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Alles im grünen Bereich : Onkel Doktor für den Boden

Bild: Charlotte Wagner

Schon in einer Handvoll Erde leben mehr Organismen, als es Menschen auf diesem Planeten gibt. Über diesen Mikrokosmos wissen wir immer noch erstaunlich wenig.

          Der am dichtesten besiedelte Lebensraum der Erde ist nicht der Regenwald. Und auch nicht der Ozean. Es ist die dünne Schicht Humus, die bei der Zersetzung organischen Abfalls in den oberen zehn bis dreißig Zentimetern des Bodens entsteht. Unter günstigen Bedingungen finden sich dort, hochgerechnet auf einen Quadratmeter, eine Billion Bakterien, fünfhundert Milliarden Geißeltierchen, zehn Milliarden Strahlenpilze, eine Million Fadenwürmer, hunderttausend Milben, zehntausend Borstenwürmer und als Vertreter der Makrofauna jeweils noch ein paar Dutzend Schnecken, Spinnen, Insekten oder Regenwürmer. Das heißt: Schon in einer Handvoll fruchtbarer Erde leben mehr Organismen, als es Menschen auf diesem Planeten gibt.

          Es ist eine Welt im Verborgenen, über die wir immer noch erstaunlich wenig wissen. Einer der ersten Forscher, der sich auf diesem Gebiet systematisch umgesehen hat, war der österreichisch-ungarische Botaniker und Mikrobiologe Raoul Heinrich Francé. In der Zeitschrift „Die Kleinwelt“ berichtete er 1911 erstmals von seinen Beobachtungen. Unter dem Mikroskop hatte er gesehen, welches Gewusel in einem Krümel Erde herrscht, und schlug vor, die Gesamtheit aller Bodenlebewesen als „Edaphon“ zu bezeichnen. Insbesondere wurde er nicht müde, ein Lob auf den Humus zu singen, was durchaus etwas Morbides hatte: „Denn was ist Humus anderes als die Toten?“, heißt es in einem seiner zahlreichen Bücher. „Die Wälder, die unseren Voreltern rauschten, die Blumen, die für sie blühten, die heiteren Vögel, die ihnen sangen, und sie selber auch, die vor uns gingen und liebten und ernst und fröhlich waren in ihren dunklen und guten Tagen – ein Jahrhundert oder einige davon gehen über die Welt, und sie alle sind dunkler, feiner Humus voll Erdgeruch und neuem Leben.“

          Impfung für die Mutter Erde

          Francé war zu Lebzeiten populär wie kaum ein anderer Vertreter seines Faches. Er hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der organischen Landwirtschaft; unter anderem entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung von belebter „Impferde“, das wie eine Vorwegnahme der heute angepriesenen „effektiven Mikroorganismen“ erscheint. Mit seinen Vorträgen und Schriften erreichte der Ökopionier ein Massenpublikum. Als er 1943 in Budapest an Leukämie starb, richtete ihm die ungarische Regierung ein Staatsbegräbnis aus. Heute ist Raoul Heinrich Francé fast vergessen, nur wenige Enthusiasten pflegen noch sein Andenken.

          Die Idee, man könne das Erdreich mit einer Mischung aus nützlichen Mikroorganismen quasi impfen und damit seine Fruchtbarkeit erhöhen, ist immer mal wieder aufgegriffen worden. Mitarbeiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau und der Universität Basel haben kürzlich in „Frontiers in Plant Science“ eine Metastudie veröffentlicht, bei der sie 171 einschlägige Publikationen unter die Lupe genommen haben.

          Sie kommen zu dem Schluss, dass „Bioinokulate“, auch Biofertilizer genannt, durchaus imstande sind, Phosphorvorräte aus dem Boden zu mobilisieren und den Stickstoff aus der Luft zu fixieren. Besonders interessant sei das in trockenen Gebieten wie dem Mittelmeerraum und in Teilen Indiens und Afrikas, dort könne man auf diese Weise den Ernteertrag um bis zu vierzig Prozent steigern.

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