05.06.2007 · Nirgendwo sonst auf der Welt ist Geld so wenig wert wie in Zimbabwe. Polizistinnen arbeiten inzwischen als Putzfrauen, Lehrerinnen als Prostituierte und die Unternehmer lernen von den Drogendealern.
Von Thomas ScheenDie Inflation in Zimbabwe hat 3714 Prozent erreicht. Das ist Weltrekord. Und trotzdem gibt es in dem südafrikanischen Land nach wie vor eine ganze Reihe von Unternehmen, die zwar keine großen Profite mehr erzielen, trotzdem immer noch so viel, dass sie mehr oder weniger über die Runden kommen. Vorausgesetzt, die Unternehmer verfügen über Chuzpe und sind ebenso findig wie risikobereit. Die Goldproduktion ist dafür ein gutes Beispiel. Früher einmal trugen die Golderlöse ein Drittel zum zimbabwischen Bruttoinlandsprodukt bei. Heute firmiert die Goldproduktion unter ferner liefen, und offiziell produzierte Zimbabwe im vergangen Jahr ganze 8 Tonnen Gold.
Der Grund für den formalen Produktionsrückgang sind die Maßgaben der Zentralbank und die Art, wie die Minenbesitzer sich dagegen zur Wehr setzen. Denn alles Gold muss von Gesetzes wegen an ein Tochterunternehmen der Zentralbank verkauft werden. Und zwar zu Preisen, die bei 5 bis 10 Prozent des tatsächlichen Wertes liegen. Die Zentralbank verkauft das Gold anschließend zu Weltmarktpreisen und gegen harte Devisen im Ausland.
„Wir agieren wie Drogendealer“
Die Goldminen entziehen sich diesem Raubrittertum, indem das Edelmetall schlichtweg außer Landes geschmuggelt wird und noch bestenfalls 10 Prozent der eigentlichen Ausbeute an die Zentralbank verkauft wird. Dafür werden Bücher frisiert und Finanzbeamte bestochen.
„Wir agieren wie Drogendealer“, gestand ein Minenmanager unlängst in der südafrikanischen Wirtschaftszeitung „Business Day“. Um trotzdem an das begehrte Edelmetall zu kommen, ließ die Regierung in den vergangenen beiden Jahren 50.000 kleine und kleinste Minen schließen - um sie anschließend für den eigenen Profit wieder zu eröffnen.
Willkür von Regierung und Zentralbank
Wirtschaften in Zimbabwe ist ein ständiger Tanz auf der Rasierklinge. Nicht nur, dass der bankrotte Staat mit immer neuen Forderungen kommt und diese auch notfalls mit brutaler Gewalt durchzusetzen weiß - wie den jüngst für den Minensektor zur Pflicht gewordenen Umweltverträglichkeitsstudien, von denen man sich natürlich freikaufen kann. Auf ihrer Suche nach Einnahmequellen stellen Finanzbeamte regelmäßig ganze Betriebe auf den Kopf in der Hoffnung, dass das Unternehmen zahlt, nur um seine Ruhe zu haben. Ein anderes beliebtes Mittel ist die Verhaftung des Geschäftsführers, um ihm gegen Bares einen Aufenthalt in einem Gefängnis zu ersparen.
Doch die Willkür einer Regierung, die sowohl politisch als auch wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand steht, ist nur eines von vielen Problemen für die zimbabwischen Unternehmer. Devisenmangel und die nicht enden wollenden Versorgungsengpässe bei Treibstoff, Ersatzteilen und Elektrizität machen Wirtschaften zum Glücksspiel. Immerhin konnte der völlige Zusammenbruch der formellen Wirtschaft dadurch vermieden werden, dass die im Export tätigen Unternehmen einen gewissen Prozentsatz ihrer Exporterlöse in Fremdwährung behalten dürfen, um Produktionsmittel und Ersatzteile zu kaufen.
Diese Lösung hat sich als weitaus praktikabler als die bis vor zwei Jahren praktizierten „Auktionen“ von Devisen erwiesen. Gleichwohl ist dieser Prozentsatz der Willkür der Zentralbank unterworfen und wechselt ständig.
Nahezu wertlosen Lohn sofort in Lebensmittel eintauschen
Diejenigen aber, die für den lokalen Markt produzieren und folglich nur Zim-Dollar einnehmen, sind mittlerweile dazu übergegangen, zweimal am Tag ihre Preise zu erhöhen, um mit der schwindsüchtigen Inflation mitzuhalten. Genauso werden Produkte, die wie Brot oder Speiseöl unter eine staatliche Preisbindung fallen, sofort vom regulären Markt genommen und auf tausend Umwegen in den Schwarzmarkt geschleust.
