http://www.faz.net/-gqe-u8f8

Zum Tod von Rudolf-August Oetker : Bescheiden und erfolgreich

Rudolf August Oetker (1916-2007) Bild: picture-alliance / dpa

Er war einer der größten deutschen Familienunternehmer der Nachkriegszeit: Rudolf-August Oetker ist am Dienstag im Alter von 90 Jahren in einer Hamburger Klinik verstorben. Er baute den Puddinghersteller zum Weltkonzern aus.

          Einer der großen deutschen Unternehmer ist tot. Rudolf-August Oetker starb am Dienstag im Alter von 90 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Oetker hat die Geschäfte bei dem traditionsreichen Bielefelder Familienunternehmen von 1944 bis 1981 als Alleineigner geführt. Dabei ging er weit über die Produktion von Backpulver hinaus, mit der sein Großvater, der Apotheker Dr. August Oetker, einst den Grundstein für den Aufbau eines der erfolgreichsten deutschen Familienbetriebe - die Dr. August Oetker KG - legte. Rudolf-August Oetker, unternehmensintern RAO genannt, folgte stets der Devise: „Nicht alle Eier in einen Korb.“

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Um weniger abhängig zu sein von Konjunkturzyklen, investierte er die wachsenden Gewinne aus dem Verkauf von Backmitteln in das Schifffahrtsgeschäft. Dabei spielten steuerliche Anreize und persönliche Vorlieben gleichermaßen eine Rolle (auf den hauseigenen Linienschiffen fuhr er regelmäßig nach Südamerika). Viele weitere Millionen steckte Oetker in Felder, die nichts miteinander zu tun haben: in Hotels, Banken, Versicherungen, Wein- und Sektproduzenten sowie Brauereien. Sogar eine Chemische Fabrik gehört bis heute zum diversifizierten Beteiligungsportfolio der Gruppe, die zuletzt rund 7 Milliarden Euro umgesetzt hat.

          Gespür für den Markt

          Schon im Alter von 25 Jahren trat Oetker in die Geschäftsführung des Unternehmens ein, das damals noch von seinem Stiefvater Richard Kaselowsky geleitet wurde. Als dieser drei Jahre später bei einem Bombenangriff auf Bielefeld starb, übernahm Oetker allein die Verantwortung. Sein Gespür für den Markt und die Weiterentwicklung der Marke Oetker, die bis heute jedes Kind in Deutschland kennt, paarte sich mit ostwestfälischer Sparsamkeit. Wenn ihn jemand nach seinem Beruf fragte, sagte er nur: „Kaufmann“.

          Er wurde 90 Jahre alt

          Die Antwort ist typisch. Oetker war ein unprätentiöser Mann, bescheiden auch in seinen eigenen Ansprüchen. Er war stets höflich, ein echter Herr der alten Schule. Wenn ein Gast oder Mitarbeiter sein Büro betrat, so erhob er sich und verneigte sich leicht, ungeachtet des Ranges seines Besuchers. Trotz aller Erfolge verlor er nie die Bodenhaftung, sondern fiel auf durch eine wohltuenden Normalität. Deshalb war er bei den Mitarbeitern sehr beliebt. Seine Nähe zu den eigenen Leuten im Unternehmen zeigte sich auch zu seinem 90. Geburtstag am 21. September vergangenen Jahres: Oetker lud 500 Rentner seiner Firma in den parkähnlichen Garten seines Landhauses zum Kaffee ein.

          Nachfolgeproblem weitsichtig gelöst

          Sein größter Verdienst jenseits der operativen Geschäfte, von denen nicht alle von Erfolg gekrönt waren, war, das für Familienunternehmen oft kritische Nachfolgeproblem weitsichtig und gut gelöst zu haben. 1981, im Alter von 65 Jahren, gab Oetker die Geschäftsführung an seinen Sohn August Oetker weiter, der seither in Bielefeld auf der Kommandobrücke steht und offenkundig gute Arbeit verrichtet. Wie gut, lässt sich von außen schwer beurteilen: Die Gruppe veröffentlicht keine Ertragszahlen.

