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Alles im grünen Bereich : Das ewige Zebrakraut

Bild: Charlotte Wagner

Pflanzen in der Wohnung können mir gestohlen bleiben. Gäbe es da nicht diese eine Ausnahme.

          Zu Zimmerpflanzen habe ich ein gespaltenes Verhältnis, seit mir als Volontär ein Zierspargel auf den Kopf gefallen ist, der hinterlistig auf einem Schrank thronte und nur auf Opfer zu warten schien. Weil Volontäre traditionell zu den ungeliebten Arbeiten herangezogen werden, durfte ich auch noch das Unfallformular ausfüllen; die erste Frage lautete: Ist der Verunfallte tot? und war mit Ja oder Nein zu beantworten. Der Spargel wurde anschließend entsorgt, und so habe ich es seither mit den meisten Zimmergewächsen gehalten, die sich bei mir eingeschlichen haben.

          Mit einer Ausnahme: Ich mag mich nicht von dem Zebrakraut trennen, das ich vor zig Jahren als Ableger aus dem Botanischen Garten auf Martinique entführt habe. Die Blätter von Tradescantia zebrina sind auf der Oberseite weiß-grün gestreift, die Unterseite ist durchgehend von einem fast unwirklichen purpurnen Farbton, der sich allerdings nur dann zu seiner vollen Pracht entwickelt, wenn die Pflanze über den Sommer hinweg im Freien steht. Sonne braucht sie nicht mal besonders viel, im Topf hält sie es zwei, drei Jahre aus, dann schneidet man besser neue Ableger, die sich im Wasser umgehend bewurzeln.

          Beheimatet ist diese Art in Mexiko, im Bundesstaat Tabasco bereitet man aus ihr einen rötlichen Tee zu, der mit Zucker und Limettensaft eiskalt getrunken wird und angeblich entwässernd wirkt. Es gibt aber auch Berichte, nach denen der Pflanzensaft allergische Reaktionen auslösen kann, und so sollte man vielleicht besser die Finger davon lassen.

          Manche Vertreter sind erstaunlich zäh. Minus zwanzig Grad vertragen sie locker

          Das Zebrakraut gehört zur Gattung der Dreimasterblumen, die wissenschaftlich nach John Tradescant dem Jüngeren und seinem Vater John Tradescant dem Älteren benannt sind; beide gehörten zu den ersten Pflanzenjägern, die systematisch reisten, um neue Ziergewächse nach England einzuführen. Der Sohn interessierte sich vor allem für die britischen Überseekolonien und brachte von dort die Virginia-Tradeskantie mit, aus der durch Kreuzung mit T. ohiensis und T. subaspera zahlreiche Gartensorten entstanden sind. Sie blühen von weiß über rot bis dunkelviolett, wobei meist nur eine Blüte pro Tag erscheint und am Nachmittag schon wieder verwelkt.

          Viele dieser Spielarten sind erstaunlich winterhart. Am Botanischen Garten von Chicago, der in der Winterhärtezone fünf liegt und damit ähnlich kühl ist wie der Alpenraum, hat man 31 Sorten getestet und dabei festgestellt, dass sie mühelos Temperaturen von minus zwanzig Grad und darunter überstehen. Meterhohe Schneedecken scheinen ihnen ebenfalls nichts auszumachen.

          Eines dieser zähen Gewächse muss sich irgendwann auch in meinen Garten verirrt haben. Seitdem reckt es mal hier und mal da einen Spross, um sich im Hochsommer wieder zurückzuziehen. Sein Ausbreitungswille scheint begrenzt. Ganz im Gegensatz dazu entwickelt das Zebrakraut unter subtropischen Bedingungen den Drang, große Areale zu erobern, was ihm den englischen Trivialnamen „wandering jew“ eingetragen hat, in Anspielung auf die Sage vom Juden, der Christus auf seinem Kreuzweg verspottet haben und dafür verurteilt worden sein soll, auf ewige Zeiten ruhelos umherzuziehen. In Südafrika und auf den Galapagos-Inseln wird das scheinbar so zarte Zimmerpflänzchen bereits als zudringliche invasive Spezies bekämpft.

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