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Zu Besuch in Nordkorea Blick in den Sozialismus

 ·  Die Funktionäre des sozialistischen Regimes genießen ihre Privilegien, doch die Nordkoreaner kämpfen gegen die Armut. Die Währungsreform hat ihre Ersparnisse vernichtet. Die gepflegte Fassade Pjöngjangs kann den Mangel nicht verdecken. Seltene Einblicke in ein verschlossenes Land.

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Es ist dunkel in den breiten Straßen von Pjöngjang. Auf dem Bürgersteig im Zentrum hat sich am späten Nachmittag eine Schülerband aufgebaut. Dick verpackt in ihre Winterjacken, spielen die 12 bis 15 Jahre alten Jugendlichen gegen die Kälte an. Nur vereinzelt spenden Passanten Beifall. Auch der Titel „Fußstapfen“ findet kaum Zuhörer. Das eingängige Lied mit dem Refrain "Trapp-trapp-trapp" preist die Loyalität des jungen Generals Kim zum großen Führer Kim Jong-il und verheißt dem Land eine glänzende Zukunft, wenn die Schritte des Generals noch lauter ertönen.

Bis dahin hat die Demokratische Volksrepublik Korea im Vergleich mit dem kapitalistischen Südkorea noch viele Schritte zu gehen. 56 Jahre nach dem Korea-Krieg erreicht das Pro-Kopf-Einkommen im Norden gerade mal etwa 6 Prozent der Landsleute im Süden der Halbinsel. Der Wert dieser Schätzung der südkoreanischen Zentralbank ist gering; zu viele Ungewissheiten gibt es etwa über die Militärwirtschaft des Nordens. Der wahre Zustand der sozialistischen Planwirtschaft zeigt sich in Meldungen wie der, dass die Schulkinder gerade verfrüht in die Winterferien geschickt wurden, damit der Staat Heizkosten spart. Das Durchschnittseinkommen lag vor der jüngsten Währungsreform bei rund 4000 Won im Monat, zum Schwarzmarktkurs entspricht das 80 Eurocent.

Eine unwirkliche Kulisse

Die vom Regime gepflegte Fassade in der Hauptstadt Pjöngjang kann den Mangel nur notdürftig verdecken. Nicht nur der Duty Free Shop am Flughafen gleicht ob des spärlich-aufgeräumten Warenangebotes einem überdimensionierten Puppenkaufladen. In vielem wirkt die Vorzeigestadt mit ihren 2 Millionen Einwohnern, in die der Zuzug streng reguliert ist, wie eine unwirkliche Kulisse. Solarbetriebene Straßenlaternen an der Changgwang-Straße, die Solarzellen aus chinesischer Produktion, demonstrieren Modernität; doch ihr spärlicher Lichtkegel reicht abends nur für wenige Meter. Auf den breiten, oft vierspurigen Straßen fahren nur wenige Autos; oft sind ältere Mercedes-Benz zu sehen und künden vom Rang der Funktionäre der Arbeiterpartei oder der Minister - ebenso wie die im vergangenen Jahr vom Regime gekauften 400 Volkswagen Passat aus chinesischer Produktion. Nur einige tausend Personenwagen soll es in Nordkorea geben, bei einer Bevölkerung von etwa 23 Millionen. Auf den Landstraßen sind vorwiegend Fahrradfahrer unterwegs, oder die Menschen gehen zu Fuß.

Zu Besuch in Nordkorea: Blick in den Sozialismus

Tagsüber ist das Stadtzentrum nahezu menschenleer. In die Geschäfte in der Bahnhofsgegend verirren sich nur wenige Menschen. Zur Mittagszeit herrscht an kleinen Imbissbuden etwas Gedränge. Schlange stehen die Pjöngjanger - und das in der Stoßzeit oft zu Hunderten Metern - aber an den Haltestellen der betagten Busse. Überbordende Warenfülle, die in Ansätzen an das wilde Einkaufsparadies Südkorea erinnert, gibt es nur auf den wenigen privaten Märkten. Diese duldet das planwirtschaftliche Regime widerwillig zur Besserung der Versorgungslage und trifft sie doch mit Querschlägen. Der überraschende Währungsschnitt Anfang Dezember hat das Kapital der Händlerinnen zumindest teilweise vernichtet und viel im Schwarzhandel verdientes Geld entwertet.

