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Zuchtunternehmen : Das Tier als eierlegende Maschine

„Unser Ziel ist, dass das Huhn mehr Eier legt“ Bild: Fricke, Helmut

Hühner legen heute 350 Eier im Leben. Das reicht den Züchtern nicht. 500 Eier sollten es schon sein. Ein Besuch auf der Nutztiermesse.

          „Unsere Mission: 500 Eier.“ So steht es am Messestand des niederländischen Unternehmens Hendrix Genetics B.V. auf der Eurotier in Hannover. Gemeint ist die Lebensleistung einer Henne. Bislang beträgt diese rund 370 Eier. „Unser Ziel ist, dass das Huhn mehr Eier legt“, sagt der Direktor des Unternehmensbereichs Hennen (Isa), Servé Hermans.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Tierzucht, insbesondere von Geflügel, ist in die Kritik geraten. Denn sie hat Nutztiere geschaffen, die so sehr von den Eigenschaften der Wildtiere abweichen, dass sie nicht nur im Freien nicht mehr überleben könnten, sondern auch Schmerzen hätten, wenn man sie zu lang leben ließe. Fleischtiere würden so schwer, dass sie Fehlfunktionen der Gelenke bekämen. Kritiker sagen, auch unter jetzigen Bedingungen litten die Tiere. Nein, wenn Tiere litten, fräßen und wüchsen sie nicht gut, entgegnet die Branche.

          Die „Schizophrenie des Verbrauchers“

          Auch in den Niederlanden, sagt Servé Hermans, verschärfe sich der gesellschaftliche Druck. Eine Nichtregierungsorganisation kreierte dort das Wort „Explosionsküken“ für ein Tier, das Isa züchtete, und nun sei dieses Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Gleichwohl sei er froh, sagt Servé Hermans, dass es bisher keine Angriffe oder persönlichen Anfeindungen etwa von Veganerorganisationen gab wie in den vergangenen Jahren in Deutschland.

          Aus dem Katalog: Zuchterfolge der Tierzuchtunternehmen Bilderstrecke
          Aus dem Katalog: Zuchterfolge der Tierzuchtunternehmen :

          Servé Hermans beklagt die „Schizophrenie des Verbrauchers“: „Er fordert naturbelassene Hühner, im Supermarkt mutiert er dann auf rätselhafte Weise zu einem Wesen, das billige Produkte kauft. Wir würden gern nur Biohühner züchten, aber der Markt will nicht.“ Aber nicht alle Zuchtziele sind umstritten: Derzeit arbeitet Isa an einer Henne, die Raps-Schrot verträgt, ein Abfallprodukt der Bioethanol-Produktion.

          „Ich denke, dass ein Huhn auch 1000 Eier legen kann“

          Rund 350 Millionen Euro setzt Hendrix im Jahr mit Puten-, Hennen-, Schweine- und Lachszucht um, 50 Millionen die Hennenzucht-Sparte Isa. Es beherrscht mit dem zur niedersächsischen EW-Gruppe gehörenden, in Amerika stationierten Aviagen Group rund 90 Prozent des Weltmarktes. Die Unternehmen verkaufen in der hoch arbeitsteiligen Tierwirtschaft Großelterntiere an Brütereien. 12 Millionen Euro im Jahr investiert Hendrix in die Forschung, Aviagen ähnlich viel. Ein Ziel: Legehennen zu schaffen, die langsam wachsen, aber viel fressen. Sind 500 Eier pro Tier die Obergrenze? Man weiß es nicht. „Ich denke, dass ein Huhn auch 1000 Eier legen kann“, sagt Hermans.

          In den Messehallen der weltgrößten Messe für Nutztierhaltung Eurotier in Hannover zeigt die Branche auch viele Neuzüchtungen. Puten heißen etwa „B.U.T. 7“ (laut Katalog „Gewichtszunahme rund 140 Gramm am Tag“), Schweine „PIC-Piétrain“ („5 Prozent weniger Ferkelverluste oder 50 Euro je Sau und Jahr“). In den Katalogen werden die Tiere wie Autos präsentiert: Standardisierte Leistungszahlen wie Eutergröße, Fettgehalt oder Hüftstellung sind in Messzahlen und Säulendiagrammen dargestellt. Für Außenstehende ist dieser technische Blick auf Lebewesen befremdlich, für die Tierzucht-Ingenieure ist er normal.

          Rinder geben doppelt so viel Milch wie in den fünfziger Jahren

          Die Erfolge der Industrie sind gemessen in der Produktivität enorm. Ein Huhn benötigt heute nur die Hälfte des Futters, das es vor 50 Jahren brauchte. Sauen bekommen immer mehr Ferkel, Schweine wachsen schneller, Rinder geben doppelt so viel Milch wie in den fünfziger Jahren. Eine „Hochleistungskuh“ schafft mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr.

          Agrarexperten gilt die Zucht als wichtigste Stellschraube, um den zunehmenden Hunger der wachsenden Weltbevölkerung zu stillen. Das ist in der Pflanzenzucht so und auch in der Tierzucht; aber hier sind die ethischen Bedenken größer. Mit der geplanten Tierschutznovelle der Bundesregierung sollen etwa nicht näher definierte „Qualzuchten“ verboten werden. Der Begriff wurde, analog zum niederländischen „Explosionsküken“, von einer Nichtsregierungsorganisation kreiert. Die Politik hat ihn übernommen, die Branche blickt mit Spannung und Sorge darauf, was genau verboten werden wird.

          Zuchtbullen heißen wie Panzer

          In der Schweine- und Rinderzucht gibt es viel mehr Unternehmen und Rassen als im Geflügelsegment. Das sogenannte Hybridhuhn, eine schnell wachsende Kreuzung, setzte sich ab den sechziger Jahren durch und kam damit früher als das Hybridschwein. Mit diesem wurden Konzerne wie PIC aus Großbritannien (rund 150 Millionen Euro Jahresumsatz) oder DanAVL Breeders groß. Aus biologischen Gründen gibt es bis heute andererseits kein Hybridrind. Die meisten deutschen Unternehmen wie Masterrind oder die Rinder-Union West (RUW, Jahresumsatz knapp 60 Millionen Euro) sind Genossenschaften in Hand der Bauern. Sie verkaufen Kälber oder Sperma. Zuchtbullen heißen wie Panzer: „Brigade EX90“ oder „Terbium VG86“.

          Den Milchkuh-Züchtern gilt als wichtigstes Ziel, die Lebensleistung des Tiers zu verlängern. „Das Schöne ist, dass der gesellschaftliche Druck hier in die gleiche Richtung geht wie der betriebswirtschaftliche“, sagt Jörg Potthast, Agrartechniker bei RUW. Denn eine Milchkuh muss erst mal lang gefüttert werden, ehe sie Milch gibt - schade, sie nach zwei Jahren wieder schlachten zu müssen. Weitere Trends sind hier: „gesextes“ Sperma, mit dem fast sicher bestimmt wird, ob Kälber weiblich oder männlich werden. Und seit wenigen Jahren ist die „genomische Selektion“ Praxis. Sie beschleunigt die Zucht enorm.

          Quelle: F.A.Z.

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