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Zirkussterben Ohne Netz und doppelten Boden

27.05.2009 ·  Mehr als dreihundert Zirkusse gibt es in Deutschland. Sie ringen ums Überleben. Steigende Kosten, Tierschützer und EU-Richtlinien sind schuld. Viele Traditionsbetriebe haben schon aufgegeben.

Von Marie Katharina Wagner, Weilburg
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In besseren Tagen muss das Plakat einmal pink gewesen sein. „Die beste Circus-Show der Welt“ steht darauf und „Circus Barelli – der zweitgrößte Deutschlands!“. Der Regen hat weiße Flecken hineingewaschen, die Bilder von Seiltänzern, Nilpferd und Giraffe sind verblichen. Auch das Versprechen „Viele Tiere aus Afrika und weltbeste Artisten!“ hat die Weilburger an diesem Sonntagnachmittag nicht zum Festplatz an der Lahn gelockt. Vor dem Kassenwagen steht in der Maisonne nur eine Handvoll Gäste an.

Seniorchef Harry Barelli ist um die Nase genauso blass wie seine Plakate. Er hat vier Nierensteine und sollte eigentlich im Krankenhaus liegen, sitzt aber lieber vor seinem Wohnwagen, aus dem es nach Gebratenem duftet. „Man muss ja kämpfen, damit es noch ein bisschen weitergeht“, sagt er. Um seine Ausgaben zu decken, brauchte der Zirkus 2000 Zuschauer am Tag. An diesem Tag sind es nach drei Vorstellungen höchstens 200.

„Neue Welle des Zirkussterbens“

Seit fast zehn Jahren, seit der Einführung des Euro, ringe sein Zirkus, ein Familienunternehmen in der siebten Generation, ums Überleben. Die Finanz- und Wirtschaftskrise gebe ihnen nun den Rest. „Die Leute nehmen nur noch die billigsten Plätze, wenn sie überhaupt kommen“, sagt er. „Zuckerwatte kauft auch keiner mehr.“ Die günstigsten Tickets kosten im Circus Barelli für Kinder 15, für Erwachsene 20 Euro. Dafür gibt es zwei Stunden Programm, in dem weder viele Tiere aus Afrika noch weltbeste Artisten vorkommen. In der Pause werden noch einmal fünf Euro fällig für die große Tierschau, die daraus besteht, dass man die dösenden Pferde, Kamele und Lamas in ihren Gehegen besichtigen kann. Die Kinder im Publikum stört das alles nicht. So wie ihre Augen leuchten, hat der Satz von der besten Circus-Show der Welt auf dem Plakat doch seine Berechtigung.

Wenn es so weitergeht, sagt Barelli, werden sie das Jahr nicht überleben. Jeden Tag fallen Kosten von 9000 Euro an. Die Tiere wollen fressen, die russischen Artisten verlangen nach Gage, die Miete für den Festplatz kostet 2000 Euro am Wochenende. Barelli spricht von einer „neuen Welle des Zirkussterbens“ in Deutschland. Allen Zirkussen gehe es schlecht. „Wer behauptet, sein Geschäft läuft gut, der lügt“, sagt er. „Die Zeit des Zirkus ist vorbei.“

Familien oft untereinander zerstritten

Schon einmal, in den sechziger Jahren, wurde das Ende des Zirkus ausgerufen, da war das Fernsehen gerade zum Massenmedium geworden. Einige gingen ein, neue wurden gegründet: Drei- bis vierhundert Betriebe existieren bis heute in Deutschland. Eine genaue Zahl kennt niemand. Die Familien sind untereinander oft zerstritten, an einen gemeinsamen Dachverband ist nicht zu denken.

Auf europäischer Ebene haben Direktoren der großen Zirkusse sich inzwischen in der „European Circus Association“ zusammengeschlossen. Der Sprecher des Verbands, Dirk Kuik, der zugleich Redakteur der „Deutschen Circuszeitung“ ist, teilt die Branche in Deutschland in drei Gruppen ein. Die meisten, etwa zwei- bis dreihundert, seien kleine Wanderzirkusse, die oft nur von einer Familie betrieben würden. Sie kämen ganz gut über die Runden, sagt Kuik, weil sie kaum Ausgaben hätten. Manche von ihnen berichteten sogar von einem außergewöhnlich guten Frühjahrsgeschäft, weil viele Familien den Osterurlaub strichen, sich aber offenbar einen Zirkusbesuch leisteten.