Viele Unternehmen sind dazu übergegangen, ihre Arbeiter und Angestellten zweimal im Monat zu bezahlen statt zum Monatsende und ihnen unmittelbar nach Auszahlung frei zu geben, damit sie die nahezu wertlose Währung sofort in Lebensmittel eintauschen können. Und trotzdem kommen die Menschen schlichtweg nicht mehr zurecht. Der zimbabwische Gewerkschaftsbund rechnete vor, dass angesichts der Inflation die reale Kaufkraft der Bevölkerung auf den Stand von 1965 gefallen ist. Und das bei einer Arbeitslosigkeit, die ohnehin bei 80 Prozent liegt.
Lehrerinnen müssen als Prostituierte arbeiten
Noch schlimmer sieht es im öffentlichen Dienst aus. Ein Beamter verdient durchschnittlich 300.000 Zim-Dollar im Monat, für den Unterhalt einer sechsköpfigen Familie aber sind rund 2 Millionen Zim-Dollar nötig. Berechnet anhand der Preissteigerung des sogenannten Warenkorbes mit lebenswichtigen Konsumgütern, liegt die Inflation demnach nicht bei 3700 Prozent, sondern längst bei 8000 Prozent. Die Folge ist, dass Polizistinnen als Putzfrauen arbeiten und Lehrerinnen als Prostituierte.
Die Hälfte aller Regierungsjobs sind mittlerweile vakant, weil Arbeiten für ein solches Einkommen einfach keinen Sinn macht. Und wer ein Bankkonto besitzt, darf höchstens eine Million Zim-Dollar abheben. Bei Benzinpreisen von 18.000 Zim-Dollar pro Liter reicht das nicht einmal für eine Tankfüllung.
Auslandsüberweisungen halten Familien am Leben
Doch Not macht bekanntlich erfinderisch, und diejenigen, die ihre Zim-Dollar in südafrikanische Rand getauscht haben, machen mittlerweile gute Geschäfte. Die Versorgung kleiner Apotheken beispielsweise läuft auf diesem Weg: Die Pharmaka werden in Südafrika für Rand gekauft, in Zimbabwe zu horrenden Zim-Dollar-Preisen verkauft und der Erlös noch am gleichen Tag auf dem Schwarzmarkt wieder in Rand getauscht. Das funktioniert aber nur, solange der auf das Produkt aufgeschlagene Umtauschverlust an den Kunden weitergegeben werden kann.
In dieser Hinsicht wird Zimbabwe Kongo-Kinshasa, dessen Wirtschaftsleben sich zu 95 Prozent im informellen Sektor abspielt, immer ähnlicher. Und wie in Kongo sind es die vielen Wirtschaftsflüchtlinge, die mit Auslandsüberweisungen ihre Familien daheim am Leben erhalten. 3 Millionen Zimbabwer, das heißt ein Drittel der Bevölkerung, lebt im Ausland.
Villa kostet so viel wie ein Kleinwagen
Doch an ihren über Geldtransferinstitute ins Land gespülten Devisen verdient in erster Linie der Staat, da die Dollar, Euros oder Rand nur zum staatlichen festgelegten Kurs getauscht werden dürfen, der bei 250 Zim-Dollar für einen amerikanischen Dollar liegt. Auf dem Schwarzmarkt indes ist ein amerikanischer Dollar 40.000 Zim-Dollar wert.
Die Jagd nach Devisen hat zudem eine ganz neue Spezies von Unternehmern nach Zimbabwe gelockt. Da Unternehmensbeteiligungen etwa im Bergbausektor mittlerweile für 10 Prozent ihres ursprünglichen Wertes gehandelt werden, investieren insbesondere südafrikanische, aber auch britische Spekulanten in die maroden Betriebe. Im Immobiliensektor sind ähnliche Trends zu beobachten, zumal der Preis einer stattlichen Villa heute in etwa dem Preis eines Kleinwagens, das heißt 20.000 Euro, entspricht.
Dass die industrielle Produktion genauso anziehen wird wie die Immobilienpreise, sobald Mugabe das Land nicht mehr im Würgegriff hält, gilt als ausgemachte Sache. Alles, was die Spekulanten brauchen, ist eine Gesellschaft zimbabwischen Rechts und einen langen Atem.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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