03.10.2011 · Europas größter Zeitungskonzern bietet für die Übernahme des Konkurrenten WAZ 1,4 Milliarden Euro. Die Offerte von Springer-Chef Döpfner platzt mitten in den geplanten Eigentümerwechsel bei der WAZ - und kann den Konzern jetzt lähmen.
Von Henning Peitsmeier und Kerstin SchwennWenn Mathias Döpfner einmal im Jahr zur Bilanzpressekonferenz der Axel Springer AG in das 19. Stockwerk des kupferfarbenen Verlagshauses einlädt, dann berichtet er gern von seinen hochfliegenden Plänen im Internet. Die Zukunft, so das immer gleichlautende Petitum des Vorstandsvorsitzenden, sei digital. Schon in diesem Geschäftsjahr sieht Döpfner einen Wendepunkt erreicht, weil erstmals die Online-Werbeerlöse diejenigen der gedruckten Zeitungen („Bild“, „Welt“) und Zeitschriften („Hörzu“, „Auto-Bild“) übersteigen werden. Das Berliner Verlagshaus, sagte Döpfner kürzlich, sei „nicht länger ein Print-Unternehmen mit angeschlossener Online-Abteilung“.
Die Axel Springer AG könnte aber schon bald wieder eine deutliche Verschiebung in Richtung Print-Unternehmen erfahren - wenn Döpfners überraschender Vorstoß vom Freitag ernstgemeint und am Ende gar von Erfolg gekrönt wäre: 1,4 Milliarden Euro bietet Springer, wie in einem Teil unserer Auflage vom Samstag berichtet, für den gesamten WAZ-Verlag mit Sitz in Essen. Es ist zwar nur ein unverbindliches Angebot, aber es platzt mitten hinein in einen geplanten Eigentümerwechsel bei der Essener Zeitungsgruppe. Dort hat die WAZ-Anteilseignerin Petra Grotkamp vor vier Wochen den übrigen Mitgesellschaftern angeboten, deren Hälfte für gut 470 Millionen Euro abzukaufen.
Döpfners jüngste Milliardenofferte wirft Fragen an seiner bisherigen Strategie auf. Denn der Springer-Chef hat in den vergangenen Jahren den Umbau zu einem internationalen Multimediakonzern massiv vorangetrieben, er hat Regionalzeitungen verkauft und in das Online-Geschäft mit Inhalte-Portalen und Rubriken-Marktplätzen investiert. Allein für das französische Immobilienportal Seloger.com zahlte Springer den stolzen Kaufpreis von 625 Millionen Euro. Ausgerechnet ein Verlag, der wie kaum ein anderer den Eintritt ins Internetzeitalter verschlafen hat, ist Döpfner nun 1,4 Milliarden Euro wert?
Tatsächlich dürfte Döpfner nur an Teilen der WAZ-Gruppe interessiert sein. In seinem fünfseitigen Schreiben an die Eigentümerfamilien der WAZ gibt er ganz offen „ein erhebliches Interesse an einem Erwerb der WAZ-Beteiligungen in Österreich an ,Krone‘ und ,Kurier‘“ zu erkennen. Die beiden österreichischen Zeitungsbeteiligungen sind Döpfner 200 Millionen Euro wert. Sie würden Springers paneuropäische Boulevardzeitungsgruppe ergänzen. Döpfner war voriges Jahr ein Coup gelungen, als er ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Schweizer Ringier-Verlag gründete, in dem beide Unternehmen ihr Auslandsgeschäft in Osteuropa bündeln konnten. Auch die Programm- und Frauenzeitschriften der WAZ („Die Aktuelle“, „Das Goldene Blatt“) könnten das Springer-Sortiment gut abrunden. Döpfner bietet 90 Millionen Euro und für die WAZ-Anzeigenblätter 150 Millionen Euro.
