31.07.2010 · Zwei Jahre nach den Olympischen Spielen machen sich Pekings halbleere Sportstätten als Veranstaltungshallen gegenseitig Konkurrenz. Immerhin bleibt der größte Stadtpark der Welt, U-Bahnen und manche Touristenattraktion.
Von Christian Geinitz, PekingChinas Goldnest liegt nur wenige hundert Meter vom Vogelnest entfernt. Während die volkstümliche Bezeichnung für das Olympiastadion mit der Korbhülle überall in der Welt seit zwei Jahren ein Begriff ist, kennen selbst viele Pekinger den Spitznamen für ihre olympische Turnarena nicht. Dabei hätten sie eigentlich mehr Grund zum Stolz auf die geschlossene Sportstätte als auf die offene.
China, das 2008 bei den olympischen Wettkämpfen im eigenen Land erstmals den Medaillenspiegel anführte, errang in seinem Nationalstadion nicht eine einzige Goldmedaille. Im nordwestlich davon gelegenen „Indoor Stadium“ gab es dagegen gleich elf. „Wir haben schon immer weniger Werbung gemacht als das Vogelnest“, sagt Zhao Yan, die stellvertretende Geschäftsführerin der Eigentümer- und Betreibergesellschaft Guoao Investment. „Trotzdem sind wir mindestens genauso erfolgreich.“
Zhao bezieht die Aussage sowohl auf die Triumphe in den Turn- und Trampolinausscheidungen vor zwei Jahren als auch auf die Nachnutzung. Die Halle mit den 20.000 Sitzplätzen lasse sich zu großen und kleinen Einheiten umbauen und besser vermarkten als das fast fünfmal so große Stadion. „Das kommt im Markt gut an, bis Jahresende sind wir ausgebucht.“ Jedes Jahr gebe es zwei Dutzend Veranstaltungen, die zusammen gut 14 Millionen Yuan einbrächten (1,6 Millionen Euro). Der laufende Betrieb könne damit allemal gedeckt werden, versichert Zhao. Ob das auch für die Baukosten von knapp 1,3 Milliarden Yuan (148 Millionen Euro) gilt, vermag sie nicht zu sagen.
Widersprüchlich sind die Informationen zum benachbarten Nationalstadion, in das 3,6 Milliarden Yuan (409 Millionen Euro) geflossen sind. Eine Sprecherin beziffert den Unterhalt auf 100 Millionen Yuan (11,4 Millionen Euro) im Jahr und zeigt sich zuversichtlich, die Bau- und Finanzierungskosten in 30 Jahren wieder einzuspielen.
Einige Nachnutzungen sind tatsächlich geglückt
Wang Chun, Direktor der Olympiapark-Verwaltung, nennt dagegen jährliche Kosten von 30 Millionen Dollar, fast 204 Millionen Yuan. Er räumt auch mit dem Mythos auf, dass das Stadion jeden Tag von bis zu 20.000 Besuchern besichtigt werde, die 50 Yuan (5,70 Euro) dafür zahlten. Gegenwärtig kämen nur etwa 6000 Personen, 2009 seien es durchschnittlich 10.000 gewesen. „Die Leute erzählen sich, dass das Stadion von außen interessanter ist als von innen“, sagt Wang und zuckt die Schultern. „Viele machen draußen ihr Foto und sparen das Eintrittsgeld.“
Zwei Jahre nach den Wettkämpfen geben die Olympiastätten in Peking ein sehr unterschiedliches Bild ab. Einige Nachnutzungen sind tatsächlich geglückt. Die kleineren, auf den Universitätsgeländen errichteten Hallen und Plätze werden von den Hochschulen unterhalten und von Studenten genutzt. Viele Wohnungen des Olympischen Dorfes für die Unterbringung der Athleten waren im Zuge des andauernden Aufschwungs auf dem chinesischen Immobilienmarkt schon vor den Spielen verkauft worden.
Verlassene Plätze und Zuwege
Ein Segen für die smoggeplagte Stadt sind die neuen U-Bahnlinien und der olympische Waldpark nördlich des Wettkampfgeländes. Das Terrain mit großzügigen Wiesen, Hainen und Gewässern misst 680 Hektar und ist damit fast doppelt so groß wie der New Yorker Central Park. „Das ist mit Abstand der größte Stadtpark der Welt“, sagt Direktor Wang, der die Baukosten auf 7,6 Milliarden Yuan (864 Millionen Euro) und den jährlichen Unterhalt auf 200 Millionen Yuan beziffert. „Viel wichtiger aber ist seine wachsende Bedeutung als Freizeiteinrichtung und grüne Lunge.“ Jeden Tag spannten hier 8000 Hauptstädter aus, 2009 seien es erst 3000 gewesen.
