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Zukunft made in Germany / Teil 2 Mikroprozessoren steuern künstliche Gelenke

19.08.2004 ·  Der Prothesenhersteller Otto Bock Healthcare produziert margenstarke Produkte für den Weltmarkt. Seine Produkte sind exemplarisch für das Erfolgsrezept international tätiger deutscher Mittelständler - F.A.Z.-Serie zu Innovationen in Deutschland.

Von Carsten Knop
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Im besten Fall helfen Innovationen nicht nur der Gewinn-und-Verlust-Rechnung eines Unternehmens, sondern auch den Menschen, deren Leben mit Hilfe dieser Neuentwicklung einfacher, vielleicht sogar lebenswerter wird. Und hin und wieder können Innovationen sogar Leben retten. Das ist dem Familienunternehmen Otto Bock im niedersächsischen Duderstadt mit der von einem Mikroprozessor gesteuerten Beinprothese "C-Leg" gelungen.

Aufgeschrieben hat die Geschichte ein Reporter der "New York Times": Der oberschenkelamputierte Computerspezialist Curtis Grimsley mußte nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 aus seinem Büro im 70. Stock des World Trade Center flüchten. Er hat es geschafft, sich in Sicherheit zu bringen - und hat dies ausschließlich seiner computergesteuerten Prothese zu verdanken, die ihm hilft, auf den Straßen von Manhattan ebenso Schritt zu halten wie auf den Treppen eines Hochhauses.

Das "C-Leg" kann unterschiedliche Untergründe erkennen

Noch eine weitere Geschichte, die in Duderstadt über das "C-Leg" erzählt wird, spielt in den Vereinigten Staaten. Andrew Lourake, Pilot der Flugbereitschaft des amerikanischen Vizepräsidenten, der "Air Force Two", hatte sich nach einem Motorradunfall sein Bein gebrochen - und nach vielen Operationen war klar, daß es nicht zu retten sein würde. Schweren Herzens entschied sich der Pilot dazu, sein Bein amputieren zu lassen.

Die Operation ist in jeder Hinsicht gelungen. Inzwischen darf er wieder bei der Air Force fliegen - mit der Hilfe des "C-Leg". Das "C-Leg" ist in der Lage, zum Beispiel unterschiedlichste Untergründe zu erkennen und sich dieser neuen Umgebung beim Laufen entsprechend anzupassen. Fahrradfahren oder selbst Inlineskaten sind ebenfalls möglich.

Herzstück sind die Mikroprozessoren

Herzstück der "intelligenten" Beinprothese sind Mikroprozessoren, die bei jedem Schritt über Sensoren den Kniewinkel, die Beugegeschwindigkeit sowie die Kraft, mit denen Ferse und Vorderfuß auftreten, messen. Die Signale werden nach den Worten der Produktmanagerin Meike Brouwer, die selbst eine Nutzerin des "C-Leg" ist, 50mal in der Sekunde an die Prozessoren übermittelt. Die dort hinterlegte Steuerungssoftware wertet die Signale aus und erkennt anhand gespeicherter Bewegungsmuster, wie sich das Knie und damit das ganze Bein bewegen muß.

Bei einem unerwarteten Ereignis, beispielsweise auf unebenem Gelände, steuern Mikroprozessoren und Software die Hydraulik der Prothese so, daß das Knie stabilisiert wird. Darüber hinaus ist die Software in der Lage, die Schrittgeschwindigkeit zu ermitteln und die Hydraulikventile so zu öffnen und zu schließen, daß der Gang im Ergebnis möglichst natürlich wird. "Das ,C-Leg' hilft dabei, wieder ohne Angst gehen zu können. Es verleiht ein neues Lebensgefühl, ein neues Selbstbewußtsein", sagt Brouwer.

Exemplarische Produkte für das Erfolgsrezept deutscher Mittelständler

Seine High-Tech-Eigenschaften machen das "C-Leg" zwar sehr viel teurer als mechanische Modelle, abhängig vom individuellen Aufwand sind Preise um 20 000 Euro möglich. Gerade dies macht die Prothese, aber zum Beispiel auch eine über elektrische Signale aus der Armmuskulatur gesteuerte künstliche Hand, zu exemplarischen Produkten für das margenstarke Erfolgsrezept international tätiger deutscher Mittelständler.

Das Unternehmen heißt Otto Bock Healthcare GmbH und wird von Hans Georg Näder geführt, der die Leitung des Unternehmens im Alter von 28 Jahren von seinem Vater übernommen hat. Näder führt die Gruppe in der dritten Generation. In dieser Zeit hat er die Zahl der Mitarbeiter in Deutschland auf mehr als 1400 verdoppelt, der Umatz wurde auf mehr als 355 Millionen Euro allein im Kerngeschäft verdreifacht. Im laufenden Jahr wird ein Umsatz von mehr als 390 Millionen Euro angestrebt. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit hat zuletzt bei 36,2 Millionen Euro gelegen.

"Ich bin ein totaler Fan von ,Made in Germany'"

Das Geheimnis des Erfolgs? "Ich bin ein totaler Fan von ,Made in Germany'", sagt Näder, sein Unternehmen befinde sich in einem "permanenten Innovationsprozeß" und werde gerade auf dem Gebiet der Elektronik noch große Entwicklungsfortschritte erzielen. Vom Mäkeln über den Standort hält er nichts. Deutschland habe gerade mit seiner immer stärkeren Anbindung nach Osteueropa viele Chancen.

Es gehe nicht darum, auf den Staat zu warten, sondern Ideen und Ziele selbst zu verwirklichen, "im Team, in einem Vertrauensverhältnis zu den Mitarbeitern". Das "C-Leg" jedenfalls, das inzwischen von mehr als 8000 Patienten genutzt wird, die zum überwiegenden Teil in Amerika wohnen, setzt selbst Jahre nach seiner Markteinführung immer noch den Maßstab für einen bis heute unangefochtenen neuen Standard in der Beinprothesenversorgung.

Es wird nach den Worten von Brouwer kontinuierlich weiterentwickelt, die Software stetig aktualisiert. Inzwischen erweitert ein "C-Leg" für ältere Menschen die Produktpalette. Darüber hinaus ist die Prothese ein Beispiel dafür, daß das Unternehmen Otto Bock seine Produkte nicht nur international vertreibt und deshalb sogar Mobilitätsgarantien im In- und Ausland anbieten kann, sondern auch international entwickelt. Maßgeblichen Anteil am Erfolg des "C-Leg" haben jedenfalls die Otto-Bock-Ingenieure des unternehmenseigenen Innovationszentrums Wien.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2004, Nr. 193 / Seite 15
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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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