Propagandamaschine läuft auf Hochtouren

Morgens um 5 Uhr werden die Menschen in Pjöngjang durch himmlisch anmutende Sphärenklänge zum Lobe des "ewigen Präsidenten" Kim Il-sung geweckt. Es folgen Parolen im 100-Tage-Kampf, der sich im September fast nahtlos an den 150-Tage-Kampf anschloss und der noch bis zum Jahresende dauert. Die Propagandamaschine läuft auf Hochtouren. Die Plakate an den Straßenecken und in den Betrieben haben die noch im Frühjahr allgegenwärtige antiamerikanische Propaganda weitgehend abgelöst. Das Regime ruft die Menschen zum besonderen Einsatz in der Produktion und im technischen Fortschritt auf. Das Ziel lautet 2012. Zum 100. Geburtstag von Kim Il-sung, der 1994 starb, will Nordkorea den Schritt zur "starken und prosperierenden Nation" geschafft haben. Phantastisch klingen die Zahlen, mit denen die Führung in der Kampagne jongliert: Die Produktionsleistung soll in diesem Jahr schon um ein Drittel gesteigert worden sein.

Wirtschaftlich richtet das Regime, das die Bevölkerung nicht ernähren kann, alles auf 2012 aus. 100.000 Wohnungen sollen bis dahin in Pjöngjang entstehen. "Wir bauen die Wohnungen mit Hilfe befreundeter Nationen", antwortet der stellvertretende Bau- und Entwicklungsminister Kim Jong-hun auf die Frage, ob China das Großprojekt finanziere. "China hält die Handelssanktionen ein, verstärkt aber zunehmend seine Direktinvestitionen in dem Land", beobachtet Walter Klitz, Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für Korea.

Bei dem Neubau der 100.000 Wohnungen wolle man die Ökologie besonders achten, erklärt der Vizeminister. Doch in der Innenstadt von Pjöngjang strecken Wohntürme der Luft ihren nackten Beton entgegen. "Wärmedämmung wäre am dringlichsten", sagt Klaus Sedlbauer, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart. Sedlbauer ist Referent eines Seminars zum umweltverträglichen Städtebau der Friedrich-Naumann-Stiftung in Pjöngjang. In dem ungeheizten Vortragssaal des Mount Paektu Institute für Architektur sprechen die vier ausländischen Fachleute über Planungsrecht, Emissionsschutz oder Wärmedämmung. Zwei Großporträts von Kim Il-sung und Kim Jong-il hängen ihnen im Nacken. In wärmende Wintermäntel gehüllt, schreiben die rund 60 Zuhörer aus Architekturinstituten, aus Ministerien und Universitäten hochinteressiert mit. Die wenigen Fragen richten sich auf praktische Details: Können Sie uns dieses Software-Programm hierlassen? Wo können wir europäische Umweltstandards einsehen? Wie viel Grünfläche wird bei Wohnsiedlungen in Deutschland vorgeschrieben?

Kontakte mit Einwohnern unterbindet das Besuchsprogramm

Einen Dialog zwischen Referenten und Teilnehmern aber gibt es kaum. Die Begleiter der Stiftungsdelegation achten darauf, dass der Kontakt mit den Nordkoreanern nicht zu intensiv wird. Schnell werden die Gäste in den Pausen in einen Raum geleitet, in dem sie unter sich einen Kaffee zu sich nehmen können. Kontakte mit Einwohnern unterbindet das straffe Besuchsprogramm generell; auf der Straße verhalten sich viele Nordkoreaner den Fremden gegenüber unsicher. Vor allem auf den privaten Märkten scheuen die Händler den Kontakt mit den Fremden und wollen sich nicht fotografieren lassen.

