den Rändern leuchten ebenso wie der purpurfarbene und mit makedonischen Sternen besetzte Mantel Alexanders des Großen auf seinem Pferd. Feinste Details sind sorgfältig gemalt, wie eine Audienz vor dem persischen Großkönig auf der Schildinnenseite eines Persers - es ist die genaue Kopie eines großformatigen Reliefs aus Persepolis und beweist die Vertrautheit des Malers mit höfischer Kunst - oder die filigrane Frauenbüste auf einem anderen Schild. Elegante Pastelltöne wechseln ab mit kräftigen Farben, ornamentale Verzierungen auf Tracht und Bewaffnung sorgen für malerische Üppigkeit der Szenen.

Eindeutig nachgewiesen werden konnte durch die neuen Untersuchungen, dass die Fassmaler zumindest in den beiden letzten Jahrzehnten des vierten Jahrhunderts vor Christus malerisch gearbeitet haben: Schraffuren sind für die Tiefenwirkung etwa bei Faltentälern ebenso bezeugt wie durch einen Pinselstrich in einer dunkleren Variante des Lokaltones. Außerdem waren Glanzlichter in den Augen und auf schimmernden Bronzeknöpfen in Weiß abgesetzt. Diese und andere gestalterische Elemente zeigen also, dass die illusionistischen und mimetischen Aspekte der gleichzeitigen Tafelmalerei samt und sonders auch für die Skulptur galten. Beredtes Zeugnis für die mögliche hohe Qualität der Marmorpolychromie ist die Überlieferung in der Naturalis Historia des älteren Plinius, dass der berühmte Maler Nikias einige der Statuen des als Bildhauer ebenso berühmten Praxiteles bemalt habe. Man wird Nikias wohl kaum als einfachen Einfärber bezeichnen können.

Vor diesem Hintergrund ist ein Blick in Leonardo da Vinicis Traktat von der Malerei wissenschaftshistorisch interessant. Im Vergleich zwischen Maler und Bildhauer, zwischen Gemälde und Skulptur zieht Leonardo den Künstler mit dem Pinsel demjenigen mit Hammer und Meißel eindeutig vor. Mehrfach spricht er dem Bildhauer verschiedene Fähigkeiten ab, die er dem Maler zugesteht, um schließlich festzustellen: "Die Skulptur entbehrt der Schönheit der Farben; es geht ihr die Farbenperspektive ab; ihr fehlt das Verschwimmen der Grenzen vom Auge entfernter Dinge." Diese Auffassung mag für die Renaissance gegolten haben. In der griechischen Antike jedoch sah das Verhältnis der beiden Künste völlig anders aus, wie wir heute wieder wissen.

So ist es sehr zu begrüßen, dass jetzt auf der Basis ausgewählter Beispiele und eindeutiger, unausweichlicher Befunde und Realitäten ein Handbuch zur "Polychromie der griechischen Marmorplastik" in Angriff genommen werden kann, das alle formalen, ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkte der neuen Forschungen auf diesem Gebiet dokumentiert. Bei diesem Unternehmen wird der diesjährige Leibniz-Preisträger Oliver Primavesi aus München, der wohl beste Kenner

der einschlägigen Schriftquellen zur antiken Polychromie, für die philologischen Aspekte verantwortlich zeichnen. Vinzenz Brinkmann wird sich mit den archäologischen Fragestellungen beschäftigen und Ulrike Koch-Brinkmann die maltechnischen Feinheiten ausloten. Erst mit den neuen berührungs- und zerstörungsfreien Untersuchungsmethoden konnte man sich an ein solches Werk wagen. Nun rücken Hauptwerke wie der Alexandersarkophag in den Mittelpunkt des forscherischen Interesses, die vorher für Fragen der Polychromie nur bedingt herangezogen werden konnten. MICHAEL SIEBLER

Quelle: F.A.Z., 29.08.2007, Nr. 200 / Seite N3
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