http://www.faz.net/-gqe-14rw7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.12.2009, 16:35 Uhr

Zu Besuch in Nordkorea Blick in den Sozialismus

Die Funktionäre des sozialistischen Regimes genießen ihre Privilegien, doch die Nordkoreaner kämpfen gegen die Armut. Die Währungsreform hat ihre Ersparnisse vernichtet. Die gepflegte Fassade Pjöngjangs kann den Mangel nicht verdecken. Seltene Einblicke in ein verschlossenes Land.

von , Pjöngjang
© Patrick Welter In der VIP Lounge Nr. 6 im Flughafen von Pjöngjang

Es ist dunkel in den breiten Straßen von Pjöngjang. Auf dem Bürgersteig im Zentrum hat sich am späten Nachmittag eine Schülerband aufgebaut. Dick verpackt in ihre Winterjacken, spielen die 12 bis 15 Jahre alten Jugendlichen gegen die Kälte an. Nur vereinzelt spenden Passanten Beifall. Auch der Titel „Fußstapfen“ findet kaum Zuhörer. Das eingängige Lied mit dem Refrain "Trapp-trapp-trapp" preist die Loyalität des jungen Generals Kim zum großen Führer Kim Jong-il und verheißt dem Land eine glänzende Zukunft, wenn die Schritte des Generals noch lauter ertönen.

Patrick Welter Folgen:

Bis dahin hat die Demokratische Volksrepublik Korea im Vergleich mit dem kapitalistischen Südkorea noch viele Schritte zu gehen. 56 Jahre nach dem Korea-Krieg erreicht das Pro-Kopf-Einkommen im Norden gerade mal etwa 6 Prozent der Landsleute im Süden der Halbinsel. Der Wert dieser Schätzung der südkoreanischen Zentralbank ist gering; zu viele Ungewissheiten gibt es etwa über die Militärwirtschaft des Nordens. Der wahre Zustand der sozialistischen Planwirtschaft zeigt sich in Meldungen wie der, dass die Schulkinder gerade verfrüht in die Winterferien geschickt wurden, damit der Staat Heizkosten spart. Das Durchschnittseinkommen lag vor der jüngsten Währungsreform bei rund 4000 Won im Monat, zum Schwarzmarktkurs entspricht das 80 Eurocent.

Mehr zum Thema

Eine unwirkliche Kulisse

Die vom Regime gepflegte Fassade in der Hauptstadt Pjöngjang kann den Mangel nur notdürftig verdecken. Nicht nur der Duty Free Shop am Flughafen gleicht ob des spärlich-aufgeräumten Warenangebotes einem überdimensionierten Puppenkaufladen. In vielem wirkt die Vorzeigestadt mit ihren 2 Millionen Einwohnern, in die der Zuzug streng reguliert ist, wie eine unwirkliche Kulisse. Solarbetriebene Straßenlaternen an der Changgwang-Straße, die Solarzellen aus chinesischer Produktion, demonstrieren Modernität; doch ihr spärlicher Lichtkegel reicht abends nur für wenige Meter. Auf den breiten, oft vierspurigen Straßen fahren nur wenige Autos; oft sind ältere Mercedes-Benz zu sehen und künden vom Rang der Funktionäre der Arbeiterpartei oder der Minister - ebenso wie die im vergangenen Jahr vom Regime gekauften 400 Volkswagen Passat aus chinesischer Produktion. Nur einige tausend Personenwagen soll es in Nordkorea geben, bei einer Bevölkerung von etwa 23 Millionen. Auf den Landstraßen sind vorwiegend Fahrradfahrer unterwegs, oder die Menschen gehen zu Fuß.

Blick in den Sozialismus In der VIP Lounge Nr. 6 im Flughafen von Pjöngjang © Patrick Welter Bilderstrecke 

Tagsüber ist das Stadtzentrum nahezu menschenleer. In die Geschäfte in der Bahnhofsgegend verirren sich nur wenige Menschen. Zur Mittagszeit herrscht an kleinen Imbissbuden etwas Gedränge. Schlange stehen die Pjöngjanger - und das in der Stoßzeit oft zu Hunderten Metern - aber an den Haltestellen der betagten Busse. Überbordende Warenfülle, die in Ansätzen an das wilde Einkaufsparadies Südkorea erinnert, gibt es nur auf den wenigen privaten Märkten. Diese duldet das planwirtschaftliche Regime widerwillig zur Besserung der Versorgungslage und trifft sie doch mit Querschlägen. Der überraschende Währungsschnitt Anfang Dezember hat das Kapital der Händlerinnen zumindest teilweise vernichtet und viel im Schwarzhandel verdientes Geld entwertet.

Propagandamaschine läuft auf Hochtouren

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kim Jong-uns Tante Ein neues Leben dank der CIA

Der nordkoreanische Machthaber sei ein aufbrausendes Kind gewesen. Abenteuerliche Geschichten erzählt eine Frau, die Kims Tante sein soll in einem Gespräch mit der Washington Post. Mehr

28.05.2016, 13:27 Uhr | Politik
Pjöngjang Bizarrer Fabrikbesuch in Nordkorea

Am Rande des siebten Kongresses der Arbeiterpartei hat Nordkoreas Regierung eine Tour für ausländische Journalisten in eine Vorzeige-Seidenfabrik in Pjöngjang organisiert. Dort gibt es dankbare Arbeiter und fröhliche Kinder im fabrikeigenen Kindergarten zu sehen – und einen Aschenbecher, in den einst Kim Jong-il geascht hatte. Mehr

11.05.2016, 16:11 Uhr | Politik
Berichte aus Südkorea Nordkorea misslingt offenbar Raketenstart

Bereits im April war das nordkoreanische Militär mit drei Raketentests gescheitert, doch Kim Jong Un setzt das Militär offenbar weiter unter Druck. Die getestete Rakete könnte theoretisch den amerikanischen Militärstützpunkt Guam erreichen. Mehr

31.05.2016, 10:26 Uhr | Politik
Nordkorea Fest im Sattel?

Nach 36 Jahren lässt Nordkorea wieder einen Parteikongress abhalten. Wieso, weshalb, warum ist zwar nicht bekannt – aber ohne Absicht geschieht so etwas nicht. Was hat Kim Jong-un vor? Mehr Von Martin Benninghoff

05.05.2016, 10:32 Uhr | Politik
Ausnahmezustand verhängt Venezuela ist eine Bombe

Caracas steht vor dem endgültigen Kollaps. Das Regime entzieht dem Parlament die Rechte und das Volk leidet unter einer immer katastrophaleren Versorgungslage. Präsident Maduro baut derweil am Parallelstaat. Mehr Von Matthias Rüb, São Paulo

17.05.2016, 20:57 Uhr | Politik

Not-Millionen für die Milchbauern

Von Jan Grossarth

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt verspricht den Milchbauern hundert Millionen Euro „plus x“, weil die unter dem niedrigen Milchpreis leiden. Das wird den Bauern aber nicht viel helfen. Mehr 0


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Kinderarmut in Deutschland Jedes siebte Kind von Hartz IV abhängig

Rund 1,5 Millionen Kinder sind von Hartz IV abhängig. Die regionalen Unterschiede sind enorm. Abgeordnete der Linken werfen der Koalition vor, zu wenig dagegen zu tun. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“