Doch die WAZ-Gruppe lebt vor allem von ihren drei Dutzend Regionalzeitungen („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, „Braunschweiger Zeitung“). Zuletzt erwirtschaftete sie einen Umsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro. Viele Titel haben in den vergangenen fünf Jahren erheblich an Auflage eingebüßt, das Flagschiff „WAZ“ verlor fast 40 Prozent. Aber dank großer Sparanstrengungen und ihrer starken Stellung im Ruhrgebiet sind die Regionalzeitungen noch immer sehr profitabel.
Die marktbeherrschenden Stellungen werden wiederum das Bundeskartellamt auf den Plan rufen, sollte Springer das Angebot verbindlich abgeben, denn auch Springer verfügt vielerorts über eine erhebliche Marktmacht. Die Bonner Wettbewerbsbehörde hält sich bedeckt, solange die Details der Döpfner-Pläne nicht bekannt sind - und eine Übernahme nicht angemeldet ist. Der Vorsitzende der Monopolkommission, der Düsseldorfer Professor Justus Haucap, sagte dieser Zeitung: „Eine Übernahme der WAZ-Gruppe durch Springer wäre sicher kartellrechtlich nicht völlig unproblematisch. Insbesondere bei regionalen Tageszeitungen ist der Markt in Deutschland schon sehr konzentriert und vielerorts vollkommen monopolisiert.“ Döpfner selbst habe in seinem Brief auf „große kartellrechtliche Hürden“ hingewiesen. Diese Einschätzung sei „absolut zutreffend“. „Ich bin skeptisch, ob das Bundeskartellamt eine Freigabe für das geplante Vorhaben erteilen würde“, sagte Haucap.
Überschneidungen weisen Springer und WAZ-Gruppe nicht im überregionalen Tageszeitungsgeschäft auf, sondern bei den Regionalzeitungen. Besonders im Ruhrgebiet und Rheinland könnte es zu einer Verstärkung der marktbeherrschenden Stellung Springers kommen. Dort erreichen die „Bild“-Regionalausgaben Millionen Leser. Auch in Thüringen könnte das Kartellamt auf eine geballte Marktmacht stoßen, die eine Übernahme ausschließen könnte - oder eben zu der Auflage führte, Beteiligungen zu verkaufen. Weil beide Verlage auch im Ausland sehr aktiv sind, müssten sich auch andere europäische Kartellbehörden mit dem Fall befassen, etwa in Österreich und Kroatien. Das Bundeswirtschaftsministerium wollte am Montag keine Stellungnahme abgeben; dazu seien die Pläne Döpfners noch zu unkonkret, sagte der Sprecher.
Mit seinem unverbindlichen Angebot hat Döpfner jetzt eines erreicht: Die zerstrittenen WAZ-Eignerfamilien sind in Aufruhr. Die Gruppe gehört zu jeweils gleichen Teilen den Nachkommen ihrer beiden Gründer, den drei Töchtern von Jakob Funke und den drei Enkelkindern von Erich Brost mit Rechtsanwalt Peter Heinemann als Testamentsvollstrecker. Es ist eine Pattsituation, die den Essener Konzern seit mehr als einem Jahrzehnt lähmt.
Heinemann muss derzeit das Angebot von Funke-Tochter Petra Grotkamp überprüfen. Ihre 470 Millionen Euro für die halbe WAZ-Gruppe erscheinen im Vergleich zu den 1,4 Milliarden Euro, mit denen Springer den gesamten Konzern bewertet, knauserig. Nicht alle Nachfahren werden sich so vehement gegen die Springer-Offerte aussprechen wie die Funke-Tochter. Grotkamp ließ in einer Erklärung über ihren Rechtsanwalt wissen, sie werde sich nicht an Transaktionen beteiligen, „welche eine Zerschlagung der WAZ-Mediengruppe oder die Veräußerung dieser Gruppe zum Inhalt oder zur Folge haben“. Sollte Grotkamp am Ende genötigt werden, ihr Angebot für die WAZ zu erhöhen, könnte auch das ein Erfolg für Döpfner sein: Die Alleineigentümerin hätte dann weniger Geld für dringende Investitionen zur Verfügung.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
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| Rohöl Brent Crude | 103,00 $ | −0,24% |
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