04.01.2012 · Die amerikanische Notenbank Fed will ihre Entscheidungen transparenter machen. Künftig wird sie die Zinsprognosen der Mitglieder ihres geldpolitischen Ausschusses einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.
Von Patrick Welter, WashingtonAls erste der großen Zentralbanken in der Welt wird die amerikanische Federal Reserve (Fed) regelmäßig eigene Prognosen über die Entwicklung des Leitzinses vorlegen. Unter ihrem Vorsitzenden Ben Bernanke geht die Fed damit einen weiteren großen Schritt in Richtung Transparenz. Sie hofft, die Wirtschaft so besser steuern zu können. Der Offenmarktausschuss hat sich darauf im Dezember geeinigt. Volkswirten von Geschäftsbanken wird damit das Rätselraten über die Geldpolitik erleichtert. Die Fed folgt mit der Prognose von Zinssätzen den Notenbanken von Neuseeland, Norwegen und Schweden.
Die Fed wird in einer Spanne offenlegen, welche Leitzinssätze die Mitglieder des Offenmarktausschusses am Jahresende und in den Folgejahren für angemessen halten, und über den erwarteten Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung informieren. Seit Dezember 2008 hält sie die „Federal Funds Rate“ nahe null Prozent. Die Erwartungen über die kurzfristigen Zinssätze werden viermal im Jahr zusammen mit den regulären Wachstums- und Inflationsprognosen veröffentlicht, erstmals am 25. Januar. In Erzählform will die Fed über die Gründe der Zinsprognosen und die Erwartungen zur Bilanz der Notenbank berichten. Diese ist mit dem Ankauf von Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren auf 2,9 Billionen Dollar angeschwollen.
Die Entscheidung fiel im Offenmarktausschuss nicht ohne Einwände. Einige Mitglieder fürchten, die größere Offenheit könne die Öffentlichkeit verwirren. Die Prognosen könnten als bindende Ankündigung eines Zinspfades missverstanden werden. Die meisten Mitglieder des Offenmarktausschusses hielten diese Risiken indessen für „beherrschbar“. Der Ausschuss hat sich noch nicht auf eine Erklärung zu den langfristigen Zielen und der geldpolitischen Strategie der Fed geeinigt. Spekuliert wird, die Fed werde sich damit einem direkten Inflationsziel annähern.
„Die größere Offenheit ist ein großer Schritt für die Fed“, lobt der Ökonom Marvin Goodfriend von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh die Entscheidung. Es sei aber unabdingbar, dass die Notenbank die Transparenz über ihre Absichten mit der formalen Erklärung eines Inflationsziels von 2 Prozent begleite. Sonst könne der Schuss nach hinten losgehen. „Transparenz über die Handlungen kann eine Verpflichtung zur niedrigen Inflation nur verstärken, aber nicht ersetzen“, sagt Goodfriend.
Bernanke verfolgt mit der größeren Offenheit mehrere Ziele. Gelingt es der Fed, die Zinserwartungen an den Finanzmärkten besser zu lenken, könnte ihre Geldpolitik bei der Steuerung der Wirtschaft effizienter werden, weil Unsicherheit aus dem Markt verschwände. Ferner bietet die Veröffentlichung von Zinsprognosen die Chance, ohne konkrete geldpolitische Lockerung die finanziellen Bedingungen für Investitionen ein wenig zu verbessern. Indem die Fed andeutet, wie lange sie ihre faktische Nullzinspolitik beibehalten will, kann sie – so die Erwartung – die Langfristzinsen weiter drücken.
Bankvolkswirte bezweifeln, dass das der Wirtschaft derzeit noch viel bringen wird. Die Terminsätze für Geldmarktzinsen zeigten schon jetzt, dass eine Abkehr von der Nullzinspolitik frühestens am Jahresende 2013 erwartet wird. „Wenn die Fed die Geldpolitik lockern will, muss sie noch mehr Staatsanleihen oder Hypotheken ankaufen“, sagt Harm Bandholz, der Amerika-Volkswirt der Bank Unicredit.
