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Zum Abschied von Josef Ackermann Das Victory-Zeichen - Karriere einer Ablichtung

27.10.2006 ·  Das Bild zählt längst zu den Ikonen der Kapitalismuskritik. Mit dem Victory-Zeichen im Gerichtssaal machte Josef Ackermann Michael Jackson nach - und ein Fotograf lichtete ihn ab. Über Entstehung und Folgen eines Fotos, das Geschichte schrieb.

Von Jasper von Altenbockum
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© ddp images/AP/OLIVER BERG

Normalerweise stellt sich Oliver Berg auf fünf bis zehn Minuten ein, in denen er zu Beginn einer Gerichtsverhandlung zu einem brauchbaren Foto kommen muß. Brauchbar heißt, möglichst ein Bild des Angeklagten, möglichst mit einprägsamer Mimik, einer auffälligen Geste, irgend etwas, was das Foto „dynamisch“ macht. Denn gedruckt und gesendet wird nur, was „dynamisch“ ist. Tut sich etwas, eine Bewegung, und sei es nur ein Zucken, schon ist der Auslöser gedrückt. „Kommt Aktion, folgt Reaktion.“

Doch dieser eine Prozeßtag am 21. Januar 2004 war in jeder Beziehung ein besonderer Tag. Berg hatte nicht nur zehn Minuten, sondern mehr als eine halbe Stunde. Richterin Brigitte Koppenhöfer war kurz im Sitzungssaal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts erschienen, um mitzuteilen, daß sich der Verhandlungsbeginn um einige Minuten verzögern werde. Die da herumstanden und zuhörten, waren nicht irgendwelche Angeklagte, die sich so gaben, wie Angeklagte sich normalerweise geben: verlegen, gedrückt, still, ehrfürchtig. Diese hier waren, ihre Anwälte hatten ihnen dazu geraten, angestrengt locker. Berg zwängte sich zwischen die Stuhlreihen und machte Porträtaufnahmen: vom Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, vom früheren IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, dem ehemaligen Mannesmann-Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser und seinem Aufsichtsratschef Joachim Funk, außerdem von den weniger bekannten Jürgen Ladberg, dem ehemaligen Betriebsratschef, und Dietmar Droste, dem ehemaligen Personalchef bei Mannesmann.

Ein Foto schreibt Wirtschaftsgeschichte

Aber Berg suchte vor allem die beiden Hauptfiguren. Gegen kurz vor neun Uhr stand er mit seinem Weitwinkel im Anschlag in der Mitte der zweiten Sitzreihe, hinter ihm in der ersten Reihe saß Zwickel, vor ihm standen Klaus Esser, Josef Ackermann und einer seiner Anwälte. Berg drängelte den Anwalt ein wenig zur Seite, so daß er mit seiner Kamera freie Sicht auf Esser und Ackermann hatte. Mit Esser stand er fast auf Tuchfühlung, er berührte ihn mit seiner linken Schulter. Jede Bewegung führte zu automatischen Bildsequenzen, pro Sekunde vier oder fünf Fotos. Aktion, Reaktion. Berg hörte, wie die drei Herren scherzen. Der Name „Jackson“ fiel, Ackermann fuhr mit der Hand nach oben. Aktion, Reaktion. Bildsequenz.

Der Kölner Fotograf wußte noch nicht, daß er, und nur er, in diesem Bruchteil einer Sekunde Wirtschaftsgeschichte belichtet hatte.

Nach etwa zwanzig Minuten mußten Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen. Es waren nur drei Fotografen zugelassen; ein Fotograf von Action-Press, ein Fotograf einer kleineren Agentur, die sich die Akkreditierung eingeklagt hatte, und Oliver Berg für die Deutsche Presse-Agentur. Ein Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks durfte filmen. Berg ging in einen Nebenraum und schloß seine Kamera an einen Laptop an. In mehr als einer halben Stunde hatte er 270 Bilder gemacht. Was war das nun eigentlich mit Ackermann und seiner Hand? Berg sah das Bild und hatte Glück: Mehrere Bilder der Sequenz waren durch die Armbewegung verwischt, aber eines war scharf, die Hand ist deutlich zu sehen, nichts stört, freie Sicht, der Hintergrund paßt. Die Hand Ackermanns macht das Victory-Zeichen.

