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Ärger auf der Baustelle : Stuttgart 21 wird teurer – Bahn lässt prüfen

Die Baustelle in Stuttgart Bild: Patrick Junker

Die Baustelle wächst, aber die Rechnung wächst schneller – weil die Baupreise steigen. Nun hat die Bahn eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft engagiert. Was sagen die Zahlen?

          Die Baustelle für den neuen Bahnhof in Stuttgart wächst ständig, die Baugruben werden tiefer. Und quer durch die Schwäbische Alb gräbt sich Tunnel um Tunnel, während die Abraumhalden wachsen. Es geht voran, wie die Bahn in einer Pressemitteilung feststellt – doch der eigentliche Inhalt der Mitteilung lässt erahnen, wie unzufrieden man mit dem Fortschritt ist: Ronald Pofalla, Infrastruktur-Vorstand der Bahn AG, hat im Lenkungskreis angekündigt, Berater einzuschalten, die Zeit- und Kostenplan prüfen sollen. Das habe der Konzernvorstand sowie Prüfungs- und Compliance-Ausschuss des Bahn-Aufsichtsrats entschieden.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC und die Ingenieurgruppe Emch+Berger seien beauftragt worden, in Kooperation zu überprüfen, was an den bisherigen Termin- und Kostenplänen noch realistisch ist, berichtete Pofalla in Stuttgart. Damit soll dem Aufsichtsrat der DB AG bis zu seiner Sitzung im Dezember ein möglichst präzises Bild ermöglicht werden. Spannend wird vor allem, wie teuer das Projekt werden könnte. Von den 4,5 Milliarden Euro von anno dazumal spricht längst keiner mehr, vorigen Sommer kursierten gar schon 10 Milliarden Euro als Annahmen des Rechnungshofs, der vor allem auf die Kostenrisiken im Tunnelbau verwies. Aber auch die 6,3 bis 6,8 Milliarden Euro, die noch in einem vom Bahn-Aufsichtsrat bestellten Gutachten des vergangenen Jahres für plausibel erachtet wurden, dürften bei weitem nicht mehr ausreichen – weil das Baugewerbe heute ganz andere Preise verlangt als ursprünglich erwartet.

          Mal ist es der Artenschutz, mal der Anhydrit im Untergrund

          „Die extrem gefüllten Auftragsbücher führen zu einer Baupreissteigerung. Der Umfang wird jetzt geprüft“, sagte ein Bahnsprecher gegenüber dieser Zeitung. Dabei geht es keineswegs um Kleinigkeiten. Zwar sind bis zur Jahresmitte 2017 schon Arbeiten im Volumen von knapp 3,6 Milliarden Euro vergeben worden – aber mehr eben noch nicht. Allein für das kommende Jahr stehen Vergaben an, die nach Pofallas Angaben bisher mit einem Volumen von 1,4 Milliarden Euro kalkuliert waren.

          Zweites Ärgernis aus Sicht der Bahn ist der Zeitverzug. Ende 2021 sollte Stuttgart 21 eigentlich fertig sein: ein neuer, unterirdischer Durchgangsbahnhof in Stuttgart sollte den alten Kopfbahnhof ablösen, zugleich sollte der Flughafen angebunden werden und eine schnelle Verbindung über die Schwäbische Alb und damit Richtung München entstanden sein.

          Ein Gutachten im Auftrag des Bahn-Aufsichtsrats hat aber schon im Frühjahr 2016 aufgezeigt, dass 24 Monate Zeitverzug aufgelaufen sind – aber damals war man noch der Ansicht, das könnte noch wettgemacht werden. So hat man offenbar tatsächlich ein Jahr aufgeholt im Bereich des Nordkopfs des künftigen Stuttgarter Bahnhofs. Weil es aber andernorts zäher läuft als geplant, hinkt man immer noch 24 Monate hinter dem eigentlich Zeitplan her. Mal ist es der Artenschutz, mal der Anhydrit im Untergrund, mal ist es auch die anspruchsvolle Architektur des künftigen Bahnhofs. So haben die charakteristischen Kelchstützen der unterirdischen Station offenbar eine besonders schwierige Statik, weshalb die Genehmigungen noch fehlen.

          „Das ist ein durchaus konstruktives Zusammenwirken“

          Was die Hiobsbotschaften für Folgen haben, ist unterdessen unklar. Bauherr des Projekts Stuttgart 21 ist die Bahn, aber auch das Land Baden-Württemberg sowie Stadt und Region Stuttgart sind Projektpartner und haben bisher einen Teil der Kosten getragen. Weil im Finanzierungsvertrag für S21 eine sogenannte Sprechklausel regelt, dass bei Kostensteigerungen über 4,526 Milliarden Euro hinaus Bahn und Land Gespräche aufnehmen müssen, gibt es aber Streit, ob damit eine Art Kostendeckel entstanden ist und die Bahn die Mehrkosten allein zahlen muss. Schon vor viereinhalb Jahren, als der Bahnaufsichtsrat den Kostenrahmen von 4,5 auf 6,5 Milliarden Euro erhöhte, ist der damalige Bahnchef Rüdiger Grube dazu verpflichtet worden, die S 21-Partner in Regress zu nehmen. Die Auseinandersetzung wird mittlerweile vor Gericht geführt, weil die Bahn verhindern will, dass die Ansprüche verjähren.

          „Unsere Tür für eine außergerichtliche Einigung steht selbstverständlich weiterhin offen“, sagte ein Bahnsprecher dazu. Den gelegentlich geäußerten Verdacht, die grüne Landesregierung und die grüne Stadtpolitik in Stuttgart könnten den Fortschritt von Stuttgart 21 torpedieren, lässt der Bahnsprecher gar nicht erst aufkommen. „Das ist ein durchaus konstruktives Zusammenwirken.“

          Quelle: F.A.Z.

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