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Agrophotovoltaik : Doppelte Ernte

  • -Aktualisiert am

Bild: Miriam Migliazzi & Mart Klein

Heute baut der Landwirt Feldfrüchte an oder stellt Photovoltaikmodule auf, morgen macht er Agrophotovoltaik. Am Bodensee wurde jetzt die erste Doppel-Ernte eingefahren.

          Auf etwa einem Drittel Hektar der Demeter-Hofgemeinschaft Heggelbach am Bodensee sind in fünf Metern Höhe Solarmodule mit 194 Kilowatt Leistung montiert. Das entspricht dem Strombedarf von 62 Haushalten. Unter den Modulen wachsen Klee, Kartoffeln, Weizen und Sellerie. Landwirt Thomas Schmid pflegt seine Feldfrüchte wie immer mit Traktor und anderen Arbeitsmaschinen. Auch die Photovoltaikanlage funktioniert wie andere Solarkraftwerke, sie wurde nur anders geplant: Mit einem eigens entwickelten und patentierten Verfahren optimierten die Forscher aus Freiburg den Abstand und die Ausrichtung der Module so, dass der Acker gleichmäßig beleuchtet wird und der Solarertrag dennoch hoch ist.

          Stromhunger, wohin das Auge reicht: Die Energiewende verlangt nach neuen Visionen.

          Nimmt man landwirtschaftlichen und Stromertrag zusammen, entsteht auf gleicher Fläche ein Mehrertrag von etwa 60 Prozent. Das erklärt sich ganz einfach: Die Photovoltaikmodule müssen auch bei normaler Nutzung mit Abstand aufgestellt werden, da sie sich sonst gegenseitig abschatten. Und das Wachstum der Pflanzen ist nicht linear von der Lichtmenge abhängig. Es gibt sogar Arten wie die Nachtschattengewächse, die mit weniger Licht besser gedeihen.

          Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt wird noch bis Mitte 2019 genauer untersuchen, welche Arten für diese neue Technik geeignet sind. Für die vielen Aspekte sind Partner nötig: Die Universität Hohenheim macht die agrarwissenschaftliche und ökologische Analyse. Das Karlsruher Institut für Technologie ist für Konzeption und Realisierung des „Living Lab“-Ansatzes verantwortlich. Der Energieversorger Elektrizitätswerke Schönau EWS nimmt den überschüssigen Strom ab. Die BayWa übernimmt Bauleitung und Lastmanagement. Die Hofgemeinschaft Heggelbach stellt Ackerflächen für die Pilotanlage zur Verfügung und nutzt den Strom für den Eigenbedarf. Der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben unterstützt das Projektvorhaben auf regionaler und kommunaler Ebene.

          Nur wenig Raum für Windenergie

          Wie wichtig die Rückendeckung durch den Regionalverband war, zeigte sich gleich zu Beginn des Projektes. Photovoltaik außerhalb von Ortschaften ist vom Gesetz her bislang nur als Freiflächenanlage definiert. Im Erneuerbare-Energien-Gesetz ist festgelegt, dass diese nur auf Grünland errichtet werden dürfen. Das war ein Wunsch der Naturschutzverbände, der tatsächlich zu mehr biologischer Artenvielfalt bei Photovoltaik-Freiflächenanlagen (PV) geführt hat. Für die ökologisch sinnvolle Agrophotovoltaik, die es bei der Entstehung des EEG noch nicht gab, bedeutet das eine große Benachteiligung: Sie kann nicht als Freiflächenanlage gefördert werden. Im Genehmigungsverfahren wurde deshalb als neue Kategorie der Landnutzung ein „Sondergebiet Agrophotovoltaik“ ausgewiesen.

          In der Region Bodensee-Oberschwaben gibt es einerseits einen hohen Energiebedarf durch die dort etablierte Industrie, andererseits eine sensible Landschaft, die Windenergie wenig Raum bietet. Deshalb beträgt der Anteil erneuerbarer Energien im Strommix hier nur zwölf Prozent – verglichen mit 38 Prozent im Bundesdurchschnitt. Das Potential für PV-Anlagen ist bis vor kurzem auch auf Brachflächen und die Umgebung von Transportwegen begrenzt gewesen. Das Land Baden-Württemberg hat jetzt als erstes Bundesland in einer Verordnung auch benachteiligte Gebiete wie Hanglagen für die Freiflächen geöffnet.

          Das bringt zwar etwas mehr Fläche für die erneuerbare Stromerzeugung, beseitigt aber nicht die Benachteiligung für die Agrophotovoltaik. Das ist paradox, denn die Einschränkungen für Freiflächenanlagen sollen die Konkurrenz zwischen Energie- und Nahrungsproduktion entschärfen. Die Agrophotovoltaik vereinigt aber beide Aspekte unter einem Solardach. Die Politik sollte also die Nutzung von Landwirtschaft und Photovoltaik in der Fläche zulassen und in die EEG-Förderung einbeziehen.

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