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Alles im grünen Bereich : Ein Freund, ein neuer Freund ...

Bild: Charlotte Wagner

Die meisten Vögel nehmen Reißaus, wenn der Mensch ihnen zu nahe kommt. Dieser nicht.

          Seit einiger Zeit werde ich im Garten erwartet. Und zwar von einem Rotkehlchen, das offenbar große Stücke auf mich hält. Beziehungsweise auf das, was ich da treibe. Ein umfangreicheres Hochbeet soll es werden, und dazu muss allerhand Erde und Kompostmaterial bewegt werden. Der Vogel findet das enorm spannend, weil dabei Würmer und Larven und ähnliches Kleinzeug zum Vorschein kommt, das sich eigentlich noch zum Überwintern verkrochen hat. Auf Schritt und Tritt verfolgt mich der muntere Hüpfer, in der Hoffnung auf einen fetten Happen.

          Das steht eigentlich gegen alle menschliche Erfahrung. „Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel“, heißt es in der Genesis nach der Vertreibung aus dem Paradies. Und das mit Recht: Jahrtausendelang wurde Singvögeln mit Schlingen, Leimruten, Netzen und Fallen nachgestellt, in Teilen Europas ist das immer noch üblich. Andererseits galt das Rotkehlchen schon immer als eines, das die Nähe des Menschen sucht; nistete es in der Umgebung des Hauses, sollte das den Bewohnern Glück und Frieden bescheren. Dass mein persönliches Exemplar mir beim Buddeln auf die Pelle rückt, liegt im Rahmen seines natürlichen Verhaltensrepertoires; Jäger berichten, dass Erithacus rubecula auch hinter Wildschweinen herstochert, wenn die ein Stück Waldboden umpflügen.

          Das Rotkehlchen hat es nicht leicht. Deshalb sollte man sein Handy lieber ausschalten.

          Natürlich gönne ich dem kleinen Kerl jeden Regenwurm und jeden Käfer, denn als ausgemachter Karnivore hat er es nicht leicht, über den Winter zu kommen. Übrigens auch nicht über den Sommer: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Rotkehlchens wird angesichts der hohen Sterblichkeitsrate nach dem Schlüpfen auf nicht viel mehr als ein Jahr geschätzt. Es gibt jedoch Ausnahmen. Die European Union for Bird Ringing führt eine Liste mit nachgewiesenen Langlebigkeitsrekorden, in der ein Exemplar mit der Ringnummer Z 364896 aufgeführt wird, das im Alter von 19 Jahren und vier Monaten in Tschechien gefunden wurde; ein anderes in Polen kam immerhin auf etwas mehr als 17 Jahre.

          Dass ich meinen neuen Gartenfreund als Kerl bezeichne, ist nur ein weiteres Beispiel für die neuerdings unter Beschuss geratene, weil nicht zu hundert Prozent gendergerechte Form des generischen Maskulinums. Aber männliche und weibliche Rotkehlchen kann man nun mal nicht auseinanderhalten. Beide tragen dieselbe auffällige Färbung des Brustgefieders, es fehlt ihnen der sonst unter Singvögeln übliche Geschlechtsdimorphismus. Dass es sich in meinem Fall um ein- und denselben Vogel handelt, schließe ich aus der Jahreszeit. Im Winter besetzten Hähnchen und Hennen getrennte Reviere und finden erst in der Brutzeit zusammen. Auf Konkurrenten reagieren dann beide erstaunlich aggressiv, liefern sich laute Wettgesänge und gelegentlich wüste Kämpfe.

          Hierzulande sind Rotkehlchen ganzjährig anzutreffen, im Norden und Osten Europas gehören sie zu den Zugvögeln, die den Winter rund ums Mittelmeer verbringen. Rotkehlchen orientieren sich unter anderem am Magnetfeld der Erde. Biologen der Universität Oldenburg haben herausgefunden, dass dieser Sinn schon durch schwache elektromagnetische Felder gestört wird. Mein Handy werde ich jetzt im Garten vorläufig ausschalten.

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