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Veröffentlicht: 02.12.2008, 16:35 Uhr

Natur- und Geisteswissenschaften Die zwei Kulturen? Eine Korrektur

Schon immer scheint ein unüberbrückbarer Graben literarische Intellektuelle und Naturwissenschaftler geistig voneinander zu trennen. Doch es ist ein Mythos, dass Natur- und Geisteswissenschaften einander nicht verstehen - vielmehr führt die eine Disziplin zur anderen.

von Rudolf Stichweh
© AP Naturwissenschaftler müssen ihr Labor verlassen...

Am 6. Oktober 1956 hatte Charles Percy Snow im „New Statesman“ einen Artikel mit dem Titel „The Two Cultures“ publiziert; drei Jahre später arbeitete er die These in einer Vorlesung an der Universität von Cambridge aus, die am Tag nach dem Vortrag als Broschüre vom dortigen Universitätsverlag publiziert wurde. 1963 schließlich erweiterte er den mittlerweile vielfach nachgedruckten Text zu einem kleinen Buch von etwas mehr als einhundert Seiten. Charles Percy Snow war bis 1940 ein Physiker am Christ's College, Cambridge, gewesen. Der Krieg unterbrach dies, und danach trat er vor allem als Romanautor, Publizist und später als Wissenschaftsberater unter Harold Wilson auf.

Wie sieht seine Diagnose der zwei Kulturen aus? Snow nahm eine völlige Trennung und ein wechselseitiges Nichtverstehen wahr: zwischen der Kultur der literarischen Intellektuellen, samt Kritikern und Philologen, einerseits und der Kultur der Naturwissenschaftler und der Techniker andererseits. Man bewege sich von einem Quartier, in dem Intellektuelle verkehren, zu einem Quartier, das von Naturwissenschaftlern bevölkert ist, und es sei so, als habe man den Ozean überquert und die Bevölkerung auf der anderen Seite spreche Tibetisch.

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„Oh, das sind Mathematiker. Wir sprechen nie mit ihnen.“

Snow illustriert seine These mit unterhaltsamen Beispielen: Naturwissenschaftler, die nach literarischen Kenntnissen befragt, zu Protokoll geben: „I have tried a bit of Dickens“, so als sei dies ein esoterischer Autor, wie - so Snows Urteil - Rainer Maria Rilke. Oder umgekehrt die Konsternation, die man unter Intellektuellen hervorruft, wenn man sie bittet, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu erläutern. Vielleicht die beste Geschichte ist die von jenem Oxforder Professor, der 1890 im St. John's College in Cambridge diniert und sich erfolglos mit zwei Tischnachbarn zu unterhalten versucht. Erst der Vorsteher des College löst die Irritation, indem er erklärt: „Oh, das sind Mathematiker. Wir sprechen nie mit ihnen.“

Bibliothek © AP Vergrößern ...und Geisteswissenschaftler ihre Bibliotheken: Der interdisziplinäre Dialog ist gefragt

Aber diese amüsanten Beispiele beantworten nicht die Frage: Ist die These Snows richtig, und ist sie erhellend? Ein wichtiger, wenn nicht gar entscheidender Aspekt ist dabei, von wie vielen Kulturen der Wissenschaft wir reden wollen. Ist zwei eigentlich eine gute und eine treffende Zahl - und wie verändert sich die Diagnose, wenn wir an dieser Zahl etwas ändern? Wir könnten statt zwei auch dreißig bis vierzig disziplinäre Kulturen postulieren und würden uns dann noch auf die großen etablierten wissenschaftlichen Disziplinen wie Informatik, Anglistik, Molekularbiologie und Archäologie beschränken. Diese Option des Studiums der Eigenwelt der Disziplinen würde uns mit Fächern vertraut machen, deren Zuordnung zu den zwei Kulturen schwierig wäre. Betrachten wir nur Archäologie und Informatik - beide sind in bestimmten Hinsichten Geistes- und in anderen Hinsichten Naturwissenschaften.

Ein unüberbrückbarer Graben

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