          Der 62 Jahre alte August Oetker ist erst der vierte Chef in 116 Jahren Unternehmensgeschichte. Wenn sich August Oetker in wenigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurückzieht, wird nach Informationen dieser Zeitung wohl sein Halbbruder Alfred Oetker (Jahrgang 1967) das Zepter übernehmen. Er führt derzeit die niederländische Landesgesellschaft von Oetker. Formal wird die Führungsfrage von einem Beirat entschieden, der mehrheitlich aus familienfremden Mitgliedern besteht. Mit dieser Regelung wollte Oetker Senior verhindern, dass sich die Oetker-Familie im Nachfolgestreit entzweit. Zugleich sollen stärker objektive Kriterien für die Beurteilung der Kandidaten herangezogen werden.

          Unternehmensanteile an seine acht Kinder übertragen

          Auch das Problem der Erbfolge und die daraus resultierende Steuerlast, die viele Erben zum Verkauf von Unternehmensvermögen zwingt, hat man im Hause Oetker rechtzeitig gelöst. 2002 übertrug Rudolf-August Oetker den größten Teil seiner Unternehmensanteile an seine acht Kinder, die er von drei Frauen hat. Zuvor hatte das Unternehmen Vorsorge betrieben, um die Schenkungsteuer bezahlen zu können.

          „Auch weiterhin muss jeder Familiengesellschafter, bevor er eine Dividende bekommt, erstmal ein Konto bedienen, das nur dazu da ist, Vorsorge zu treffen für die Erbschaftsteuer“, hatte August Oetker vor einiger Zeit im Gespräch mit der F.A.Z. erläutert. Dessen Vater hatte zu Lebzeiten außerdem verfügt, dass die Meinungsbildung im Gesellschafterkreis trotz der rasant wachsenden Zahl der Nachkommen nicht zerfasert: So soll die Zahl der stimmberechtigten Gesellschafter künftig auf acht Familienstämme begrenzt bleiben.

          Blick fürs Wesentliche

          Rudolf-August Oetker hat das Unternehmen bis zu seinem Tod eng als Vorsitzender des Beirats der Dr. Oetker Holding KG begleitet. Das ist eine Art Aufsichtsrat, dem ansonsten noch seine älteste Tochter Rosely Schweizer, Roland Oetker (Vetter von August Oetker), Rolf Kunisch (ehemaliger Beiersdorf-Vorstandschef) und Henkel-Chef Ulrich Lehner angehören. Trotz seines hohen Alters wollte Oetker den Beiratsvorsitz ursprünglich noch ein paar Jahre behalten. Erst 2009, wenn sich sein Sohn August mit 65 Jahren, so wie er selbst einst, aus der Geschäftsführung zurückzieht, wollte er Abschied nehmen. Wer nach seinem Tod nun den Beirat führen wird, ist noch offen.

          Als oberster Aufseher hatte Rudolf-August Oetker stets einen genauen Überblick über die Zahlen des Konzerns. Auf der Jahrespressekonferenz im vergangenen Juni, bei der er - wie jedes Jahr - freundlich, fast schüchtern lächelnd auf dem Podium saß, überreichte ihm Schifffahrts-Spartenchef Klaus Mewes ein Bündel Unterlagen mit den Worten: „Ich bringen Ihnen Arbeit mit.“ Der gelernte Bankkaufmann lächelte, warf flink einen prüfenden Blick auf die erste Seite und nickte dem Manager dann wissend zu. Oetker hatte schon immer einen Blick für das Wesentliche.

          Weitere Themen

          Das Gesicht von Frankreichs Autofahrern

          Landesweite Proteste : Das Gesicht von Frankreichs Autofahrern

          Morgen drohen landesweite Straßenblockaden in Frankreich – weil eine Frau aus der Provinz sich an die Spitze einer Bewegung gestellt hat. Die Konfliktlinien laufen zwischen Stadt und Land, Globalisierungsgewinnern und -verlierern.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.