Der Offenmarktausschuss ist über die Notwendigkeit einer weiteren Lockerung uneins. Mehrere Mitglieder glauben, dass die moderate Wirtschaftsentwicklung durchaus eine weitere Expansion erfordern könne. Diese sei umso effizienter, wenn sie mit einer neuen Kommunikation ergänzt werde. Einige andere Mitglieder bezweifelten im Dezember aber die Zweckmäßigkeit, die expansive Geldpolitik über die kurze Frist hinaus beizubehalten.
Volkswirte privater Banken erwarten für das Jahresschlussquartal 2011 ein – auf ein Jahr hochgerechnetes – Wachstum von mehr als 3 Prozent. Für dieses Jahr wurde zuletzt bei geringer Inflation mehrheitlich mit einer Rate von mehr als 2 Prozent gerechnet.
Erste Schritte hin zu zinspolitischen „Leitlinien“ für die Finanzmärkte hatte die Fed schon früher gemacht, indem sie während der Finanzkrise zusicherte, den Leitzins für „ausgedehnte Zeit“ niedrig zu halten. Seit August vergangenen Jahres erklärte der Offenmarktausschuss dann, den Leitzins wohl bis mindestens Jahresmitte 2013 auf „außergewöhnlich niedrigem“ Niveau zu lassen. An den Finanzmärkten hinterließ das den gewünschten Eindruck. Die Zinserwartungen hätten sich sofort angepasst und die Schwankungen der Zinssätze sich verringert, sagt der Ökonom Randall Kroszner von der Universität Chicago, der früher selbst dem Direktorium der Federal Reserve angehörte. Wenn es gelinge, die Erwartungen so zu steuern, sei das „sehr hilfreich“.
Damit einher gingen Risiken für die Glaubwürdigkeit der Zentralbank, warnt Kroszner. Deutlich werde das derzeit in Schweden. Die Schwedische Reichsbank veröffentlicht sechs Mal im Jahr eine Prognose des Reposatzes für die kommenden Jahre. Seit 2009 folgen die Markterwartungen aber nicht mehr den Prognosen der Bank, zeigen neuere Studien. Die erhoffte größere Effizienz der Geldpolitik stößt an ihre Grenzen. „Wir Ökonomen und die Geldpolitiker haben noch nicht voll verstanden, wie sich Erwartungen bilden“, sagt Kroszner.
Wegen solcher Risiken für die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik halten die Europäische Zentralbank und die Bank von Japan von einer Prognose des Leitzinses weiten Abstand. Die EZB veröffentlicht vier Mal im Jahr Projektionen zur Konjunktur und zur Inflationsentwicklung. Diese fußen aber auf den Erwartungen über die Zinssätze, die sich am Markt gebildet haben. Um in keiner Weise den Eindruck einer Selbstbindung aufkommen zu lassen, distanziert der EZB-Rat sich sogar formal von den Projektionen, die von den Ökonomen der Bank erarbeitet werden. Die Bank von Japan publiziert wie die Fed Wachstums- und Inflationsprognosen der Mitglieder ihres geldpolitischen Rates. Diese gründen ebenfalls in den Markterwartungen über die Zinsen.
Die EZB habe die Reputation der Deutschen Bundesbank übernommen und damit eine geringere Notwendigkeit, ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen, sagt der Ökonom Goodfriend. Dagegen habe die Fed ihre Bilanz um Billionen Dollar ausgeweitet, im Glauben, die Arbeitslosigkeit senken zu können.
1975: Der Fed-Vorsitzende erklärt zweimal im Jahr vor dem Kongress die Geldpolitik.
1979: Die Fed veröffentlicht halbjährlich Wachstumsprognosen.
1983: Das Beige Book zur Wirtschaftslage wird regelmäßig veröffentlicht.
1994: Der Offenmarktausschuss gibt Änderungen des Leitzinses bekannt.
2000: Erklärung zur Geldpolitik nach jeder Sitzung des Offenmarktausschusses.
2002: Veröffentlichung der Abstimmungsergebnisse schon am Tag der Entscheidung.
2004: Die Sitzungsprotokolle werden nach drei Wochen und nicht erst nach der nächsten Sitzung publiziert.
2007: Wachstumsprojektionen werden viermal im Jahr veröffentlicht.
2011: Der Vorsitzende gibt viermal im Jahr eine Pressekonferenz.
2012: Die Fed veröffentlicht kurzfristige Zinsprognosen. (pwe.)
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