In der Vorzeigesiedlung Mansudae-Straße demonstriert Nordkorea mit hellgrau gekachelten Neubauten und Doppelglasfenstern den Stand seiner Baukunst. Die mietfreien 880 Wohnungen mit 170 Quadratmetern je Familie wurden in diesem Jahr fertiggestellt und planwirtschaftlich zugeteilt. Noch strahlt alles Neuheit aus. Die Straßenbäume sind gekappt; das Seiden- und Bekleidungsgeschäft an der Ecke hat noch nicht aufgemacht. Frisch wie an der Mansudae-Straße aber zeigt Pjöngjang sich dem Besucher selten, es überwiegt sozialistische Tristesse wie im früheren Ostblock. Helle und klare Farben, wie die Koreaner im Süden sie so gerne mögen, gibt es nicht. Die Wohnblöcke sind asphaltgrau oder in gedecktem Grün oder Rot gestrichen, das im trüben Winterwetter noch fahler wirkt. Grellbunt strahlt dagegen der neue Pavillon auf dem von Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Schweden geteilten Botschaftsgelände. Der Holzpavillon ist dem Gesang der Elster gewidment, einem koreanischen Symbol für Glück und Zufriedenheit. Das mit deutschem und englischem Geld errichtete Bauwerk spiegelt den Zustand der Wirtschaft und Gesellschaft wider: Es ist der erste Pavillon in traditioneller Bauweise überhaupt, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Nordkorea errichtet wurde. Die Zuneigung zur Tradition und zum Vaterland, die Süd- und Nordkoreaner eint und die sich auf beiden Seiten der Grenze in den beliebten riesigen Landschaftsgemälden erahnen lässt, kann die Planwirtschaft selbst nicht finanzieren.

Ausländisches Kapital für Prestigeobjekte

Auch für Prestigeobjekte greift das Regime auf ausländisches Kapital zurück. Durch den Winternebel schimmert das pyramidenförmige Ryugyong-Hotel, das mit seinen 105 Stockwerken die Stadt und alle ihre Monumentaldenkmäler überragt. In der in den späten achtziger Jahren begonnenen Bauruine regt sich seit einigen Monaten wieder Leben. Das ägyptische Unternehmen Orascom Telecom, an dem über France Telecom indirekt auch der französische Staat beteiligt ist, investiert eine unbekannte Summe in das Hotel. Im Gegenzug, so heißt es in Pjöngjang, hat Orascom Telecom 2008 für 25 Jahre eine Mobiltelefonlizenz und für 4 Jahre gar ein Monopol erhalten. Die Befristung dient dem Regime als Druckmittel, um die Vollendung des Ryugyong-Hotels passend zum 100. Geburtstag von Kim Il-sung sicherzustellen. Orascom Telecom äußerte sich auf Anfrage nicht. Das Gemeinschaftsunternehmen Koryolink, an dem die Ägypter 75 Prozent halten, hat jedenfalls seit einem Jahr mehr als 70.000 Mobiltelefone in Nordkorea verkauft, zum Stückpreis von 200 bis 300 Euro, Tendenz steigend. Die Abonnentenzahl darf als ein Indiz für die Zahl der bessergestellten Funktionäre des Regimes dienen.

Die Arbeiter in der Sangwon-Zementfabrik, die - vor der Währungsreform - im Monat rund 2000 Won verdienten, können davon nur träumen. "Unsere Aufgabe im 100-Tage-Kampf ist es, den Zement für die 100.000 Wohnungen zu liefern", sagt der Chefingenieur des Werks 40 Kilometer südlich von Pjöngjang, Lee Bang-sung. Die Fabrik habe ihre Produktion in diesem Jahr verdoppelt. Die unglaublich scheinende Steigerung begründet der Ingenieur damit, dass man mehr der 2000 Arbeiter in der eigenen Kohleförderung einsetze und Energieengpässe überwunden habe. "Am wichtigsten aber ist, dass im 100-Tage-Kampf die geistige Bereitschaft der Beschäftigten gestärkt wurde", sagt Lee. Wie überall ist in der Zementfabrik der Personenkult um die Parteiführung allgegenwärtig. In den Ausstellungsräumen wird auf Wandtafeln die Geschichte des in den achtziger Jahren mit KHD- und Siemens-Technik erbauten Werkes anhand der Anweisungen des "Ehreningenieurs" Kim Jong-il erzählt. Die Auflistung endet 2007.

Miteigentümer des Werkes ist zu 49 Prozent die französische Lafarge SA, die 2008 das Zementgeschäft der Orascom-Gruppe gekauft hatte. Lafarge will das Werk modernisieren und die Kapazität von 2,5 Millionen auf 3 Millionen Tonnen im Jahr ausweiten. Doch die nach den Worten des Chefingenieurs 100 Millionen Dollar teure Überholung stockt. Lee steht vor schon gelieferten Ersatzteilen und erklärt, KHD dürfe Teile der schon produzierten Filteranlagen und Kompressoren wegen des Einspruchs des deutschen Außenministeriums nicht ausliefern. "Ich glaube, die machen bei den Sanktionen der Vereinigten Staaten mit", sagt der Chefingenieur.

