Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Hoffnung vieler Finanzmarktteilnehmer auf noch großzügigere Finanzierungsbedingungen für Banken enttäuscht. Zugleich ließ EZB-Präsident Mario Draghi die Tür offen für Zinssenkungen zu einem späteren Zeitpunkt. Anders als von vielen Marktteilnehmern erhofft, kündigte der EZB-Präsident bei der Pressekonferenz zur Erläuterung der jüngsten geldpolitischen Beschlüsse keine zusätzlichen langfristigen Refinanzierungsgeschäfte an.
Statt dessen teilte er lediglich mit, dass die EZB ihre gegenwärtige Zuteilungspraxis bei Refinanzierungsgeschäften fortsetzen werde. Das bedeutet, dass die Hauptrefinanzierungeschäfte und die Geschäfte mit der Laufzeit einer Mindestreserveperiode bis Januar 2013 voll zu einem Festzins von 1,00 Prozent zugeteilt werden. Dreimonatige Geschäfte werden zunächst bis Ende 2012 zu dem während ihrer Laufzeit vorherrschenden Leitzins abgerechnet.
Leitzins stabil
Zuvor hatte der EZB-Rat wie weithin erwartet beschlossen, die Leitzinsen unverändert bei 1,00 Prozent zu lassen - trotz vereinzelter Rufe nach einer Senkung. Die meisten Analysten hatten trotz der Probleme in Griechenland und Spanien mit dieser Entscheidung gerechnet. Lediglich ein kleiner Teil der Fachleute hatte eine Zinssenkung auf ein Rekordtief erwartet.
Offenbar wollte die EZB aber vor den Neuwahlen in Griechenland am 17. Juni kein Signal aussenden, dass sie bereit ist, die Geldpolitik noch stärker gegen die Krise einzusetzen.
Mehrere Ratsmitglieder der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten allerdings vergeblich auf eine Zinssenkung gedrängt. „Einige Mitglieder hätten es heute vorgezogen, die Zinsen zu senken - aber nicht viele“, räumte Draghi am Mittwoch in Frankfurt ein. Der Rat hatte sich aber mehrheitlich dafür entschieden, den Leitzins unverändert auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent zu belassen. „Diese Entscheidung wurde im Konsens getroffen“, sagte Draghi vor der Presse. Fragen, ob eine Zinssenkung im nächsten Monat anstehe, wich der EZB-Chef aus und betonte nur, die Zentralbank lege sich niemals vorab fest.
Der Euroraum steuert gleichwohl nach der Einschätzung der EZB auf eine leichte Rezession zu. Eine dramatische Verschlechterung sehen die Währungshüter trotz der wiederaufgeflammten Schuldenkrise aber nicht. Die EZB beließ ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr gegenüber der März-Prognose unverändert. Sie erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt des Euroraums im laufenden Jahr um 0,1 Prozent sinken wird (Spanne minus 0,5 Prozent bis plus 0,3 Prozent).
Im Jahresverlauf dürfte sich die Wirtschaft im Euroraum allmählich wieder erholen, sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Im Jahr 2013 soll die Wirtschaft im Euroraum nach der Vorhersage wieder zulegen, allerdings etwas schwächer als noch im März vorhergesagt. Erwartet wird jetzt ein Plus von 1,0 Prozent (0,0 Prozent bis 2,0 Prozent). Vor drei Monaten hatten die Währungshüter noch mit einem Wachstum von 1,1 Prozent gerechnet.
Prognose für die Preisentwicklung bestätigt
Gleichzeitig hat die Notenbank ihre Prognose für die Preisentwicklung bestätigt. Die Inflation werde 2012 voraussichtlich über der Marke von zwei Prozent bleiben, sagte Draghi. Insgesamt prognostiziert die EZB für 2012 eine Inflationsrate von 2,4 Prozent (Spanne 2,3 Prozent bis 2,5 Prozent).
Im kommenden Jahr werde der Preisdruck nachlassen. Die Inflationsrate dürfte demnach unter den Zielwert der EZB von knapp 2 Prozent auf 1,6 Prozent (1,0 Prozent bis 2,2 Prozent) fallen. Insgesamt seien die Inflationsrisiken wegen der Konjunkturabkühlung moderat.
Währungszerstörer!
Joachim Schroeder (Pequod)
- 06.06.2012, 19:38 Uhr
