http://www.faz.net/-gwz-96qjz

Abgasversuche : War das den Ärger wirklich wert?

  • -Aktualisiert am

So sieht das Zeug aus: Stickstoffdioxid in einer definitiv unbekömmlichen Konzentration. Bild: Science Photo Library

Eine Studie über Stickoxide sorgte für Zoff. Doch in der Umweltmedizin sind solche Expositionstests mit Menschen in Versuchskammern gang und gäbe. Allerdings nicht unbedingt mit diesen Rahmenbedingungen.

          Durch eine dicke Stahltür geht es in den engen Raum. Der Boden besteht aus Metallplatten, vom Gitter an der Decke scheint das kalte Licht der Neonröhren. Vier große Tische, ein Stuhl. Die Zeit vertreiben können sich die Probanden nur mit einem Stapel bayerischer Heimatbücher. Damit der Puls unten bleibt, heißt es. Rund zehn Euro die Stunde gibt es für jeden, der bereit ist, hier wissenschaftliches Versuchskaninchen zu spielen.

          Wir befinden uns in einem Nebengebäude des Universitätsklinikums Großhadern in München. Ursprünglich hatte hier jener Versuch stattfinden sollen, der in Deutschland gerade für helle Aufregung sorgt. An zwei Dutzend Freiwilligen sollte getestet werden, ob und wie sich niedrige Konzentrationen von Stickstoffdioxid auf die Gesundheit auswirken. Dass der Versuch dann schließlich in Aachen landete, erklärt Dennis Nowak, Direktor der Arbeits- und Umweltmedizin des Klinikums der Universität München, sei nur dem Zufall zu verdanken und dem Umstand, dass die eigene Versuchskammer damals renovierungsbedürftig gewesen sei. Die Kollegen von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule sprangen ein – und haben dafür nun den ganzen Ärger am Hals.

          Derartige Versuche sind keine Seltenheit

          Im Auftrag der Automobilindustrie hätten bedenkenlose Forscher die Gesundheit junger Menschen aufs Spiel gesetzt, hieß es in den vergangenen Tagen. Und sich dabei kaufen und für die Interessen von VW, Daimler und BMW einspannen lassen. Von unverantwortlichen Menschenversuchen ist die Rede. Derartige Tests sind allerdings in der Umwelt- und Arbeitsmedizin keine Seltenheit. In München hat man durch die Klimaanlage der Kammer beispielsweise schon Duftstoffe eingeleitet, um zu prüfen, ob Probanden dabei Hautausschläge entwickeln. Asthmatiker haben hier schon auf der Suche nach dem Auslöser ihrer Berufskrankheit Isocyanate eingeatmet. Vor ein paar Monaten ratterten hier pausenlos zwei Drucker. Die Frage lautete, wie die Versuchspersonen auf den dabei erzeugten Feinstaub reagieren würden.

          „Expositionsversuche“ nennt der Fachmann derartige Studien, bei denen es darum geht, wie der Mensch auf Schadstoffe oder Allergene reagiert. Dennis Nowak versteht die Aufregung nicht. Aber der Schreck über den Umgang mit den Aachener Kollegen steckt der ganzen Forschergemeinde sichtlich in den Knochen. „Ohne solche Probanden-Untersuchungen wären wir in der Umweltmedizin völlig aufgeschmissen“, sagt Barbara Hoffmann, Leiterin der Umweltepidemiologie an der Universität Düsseldorf. In der Realität, auf den Straßen, in den Fabriken, vor dem Kamin, habe man es immer mit einem verwirrenden Gemisch von Hunderten von Luftschadstoffen auf einmal zu tun. Deren mögliche Wirkungen beeinflussen und überlagern sich.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Ist wirklich das Stickstoffdioxid schuld an den Problemen von Asthmakranken? Oder steckt der Feinstaub dahinter? Oder sind es beide zusammen? Um solche Fragen geht es. Und dazu müsse man die Wirkung der Stoffe eben getrennt voneinander untersuchen, sagt Barbara Hoffmann. Das funktioniert nur unter Laborbedingungen. Dazu werden Freiwillige wie in München hinter dicke Stahlwände gesetzt und Stickoxid, Feinstaub oder Ozon in exakt festgelegten Konzentrationen in den Raum geleitet. In Hannover, erzählt Dennis Nowak etwas neidisch, seien die Kollegen sogar in der Lage, Pollen durch die Decke rieseln zu lassen.

          Nach zwei, drei Stunden folgen die Untersuchungen. Blut, Entzündungswerte, Funktion der Lunge – insgesamt acht verschiedene Tests ließen zum Beispiel die Versuchspersonen in Aachen über sich ergehen. Werden die Bronchien hypersensibel? Vermehren sich die Abwehrzellen? Aus solchen messbaren Vorstufen krankhafter Reaktionen kann man darauf schließen, was noch größere Dosen im Körper anrichten könnten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erdogan und die Wahl : Die türkische Kakophonie

          Erdogans Wiederwahl als türkischer Staatspräsident gilt als sicher – doch seine Partei könnte die Mehrheit im Parlament verlieren. Was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.