Produktion im 100-Tage-Kampf um 20 Prozent gesteigert

Im Stahlwerk Chollima mit seinen 13.000 Beschäftigten ist die Betriebsleitung mit Angaben zur Produktionsmenge geiziger. Die Produktion sei im 100-Tage-Kampf schon um 20 Prozent gesteigert worden, heißt es, vor allem als Folge technischer Errungenschaften. Man produziere genug, um die Bedürfnisse des Landes zu erfüllen. 20 Prozent gingen in den Export, nach China und nach Südostasien. Mit unübersehbarem Stolz wird den Besuchern der erste Ultrahochdruck-Hochofen des Landes vorgeführt, der vor einem Jahr in Betrieb ging. "Niemand wollte Korea diese Technik liefern, also haben wir sie selbst entwickelt", sagt der Vizedirektor der Stahlwerke, Lee Tae-kyong. So klingt die Juchhe-Ideologie, das Streben nach Eigenständigkeit. Auf einem Plakat in der Fabrik steht: "Glaube an Morgen und an Dich selbst, dann kannst Du eine große Nation aufbauen!"

Das geschichtsträchtige Stahlwerk ist eine der Vorzeigefabriken des Landes und trägt den Ehrentitel Chollima. Das mythische Pferd soll am Tag 1000 Li oder 400 Kilometer zurückgelegt haben und dient dem Regime als Symbol des Aufbaus. Die Produktionsbedingungen und der Zustand des Werks lassen den Stolz eigenwillig erscheinen. Im Hintergrund des weitläufigen Werksgeländes bläst ein Schornstein gelbe, offensichtlich schwefelhaltige Abgase in die Luft. Eine Betonbalustrade in der Werkshalle1 wird notdürftig von Stützen gehalten, damit sie nicht abbricht. "Diese Halle wird bald renoviert", sagt ein Ingenieur entschuldigend. Andere Hallen aber werden den Besuchern nicht gezeigt.

Kim Jong-un? Die Nordkoreaner kennen sein Gesicht nicht

Um die Ecke biegt im Stahlwerk eine Schülerparade und spielt das "Fußstapfen"-Lied auf den jungen General. Gemeint ist damit Kim Jong-un, Sohn des Parteichefs Kim Jong-il und Enkel des Parteigründers Kim Il-sung. Er ist von seinem, vermutlich durch einen Schlaganfall geschwächten Vater zum Nachfolger in der sozialistischen Dynastie auserkoren. Kim Jong-un, dessen Alter mit 25 oder 26 Jahren angegeben wird, soll in einem schweizerischen Internat inkognito zur Schule gegangen sein; viel mehr ist über ihn nicht bekannt. Die Nordkoreaner kennen sein Gesicht nicht.

Die 150- und 100-Tage-Kampagnen, mit denen die Bevölkerung seit dem Frühjahr unter Daueranspannung versetzt wird, dienen nach Auskunft von Parteifunktionären auch dazu, den "ideologischen Geist der Bevölkerung" zu stärken. Die Menschen sollen beschäftigt und von Spekulationen über die Nachfolge in der Führung der Arbeiterpartei abgehalten werden. Abends sind in einem Restaurant im Fernseher bewegte Bilder des "geliebten Führers" Kim Jong-il zu sehen, der angeblich seit Monaten durch das Land reist, um die Werktätigen in den Fabriken und auf den Feldern zu motivieren. Kim Jong-il ist extrem abgemagert und bewegt sich sehr langsam. Drei sangesfreudige Kellnerinnen zieren sich gewaltig, auf Bitte der ausländischen Gäste das "Fußstapfen"-Lied auf den auserwählten Nachfolger anzustimmen, und behaupten, den Text nicht zu kennen. Erst auf Intervention eines Parteifunktionärs greifen sie ohne Begeisterung zum Mikrofon. Manche am Tisch stimmen lauthals ein; ansonsten aber herrscht während und nach dem Sangesvortrag eine gespannt anmutende Stille.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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