Sehr viel schwerer fällt dagegen die sinnvolle Nutzung der Riesensportstätten. Wang versichert, zumindest die Einrichtungen im Olympiapark trügen sich selbst und erwirtschafteten sogar Gewinne: das Vogelnest, das Turnstadion, die Wasserwürfel genannte Schwimmhalle sowie das ehemalige Medien- und Fechtzentrum, in dem heute Konferenzen stattfinden. Das lässt sich kaum überprüfen – ist aber schwer zu glauben angesichts verlassener Plätze und Zuwege, leerer Hallen und Korridore, verschlossener Schranken und Tore.
Wettkampfbecken mit 6000 Sitzplätzen
Eines leugnen selbst die Verantwortlichen nicht: Sportveranstaltungen finden in den Olympiastätten kaum noch statt. Das hängt mit dem gering ausgeprägten Vereins- und Breitensport sowie den wenigen Anhängern von westlichen Sportarten in China Zusammen. Das Vogelnest böte sich als Fußballstadion an. Doch einer der führenden Pekinger Clubs lehnte das Angebot dankend ab. Zu seinen Spielen kommen maximal 10.000 Fans, was in einem Rund mit 80.000 Plätzen etwas kläglich wirken würde. Deshalb lebt das Stadion vor allem von Spektakeln: Popkonzerten, Autoshows, künstlichen Winterlandschaften oder Rekordversuchen. Kürzlich harrte ein Wagemutiger 60 Tage auf einem Drahtseil aus, das quer über den Rasen gespannt war.
Mehr Anklang versprechen sich die Betreiber des Wasserwürfels, wo vor zwei Jahren Michael Phelps uneinholbar durch das Wasser pflügte. Das Schwimmstadion mit der farblich changierenden Wabenfassade wird in diesen Tagen als Asiens größtes Spaßbad wiedereröffnet. Ein Wettkampfbecken mit 6000 Sitzplätzen bleibt erhalten, angeblich die größte Schwimmhalle der Welt. Nebenan ist ein knatschbuntes Kinderparadies mit Wellenbädern und elf Wasserrutschen entstanden, für das die Veranstalter jeden Tag mindestens 3000 Eintrittskarten zu 160 bis 200 Yuan (18 bis 23 Euro) verkaufen wollen. Die Umgestaltung soll 200 Millionen Yuan (23 Millionen Euro) gekostet haben. Das ursprüngliche Baubudget betrug 1,1 Milliarden Yuan (125 Millionen Euro).
Mehr als 3000 Konferenzen im Jahr
Großes hat auch das benachbarte National Convention Center vor. Dort arbeiteten früher die Medien und traten die Fechter gegeneinander an. Die Errichtungs- und Umbaukosten betrugen 5 Milliarden Yuan (570 Millionen Euro). „Wir wollen eines der fünf größten Kongresszentren der Welt werden“, sagt der Vorstandsvorsitzende Liu Haiying. In China sei sein Haus schon die Nummer eins, international rangiere es auf dem zehnten Rang. Nach mehr als einem Jahr Umbau eröffnete der Komplex im November 2009 mit 270.000 Quadratmetern Tagungs- und Ausstellungsflächen. Rund 1000 Mitarbeiter wickelten mehr als 3000 Konferenzen im Jahr ab, rechnet Liu vor. Die Auslastung betrage 68 Prozent.
Geradezu trostlos wirken allerdings die olympischen Hinterlassenschaften im Westpekinger Stadtviertel Wukesong. Während der Spiele zählte das Ensemble aus Baseball- und Basketballstadion zu den beliebtesten Attraktionen der Hauptstadt. Im Lichterspiel der beiden Arenen ging es auch abends noch hoch her. Auf den breiten Gehwegen boten Händler ihre Waren feil, in den Kneipen und Restaurants drängelten sich Sport- und Bierfreunde.
Kletterpflanzen überwuchern die olympischen Ringe
Nach den Spielen wurde das Baseballstadion abgerissen, weil der Sport in China so wenig verbreitet ist wie im Westen der chinesische Fußfederball (Tijianzi). Doch statt, wie zunächst angekündigt, an der Stelle des Sportplatzes ein Einkaufszentrum zu errichten, gähnt dort eine hässliche Brache. Sträucher und Gräser durchbrechen die Pflasterung, Baumaterialien liegen herum. Daneben rosten alte Autos im feuchten Pekinger Sommerklima. Vom Stadion steht nur noch ein rückwärtiges Verwaltungsgebäude: Der Silhouette eines Baseballspielers fehlt das Standbein; Kletterpflanzen überwuchern die olympischen Ringe. Im Innern des Baus sitzen Wanderarbeiter auf ihren Doppelstockbetten und essen. Einer sagt, sie bauten in der Nähe eine U-Bahn-Station aus und wohnten vorübergehend hier.