Es wird nicht mehr gestikuliert

Berg dachte sich: „ein ungewöhnliches Bild für einen Prozeßauftakt“. Gestikulieren in solch einer Umgebung ist Mangelware. Nicht nur im Gericht. Überhaupt wird nicht mehr gestikuliert in der deutschen Öffentlichkeit. Nicht in der Wirtschaft, nicht in der Politik, sagt Berg. Wenn überhaupt Gesten, dann sind es kalkulierte Zeichen, aber keine spontanen Bewegungen. Nicht einmal mehr im Sport. „Selbst ein Mann wie Jürgen Klinsmann bewegt die Hände auf Pressekonferenzen nicht mehr, nur noch unterm Tisch“, sagt Berg. Aber warum kommt es auf die Bewegung an, und sei sie noch so vordergründig? „Weil es sonst nicht gedruckt wird.“

Deshalb war das Bild mit dem Victory-Zeichen das richtige Foto, das „dynamische Foto“. Das Bild wurde mit zwanzig anderen, nicht ganz so dynamischen Fotos an die Bildzentrale der Deutschen Presse-Agentur nach Frankfurt geschickt, versehen mit der Bildunterschrift Bergs: „Josef Ackermann (r) scherzt am Mittwoch (21. 01. 2004) vor Prozeßbeginn im Düsseldorfer Landgericht mit dem ehemaligen Mannesmann-Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser (l).“

Ackermann verhöhnt das Gericht

Um 10.31 Uhr erreichte das Foto die Redaktionen in aller Welt. Um 14.29 Uhr schob Berg ein zweites nach, einen auf den grinsenden Ackermann und dessen Victory-Zeichen beschnittenen Ausschnitt. Zu diesem Zeitpunkt steht für die meisten Zeitungen in Deutschland schon fest: Ackermann verhöhnt das Gericht! Das Bild gehört auf die Titelseite! Kaum eine Zeitung tat das nicht - oder brachte das Bild etwa gar nicht, weil es sein konnte, daß es nur vermeintlich bedeutete, was es tatsächlich gar nicht zeigte. Die Zeitungen vom Donnerstag, dem 22. Januar 2004, gehören zu den Einheitsbreifeiern des deutschen Journalismus: Sie sahen alle gleich aus.

Auch die Kommentare waren zum Verwechseln ähnlich. In kaum einer Bewertung des Prozeßauftakts fehlte unter dem Eindruck des Fotos die Formel von der „Arroganz der Macht“. Ackermann verstärkte die Wirkung durch seine Äußerung: „Deutschland ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Werte schaffen, bestraft werden.“ Stillosigkeit, Zynismus, Raffgier - das Foto war dafür die Illustration. Die Deutsche Bank begriff noch am Mittwoch, also noch am ersten Prozeßtag, was geschehen war. Sie gab eine Erklärung für die Geste Ackermanns. Der habe mit Esser gescherzt: in Düsseldorf verspäte sich das Gericht, in Amerika der Angeklagte. Und dann habe Ackermann den Angeklagten nachgeahmt, Michael Jackson, den Popstar, der fünf Tage zuvor seinen ersten Gerichtstermin im Prozeß wegen Kindesmißhandlung mit einem Victory-Zeichen verlassen hatte. Zwei Wochen später entschuldigt sich Ackermann für den „falschen Eindruck“, den das Foto hinterlassen habe.

Ikone der Kapitalismuskritik

„Ich stehe zu dem Foto“, sagt Berg. „Es trifft den Kern der Sache.“ Was daraus gemacht wurde, sei eine andere Sache. Es tauchte auf PDS-Wahlplakaten auf, auf SPD-Postkarten, als Illustration zu Münteferings Heuschrecken-Kampagne, auf dem Titel eines Buches über den „Victory-Kapitalismus“, schließlich auch als Pappkamerad. Längst gehört es zu den Ikonen der Kapitalismuskritik.

Es kommt darauf an, was daraus gemacht wird: So sah es auch Bundesjustizministerin Zypries, die ein Jahr später, im Januar 2005, in Berlin eine Laudatio auf das Bild hielt, das den dritten Preis des „Rückblende“-Wettbewerbs für politische Fotografie gewonnen hatte, eine begehrte Trophäe, die von der Landesvertretung Rheinland-Pfalz zusammen mit dem Verband der deutschen Zeitungsverleger jedes Jahr vergeben wird. Zypries bezeichnete das Bild als „Schnappschuß“ im Unterschied zur inszenierten Fotografie, als eines von jenen Fotos, „die einen kurzen, frappierenden Moment erfassen und damit mehr als tausend Worte sagen“. Das können zwar auch inszenierte Fotos, aber darauf kam es der sozialdemokratischen Ministerin nicht an. Ihr ging es - und da bat sie um „überparteiliche Solidarität“ - um die politisch richtige Inszenierung: „Was mich allerdings stört, ist mitunter die Mutwilligkeit, mit der Frauen - vor allem Politikerinnen - in unvorteilhaften Situationen fotografiert und veröffentlicht werden.“ Ackermann ist eben keine Frau.

Am zweiten Prozeßtag war Oliver Berg wieder im Düsseldorfer Sitzungssaal. Wieder fotografierte er Josef Ackermann. Der hatte die Arme fest und abweisend verschränkt. Aktion, Reaktion.

Quelle: F.A.Z., 27.10.2006, Nr. 250 / Seite 12
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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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