Die Top Drei

Darüber hinaus gebe es etwa 100 mittelgroße Unternehmen, Kuik nennt sie „die Gruppe der zweitgrößten Zirkusse Deutschlands“, zu ihnen gehört auch Barelli. Sie haben wirtschaftlich am meisten zu kämpfen. Die Zuschauer werden weniger, die Ausgaben mehr. „Viele Probleme der Zirkusse sind aber auch hausgemacht“, sagt Kuik. „Man darf sich einfach nicht größer darstellen, als man ist.“

Ganz oben stehen für Kuik die „Top Drei“: Krone, Flic Flac und Roncalli. Circus Roncalli wurde zwar von zwei Österreichern, Bernhard Paul und André Heller, gegründet, hat sein Winterquartier aber seit über dreißig Jahren in Köln. Von den drei Marktführern ist Circus Krone der einzige traditionelle Zirkus mit Tierdressuren, Hochseiltänzern und Clowns. Eine finanzkräftige Familie im Hintergrund, so heißt es in der Branche, sichere den Fortbestand. Selbst Krone habe aber mittlerweile Geldsorgen. Zirkus Flic Flac richtet sich mit Motorrad-Stunts und Akrobatik an ein jüngeres Publikum und war damit in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Seit vergangenem Herbst bemerkt man allerdings auch bei Flic Flac eine „Tendenz zu den billigen Plätzen“.

Nicht als Kulturgut anerkannt

Circus Roncalli verdient inzwischen mit anderen Dingen Geld, um den altmodischen Zirkus mit Museumscharakter am Leben zu erhalten. Dinner-Shows, Weihnachtsmärkte und Galas spielen die Hälfte des Jahresumsatzes von etwa 15 Millionen Euro ein. 500.000 Besucher hat das Unternehmen im Jahr, Circus Krone gut doppelt so viele. Obwohl Roncalli bisher nur im Geschäft mit Firmenkunden die Krise spürt, ist Geschäftsführer Thomas Schütte ebenso pessimistisch wie Harry Barelli. „Der Zirkus in Deutschland ist im Prinzip ausgestorben“, sagt er. Die seriösen Traditionsunternehmen von früher – Busch, Sarrasani, Althoff, Renz, Barum – gebe es fast alle nicht mehr. Was davon übrig sei, habe mit den Originalen nichts mehr zu tun. Mit den großen Zirkussen sei ein ganzer Wirtschaftszweig verschwunden. So gebe es auch keine einzige Firma mehr, die noch Zirkuswagen herstelle.

Anders als im europäischen Ausland gibt es von Seiten der Politik kaum Unterstützung. Während in Frankreich und Italien der Zirkus als Kulturgut anerkannt und durch Subventionen unterstützt wird, gibt es in Deutschland außer einer Fahrerlaubnis am Sonntag kaum Erleichterungen. Vor allem EU-Richtlinien machten den Zirkusleuten das Leben schwer, sagt Schütte, zum Beispiel das Glühbirnen-Verbot, nach dem bis zum Jahr 2013 alle Glühbirnen in der EU durch Energiesparlampen ausgetauscht werden sollen. Circus Roncalli muss nach jedem Umzug an einen neuen Spielort 1000 kaputte Glühbirnen auswechseln. Statt wie bisher 300 Euro muss Roncalli dafür künftig 4000 Euro einplanen.

Tierschützer vor dem Zirkuszelt

Über die Politiker schimpft auch Harry Barelli ausgiebig. Schlimmer sind in seinen Augen nur noch die Tierschützer. „Die machen uns kaputt mit ihrer Propaganda“, ruft er über den Festplatz. Zeitungen weigerten sich inzwischen, über Zirkusse mit Tieren im Programm zu berichten. Die Unterbringung der Tiere würde immer strikter reguliert und sei nicht mehr zu finanzieren.

Tatsächlich steht in Weilburg vor dem Zirkuszelt ein einsamer langhaariger Mahner, der Zettel verteilt: „Was Sie über Zirkus Barelli wissen sollten.“ Die Vorwürfe über schlechte Tierhaltung und Tierquälerei stammen allerdings aus einer vergangenen Zeit, als Circus Barelli noch Tiger, Nilpferd und Giraffe im Programm hatte. Heute sind sie nur noch auf den Plakaten zu sehen: Das Nilpferd lebt inzwischen im Zoo in Italien, die Giraffe brach sich den Fuß. Den Tierschützer stört das nicht. „Wir kämpfen so lange weiter, bis Barelli gar keine Tiere mehr hat“, sagt er. Auf die Frage, ob es ihm nicht leid tue, zum Zirkussterben in Deutschland beizutragen, antwortet er mit einer Gegenfrage. „Reicht Ihnen denn nicht der Zirkus, den wir mit der Krise im Moment erleben?“

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

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