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Wut über die Wirtschaftskrise Die Hatz auf die Schlipsträger

26.03.2009 ·  Die Wut der Briten gegen Banker und Manager lässt die Furcht vor Krawallen wachsen. „Vielleicht ziehen Sie sich besser leger an, statt Anzug und Krawatte zu tragen“, rät die Londoner Handelskammer für die Zeit des G-20-Gipfels. „Vermeiden Sie unnötige externe Termine.“ Beruhigende Worte klingen anders.

Von Marcus Theurer, London
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Die kommende Woche werden die Mitarbeiter der Londoner Großbanken wohl so schnell nicht vergessen. Wenn sich die Führer der wichtigsten Wirtschaftsnationen an der Themse zum G-20-Krisengipfel treffen, wird in der City, dem Londoner Bankenviertel, der Ausnahmezustand herrschen. Barack Obama, Angela Merkel, Gordon Brown und andere Regierungschefs beraten am Donnerstag, abgeschirmt von Sicherheitskräften, in Ost-London über Wege aus der weltweiten Rezession und eine Reform des Finanzsystems. Bereits am Mittwoch wollen Tausende Demonstranten die Straßenschluchten rund um die Bank of England belagern.

Commander Bob Broadhurst ahnt Schlimmes: „Sie wollen die City zum Stillstand bringen, das ist ihr erklärtes Ziel“, sagt der zuständige Einsatzleiter der Londoner Polizei. Die zahlreichen Angestellten der umliegenden Geschäftsbanken sind gewarnt. „Vielleicht ziehen Sie sich an diesem Tag besser leger an, statt Anzug und Krawatte zu tragen“, rät die Londoner Handelskammer. Schlipsträger könnten schnell zur Zielscheibe gewalttätiger Demonstranten werden, sagt ein Sprecher. Niemand müsse befürchten, sich in der Londoner Innenstadt nicht mehr frei bewegen zu können, um wichtigen Geschäften nachzugehen. „Aber vermeiden Sie unnötige externe Termine.“ Beruhigende Worte klingen anders.

Ventil aufgestauter Wut

Proteste gegen die Wirtschaftsgipfel gehören seit langem zu den Beratungen der Politiker wie das obligatorische Gruppenbild. Doch im Krisenjahr 2009 droht der G-20-Gipfel zu einem Ventil aufgestauter Wut bislang nicht gekannten Ausmaßes zu werden. Über Internetforen wie Facebook können die Demonstranten zudem wesentlich besser kommunizieren als noch vor wenigen Jahren und so flexibler auf Abwehrmaßnahmen der Behörden reagieren. Spontane Massenversammlungen, sogenannte Flashmobs, werden so möglich. Erst im Februar hatten sich via Facebook mehr als 10.000 Menschen in der Londoner Liverpool Station zu einem Flashmob verabredet und damit den Bahnhof lahmgelegt. Die Veranstaltung war zwar nur als Jux gedacht, zeigte aber, wie gut die Online-Informationsketten funktionieren. Erste Demonstrationen gegen den Londoner Gipfel sind für das Wochenende angekündigt.

Am Mittwoch will eine Protestgruppe die sich „G20 Meltdown“ nennt, ausgehend von zentralen Londoner U-Bahn-Stationen, gleich vier Protestzüge in Richtung der Notenbank in Gang setzen. Die vier Gruppen sollen in abgewandelter Form die „vier apokalyptischen Reiter“ symbolisieren: „Krieg“, „Klimakatastrophe“, „Finanzkriminalität“ und „Obdachlosigkeit“. Die schrillen Parolen für die Demonstrationen werden im Internet schon vorgegeben und verbreitet: „Verbrennt einen Banker“, heißt es auf einer anarchistischen Internetseite. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson wiederum beschimpfte die Demonstranten schon vorab als „irregeleitete Mittelklassekinder aus Kensington“ und „Heinis mit Nasenringen“.

Keine großen Worte

Die Handelskammer schätzt, dass die Störung des Geschäftslebens in London durch die Proteste die Stadt mindestens 5 Millionen Pfund am Tag kosten wird. Falls es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommen sollte, wird auch der finanzielle Schaden wohl noch weit höher sein.

Ein gutes Geschäft ist der G-20-Gipfel wohl nur für die Sicherheitsindustrie. Der britische Konzern G4S soll mit seinen Mitarbeitern die Gipfelteilnehmer und den Veranstaltungsort sichern. G4S ist mit fast 600.000 Mitarbeitern der weltgrößte Anbieter von Personen- und Gebäudeschutz-Dienstleistungen. Doch über den Großauftrag in London verliert das Unternehmen keine großen Worte. „Wir sind involviert“, sagt ein Sprecher von G4S auf Anfrage und schweigt sich ansonsten aus.

Die Stimmung in ganz Großbritannien wird zunehmend explosiver. Die Wirtschaftskrise hat die seit anderthalb Jahrzehnten von stetigem Wirtschaftswachstum verwöhnten Briten ins Mark getroffen. Im Februar ist die Arbeitslosenzahl auf mehr als zwei Millionen Menschen gestiegen, der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Viele Briten, die ihre Altersvorsorge auf Aktienanlagen aufgebaut haben, bangen um ihre Pensionen. Die Immobilienpreise, die viele Jahre nur den Weg nach oben kannten, fallen ins Bodenlose und bringen die waghalsigen Hypotheken-Finanzierungen ihrer Eigentümer ins Wanken. Die Zahl der Zwangsversteigerungen steigt rapide.

Die Stimmung ist umgeschlagen

Die Schuld an dem Debakel wird vor allem einer Berufsgruppe gegeben: den Bankern. Lange war die boomende Finanzindustrie in der City und im Büroviertel Canary Wharf der Stolz des Landes. Seit Albtraum-Konzerne wie die Royal Bank of Scotland (RBS) oder Lloyds von den Steuerzahlern mit dreistelligen Milliardenbeträgen vor dem Kollaps gerettet werden mussten, ist die Stimmung umgeschlagen. Seit Wochen werden die Schlagzeilen der Zeitungen und die Abendnachrichten von Berichten über gierige Banker und ihre millionenschweren Boni und Firmenrenten beherrscht. Selbst die Regierung machte öffentlich Front gegen die lange gehätschelten Finanzmanager.

Als in dieser Woche Unbekannte im Privathaus des früheren RBS-Chefs Fred Goodwin die Scheiben einschlugen und sein in der Einfahrt parkendes Auto beschädigten, hatten nicht einmal dessen Nachbarn im schottischen Edinburgh ein gutes Wort für den unbeliebtesten aller britischen Bankmanager übrig. Der Grund: Der 50 Jahre alte Goodwin, der die RBS beinahe in die Pleite geführt hat, will trotz allem nicht auf seine Firmenpension von 700.000 Pfund im Jahr verzichten. Auch in Edinburgh, dem nach London zweitwichtigsten Finanzzentrum des Landes, werden derweil bei Krisenbanken wie RBS und HBOS Tausende Stellen gestrichen. „Wie kann sich jemand nur so verhalten“, ärgerte sich eine Nachbarin über den Banker.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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