Der Basketballhalle ergeht es nur unwesentlich besser. Der 1,4 Milliarden Yuan (159 Millionen Euro) teure Bau steht zwar noch, wird aber kaum genutzt. Nach den Olympischen Spielen stand der imposante Kasten mit seinen 18.000 Sitzplätzen mehr als ein Jahr lang leer. Heute finden nur eine Handvoll Basketballspiele im Jahr statt. Doch kürzlich trat Chinas Nationalmannschaft mit ihrem Star Yao Ming gegen eine amerikanische NBA-Auswahl im Vogelnest an - und nicht im Basketballstadion.
Wenn schon nicht als Wettkampfarenen, dann eben als Touristenattraktionen
„Es gibt zu viel Konkurrenz unter den ehemaligen Olympiastätten“, sagt Yu Xudong, der stellvertretende Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Wukesong Arena Management. „Wir können nicht einmal unser Kosten decken.“ 30 Millionen Yuan (3,4 Millionen Euro) im Jahr braucht Yu für den Unterhalt der Halle und seine 50 festen Mitarbeiter. Die etwa 70 Veranstaltungen im Jahr bringen aber kaum 10 Millionen Yuan ein. Darunter sind immerhin Popkonzerte internationaler Größen wie der amerikanischen Sängerin Beyoncé zu finden, aber auch Absonderlichkeiten wie eine Dinosaurier-Show mit beweglichen Kunststofffiguren. Zudem versuchen die Betreiber, die Mitarbeiterversammlungen großer Konzerne anzulocken.
Doch genau dieselbe Strategie verfolgt das ähnlich große „Indoor Stadium“. Dort hat seit Ende der Spiele nicht eine einzige Turnveranstaltung mehr stattgefunden, wohl aber eine ganze Reihe von Jahresfesten wichtiger Staatsunternehmen oder ausländischer Tochtergesellschaften von westlichen Konzernen wie Nokia oder Motorola.
Im Wettbewerb unter den ehemaligen Olympiahallen ist die Wukesong-Gesellschaft der einzige vollkommen private Anbieter. In allen anderen Fällen besitzt der Staat die Mehrheit oder ist zumindest Miteigentümer. Er dürfte dafür sorgen, dass Pekings halbleere Olympiastätten weiter geöffnet bleiben. Wenn schon nicht als Wettkampfarenen, dann eben als Touristenattraktionen und Erinnerungsorte an zwei glorreiche Sportwochen im Jahre 2008.
Teures Vergnügen
Den bequemsten Blick über das Olympiagelände bieten die Sessel der „Happiness Lounge“ im 21. Stockwerk des Pangu 7 Star Hotels, das sich unmittelbar westlich vom Schwimmstadion erhebt. Das Hotel ist ein reguläres 5-Sterne-Haus, das sich kurzerhand den Namen „7-Stern“ gegeben hat, um aufzufallen. Die Edelherberge residiert im nördlichsten der fünf Türme des Pangu-Plaza. Die Häuserflucht bildet einen Drachen mit erhobenem Haupt nach, was zugleich als olympische Fackel gedeutet worden ist. Wer es exklusiver wünscht, kann sich eines der zwölf Hofhäuser auf den Dächern des Pangu-Plaza mieten. Diese Vierflügelanlagen sind in traditioneller Pekinger Bauweise um einen kleinen Innenhof angelegt und beherbergen in luftiger Höhe 1000 Quadratmeter große zweistöckige Luxuswohnungen. Jede Einheit ist unterschiedlich gestaltet, in europäischem oder fernöstlichem Stil - vor allem aber opulent. Teure Hölzer und Steine herrschen vor, Spiegel, Säulen, Schnitzereien. Möbel, Lampen, Accessoires sind Maßanfertigungen, jedes Zimmer ist ein Unikat. In den zahlreichen Badezimmern öffnen sich die Toilettensitze von selbst, freistehende Badewannen laden zum Schaumbad mit Blick auf Wasserwürfel und Vogelnest ein. Ein neun Meter langes privates Schwimmbecken dient zugleich als Wasserspiel, der baumbepflanzte Hof lässt sich elektrisch überdachen. Die Grandezza wird nur vom Preis übertroffen. Eine Nacht kostet 500.000 Yuan (57.000 Euro). Die Jahresmiete in Pekings teuerster Wohnung beträgt 100 Millionen Yuan (11 Millionen Euro).
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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