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Veröffentlicht: 30.01.2017, 18:20 Uhr

Akademiker gegen Trump Alarm im Wissenschaftsmekka

Der Schock sitzt tief: Die Gelehrtenwelt bangt nach Trumps Einreiseverbote um ihre Freiheit und den Fortschritt. Ein Marsch auf Washington ist geplant, auch von Deutschland aus.

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© AP „Steht auf für die Wissenschaft“ lautet das Motto.

Sie trauen sich nicht mehr auszureisen oder können nicht mehr einreisen, sie gehören zu den hellsten Köpfen und wurden dafür umworben in aller Welt. Doch nun, da viele muslimische Akademiker quasi über Nacht zur Unperson im Wissenschaftsmekka Amerika erklärt wurden, bricht plötzlich ihre gelehrte, stabile Welt zusammen. Das Netzwerk der Wissenschaften, dessen wichtigste Kennzeichen Internationalität und Austausch sind, hat durch das amerikanische Ausscheren gefährliche Risse bekommen. Wie tief diese sind, hat sich schon am Wochenende, nur Stunden nach dem Visa-- und Immigrationsdekret des Präsidenten, gezeigt. Das legendäre Massachusetts Institut of Technology (MIT), das wie viele andere Spitzenuniversitäten des Landes zu zwei Dritteln mit ausländischem Personal besetzt ist, verschickte eine Mail an seine Mitarbeiter mit fremdem Pass. Inhalt: Man möge doch, wenn möglich, Auslandsreisen bis auf Weiteres verschieben.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Die Verunsicherung in den akademischen Milieus ist in den digitalen Kanälen mit Händen zu greifen. Nachdem sich schon Tage vorher gegen die plakative Wissenschaftsfeindlichkeit des neuen Präsidenten offener Widerstand geregt und eine Protestbewegung „Science March“ gegeründet hatte, die demnächst einen Demonstrationszug durch Washington ausrichten will, organisierte sich immer neuer Widerstand. Dutzende weitere „Science March“-Organisationen, unter anderem auch für Deutschland, kündigten sich an. Mehr als 150.000 Unterstützer hat die „Science March“-Facebookgruppe mittlerweile zusammen.

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Eine Graswurzelbewegung ist der Protest nicht geblieben. In Rekordgeschwindigkeit versammelten sich schon am Wochenende Honoratioren zusammen mit Jungakademikern unter dem Banner „Adademics Against Immigration Executive Order“. Die Petition hatte schnell die Unterschriften von 40 Nobelpreisträgern zusammen, dazu die von 37 Gewinnern hochkarätiger Mathematikpreise, von 137 Akademiemitgliedern, von mehr als 7000 amerikanische Fakultätsmitglieder und mehr als 12.000 vorwiegend jungen Unterstützern aus dem Gelehrtenbetrieb  In dem Dokument wird festgehalten: „Der Erlass ist diskriminierend“, er sei „selbstzerstörerisch“, was die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten betreffe, und bürde „Mitgliedern unserer eigenen Wissenschaftsgemeinde eine unangemessene Last auf“. Die Dachgesellschaft von 62 amerikanischen Spitzenuniversitäten, AAU, forderte in einem Statement die Trump-Regierung ultimativ auf, der Welt die traditionelle Gastfreundschaft Amerikas zu demonstrieren: „Andere Länder haben sich längst aufgemacht, diesem Land die wissenschaftliche Führungsrolle streitig zu machen“, ihnen dies zu ermöglichen, „würde unserem Land einen irreparablen Schaden zufügen“. 

44536779 © AP Vergrößern Die Proteste gegen die Trump-Regierung verschärfen sich wie hier in San Francisco.

Für die amerikanische AAAS, die mitgliederstärkste Wissenschaftsorganisation der Welt, klagte ihr Vorsitzender Rush Holt, ein ehemaliger Kongressabgeordneter, über die durch den Erlass forcierte „Entmutigung der besten und talentiertesten Studenten und Gelehrten weltweit“, die nun davon absähen, in den den Vereinigten Staaten arbeiten oder Konferenzen besuchen zu wollen. Holt: „Wissenschaftlicher Fortschritt ist von Offenheit, Transparenz und dem Fluss der Ideen angewiesen.“ Holt erinnerte Trump an die Regelungen nach der Terrorwelle vom 11. September 2001, als man mit der Bush-Administration konstruktiv zusammengearbeitet hatte: „Das war ein ausgewogenes Vorgehen. Wir empfehlen eine solche Diskussionen dringend zu wiederholen.“

Nicht nur Holt ist alarmiert, dessen Gesellschaft die angesehene Zeitschrift „Science“ herausgibt, auch das zweite weltweit führende Wissenschaftsmagazin „Nature“ registrierte den „Schock“ in der Wissenschaftsgemeinde: Jeder der zwanzig befragten Wissenschaftler, die teils mit „Green Card“ in den Vereinigten Staaten beschäftigt sind, war extrem verunsichert. „Dies hier wird keine Fußnote in der amerikanischen Geschichte bleiben“, wird ein Doktorand mit syrischen Wurzeln zitiert, „dies könnte sich schon bald in einen sehr dunklen Ort verwandeln, wenn die Menschen sich entschließen, gleichgültig zu bleiben.“ Tatsächlich scheint genau das Gegenteil einzutreten. Der akademische Widerstand wächst mit jedem Tag. „Steht auf für die Wissenschaft“ heißt eine der vielen Parolen, mit denen in den sozialen Netzen gegen die Einschränkungen und Verunglimpfungen von Wissenschaftlern - insbesondere von Klimaforschern - mobil gemacht wird.

Auch in Deutschland ist die Bestürzung groß. Der Präsident der Nationalakademie Leopoldina, Jörg Hacker, warnte in einem Gespräch mit dieser Zeitung: „Die Leopoldina ist derselben Meinung wie die amerikanischen Kollegen und gegen die Einreiseverbote. Noch ist das amerikanische Wissenschaftssystem stark und offen, aber natürlich muss man jetzt aufpassen. Da kann manches zu Bruch gehen.“ Alles, was die Internationalität der Wissenschaft zurück nehme, sei schädlich. Hacker: „Dieser Erlass ist deshalb kein Fortschritt, sondern kontraproduktiv.“

„Fühlt ihr euch jetzt sicherer?“, fragte Samira Asgari ironisch auf Twitter, eine junge iranische Infektionsforscherin, die am Wochenende auf dem Weg von der Schweiz nach Boston war, um ihre neue Stelle anzutreten, und am Frankfurter Flughafen an der Weiterreise gehindert wurde, weil ihr Visum von einem Konsularbeamten als nichtig gewertet wurde. Plötzlich war sie nicht nur arbeits-, sondern auch wohnungslos, denn ihre Schweizer Unterkunft hatte sie bereits aufgegeben. „Freedom of Science Network“, Twittername @FreeSciNet, kümmert sich jetzt um junge Forscher wie sie. Gestrandete Junggelehrte. Heimatlose. Seit dem Wochenende gibt es also auch das, ein Flüchtlingsnetzwerk für Toptalente.

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Von Joachim Müller-Jung

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