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Alles im grünen Bereich : Du kriegst die Motten

Schmeckt’s? Motten knabbern gern den ganzen Baum kahl. Bild: Charlotte Wagner

Wenn an den Bäumen weiße Nester hängen, ist klar: Die Gespinstmotte hat sich ausgebreitet. Das erfordert starke Nerven.

          Der Nachbar ist auf hundertachtzig. Es geht um die Apfelbäume. Sie sind sein Ein und Alles. Und was soll man sagen? Auch in diesem Jahr hat sich wieder die Gespinstmotte eingefunden. Überall hängen weiße Nester in den Ästen, aus denen bald die Falter schlüpfen werden. Bis dahin nagen die Raupen aber noch munter an den Blättern, bis Baum für Baum kahl geworden ist. Düster vor sich hin fluchend macht sich der Mann daran, die Kokons abzusammeln. Er will sie in der Tonne verbrennen. Aber der Schaden ist nicht mehr wegzudiskutieren.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei Wikipedia heißt es, die Apfel-Gespinstmotte sei ein ernstzunehmender Schädling im Gartenbau, der zu Massenvermehrung neige. Aufgebrachte Bürger, die sich in solchen Fällen an die Forst- und Gartenämter wenden, bekommen allerdings regelmäßig zu hören, sie sollten sich nicht so anstellen. Wenn die Raupenattacke vorüber sei, würden die Bäume sich wieder erholen und Ende Juni neu austreiben. Mit Insektiziden sei da nichts mehr zu machen und überhaupt: Man wettere doch auch sonst bei jeder Gelegenheit gegen den Einsatz von Gift. Der Bund für Umwelt und Naturschutz geht so weit, die Gespinstmotte als den „Christo unter den Schmetterlingen“ zu bezeichnen. Der Nachbar würde wohl ein anderes Wort dafür wählen.

          Tatsächlich hat es mal eine, wenn auch kurze Beziehung zwischen Künstlern und Motte gegeben. Im Südtiroler Pustertal ist man im ausgehenden Rokoko auf die Idee gekommen, die Gespinste zu sammeln, zwischen Rahmen zu spannen und in Aquarelltechnik zu bemalen; zum Einsatz kamen dabei feinste Pinsel und Schnepfenfedern, die Motive reichten vom Religiösen bis zum naiv Bäuerlichen. Der 1875 geborene Innsbrucker Hofrat Karl Anton Maria Toldt konnte noch gut einhundert solcher Bilder ausfindig machen, doch da war diese Tiroler Kleinkunst längst ausgestorben.

          Die Motte selbst hat ein umso zäheres Leben. Sie gehört zur Familie der Gespinst- und Knospenmotten, die sich allesamt auf verschiedene Gewächse wie Pfaffenhütchen, Traubenkirsche oder Pflaumenbaum spezialisiert haben. Beim Apfelbaum langt die Mottenart Yponomeuta malinellus zu. Sie legt ihre Eier zwischen Juli und August an der Rinde von jungen Trieben ab und bedeckt sie mit einem Sekret, das rasch aushärtet. Darunter entwickeln sich noch im Herbst die Junglarven. Ihr Hunger erwacht im nächsten Frühjahr, sobald die Tagestemperaturen im Schnitt mehr als zwölf Grad betragen. Zu dieser Zeit lassen sie sich, wenn überhaupt, noch am besten bekämpfen.

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          Als biologisch verträglichste Methode gilt der Einsatz von Toxinen, die das Bakterium Bacillus thuringiensis produziert. Wenn die Motte erst ihre Nester gesponnen hat, bringt Spritzen nicht mehr viel, die Raupen sind dann auch weitgehend gegen Vogelfraß geschützt, und selbst ein harter Wasserstrahl fegt nicht sie, sondern eher die letzten Blätter von den Bäumen.

          Den Nachbarn muss man jetzt trösten. Und bloß nicht daran erinnern, dass es auf seine Äpfel nicht nur die Gespinstmotte abgesehen hat, sondern außerdem der Mehltau, der Feuerbrand, die Blut- und die Blattlaus, der Kleine und der Große Frostspanner, der Blütenstecher, der Wickler und der Obstbaumkrebs. Man braucht im Garten viel Optimismus. Und vor allem starke Nerven.

          Quelle: F.A.S.

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