29.12.2008 · Deutschlands Schüler sind im Spielfieber: „Wrestling Chips“ heißt die neue Währung auf dem Pausenhof. Doch immer mehr Schulen verbieten die Chips, damit die Schüler wieder Fußball spielen.
Von Inge KloepferPlötzlich ist Anna kein Star mehr. "So schnell kann's gehen", sagt die Drittklässlerin und grinst gequält. "Schlechte Zeiten", setzt sie noch hinzu, "seit ein paar Wochen." Da nämlich wurden an einer der größten Grundschulen Berlins die "Wrestling Chips" verboten, die Geldtaler aus Plastik - nach langen Monaten heilloser Zockerei. Eltern, Lehrer und Erzieher atmen auf, das Spiel habe Suchtpotential, mutmaßten manche, und Anna sagt: "Ich weiß gar nicht mehr, wann das eigentlich losging mit den Chips."
Sie meint das Spiel mit jenen Münzen, die seit längerem die Kinder und Jugendlichen an Deutschlands Schulen in ein wahres Spielfieber versetzen. An Kiosken kaufen sie verschlossene Päckchen für 1,50 Euro, in denen jeweils vier unterschiedliche Chips stecken. Welche sie im Einzelnen erhalten, wissen sie nicht. "Ein bisschen ist das wie mit den Panini-Bildern", erklärt Anna, "wenn du etwas Bestimmtes sammelst, musst du viele kaufen. So ziehen die dir das Geld aus der Tasche." Die - damit meint sie den Kioskbesitzer und natürlich die Hersteller der Münzen, die phasenweise sogar das Angebot verknappen und damit manchen Jugendlichen zur Raserei bringen.
Dekoriert mit muskelbepackten Kraftprotzen
Wrestling Chips sehen aus wie die Jetons beim Roulette oder Poker-Spiel. Dekoriert sind sie mit muskelbepackten Kraftprotzen, allesamt Stars der Wrestling-Szene, die so aussehen, als wären sie geradewegs aus den vergangenen Jahrzehnten ins 21. Jahrhundert gebeamt worden. Wrestling ist so etwas Ähnliches wie Ringen, nur ohne die Ernsthaftigkeit des Kampfes. Im Wrestling ist vieles nur Show.
Die Münzen oder Wrestling Chips sind unterschiedlich wertvoll. Sechser, Siebener oder Achter - so heißen die Münzen, je nachdem, welche Zahl neben dem Porträt der fettglänzenden Wrestling-Stars steht. Namen haben die auch: Es gibt Batista, Kofi Kingston, Val Venis oder Melina, nebst anderen. Einige von ihnen sind begehrter als andere, weil sie viel seltener vorkommen. Zum Beispiel der Chip mit dem Konterfei von Rey Mysterio in Gold. Selbst bei Ebay ist nur ein einzelner Jeton davon im Angebot. Er bringt derzeit 12,88 Euro.
Mit dem Spiel um die Chips wurde Anna zum kleinen Star an ihrer Schule. Dabei hatte sie zuerst die Regeln noch gar nicht begriffen. Mit 16 Chips war sie eines Tages in die Schule marschiert. Sechs Euro Taschengeld hatte sie dafür ausgegeben, sich von einem der Sechstklässler zum Spielen verleiten lassen - und den Großteil ihrer Chips verloren.
Verschiedene Wurftechniken
Sieben verschiedene Spielarten gibt es: An Annas Schule wird "Slammerz" gespielt. Dabei werden als Einsatz einzelne Münzen oder kleine Chip-Stapel auf den Boden gelegt. Reihum bekommt dann jeder Mitspieler die Möglichkeit, mit einer Münze auf die Chips am Boden zu zielen. Springt die getroffene Münze dabei um und liegt plötzlich ihre Rückseite obenauf, darf man sie behalten. Dann ist der Gegenspieler seinen Einsatz los.
So war es bei Anna am ersten Tag. Heulend kam sie aus der Schule. 13 Chips waren weg. Fast fünf Euro hatte sie verloren. In den folgenden Tagen ging sie noch ein paarmal am Kiosk vorbei und kaufte Nachschub. Mehr als vier Jetons auf einmal aber kaufte sie nie mehr.
Schnell hatte sich in der Schule herumgesprochen, dass Anna jede Herausforderung zum Duell annahm. Sie war versessen auf die Chips und auf den Nervenkitzel, der jeden Spieler trifft, wenn nicht nur Geschicklichkeit im Spiel ist, sondern auch ein bisschen Glück. Vor allem aber wurde sie richtig gut. Schnell hatte sie sogar verschiedene Wurftechniken drauf, um Münzen in jeder Stapelvariation umzudrehen.
Auch das hatten die Elf- und Zwölfjährigen aus der sechsten Klasse schnell erkannt. Sie spielten nun nicht mehr gegen Anna, sondern mit ihr. Sie überließen ihr den Einsatz, damit sie aus einer Hand voll Chips das Doppelte machte. "Wir haben das Abzocken genannt, wenn man aus einem Chip viele macht", sagt sie.
Das Taschengeld in Chips investiert
Die Schule war für Anna zur Spielhölle geworden - aber komplett ohne Risiko. Denn sie spielte ja nicht mehr mit eigenem Geld, sondern mit dem der anderen. Und fast immer mit Erfolg. Dass sie selbst daran verdiente, war eine angenehme Begleiterscheinung. Sie war sozusagen gewinnbeteiligt. Deshalb konnte sie sich auch den Gang zum Kiosk sparen. Ihre Gewinne hortete sie in Beuteln, in Plastikdosen oder Körben. Sie übte zu Hause, auf der Straße, einmal sogar im Schuhgeschäft, als sie warten musste. Die Verkäuferin war am Ende von Annas Spiel so fasziniert, dass sie sich danebensetzte und sich plötzlich mitten im Duell mit Anna befand.
Auch der Schulhof war in den Pausen nicht mehr wiederzuerkennen. Schüler hörten mit Toben, Klettern und Ballspielen auf und hockten in Grüppchen am Boden. Sie haben geheult und geprügelt. Sie haben Siegertypen gekürt und Loser ausgemacht. Freundschaften zerbrachen, Kinder wurden zu Taschendieben. Viele gingen pleite, weil sie ihr ganzes Taschengeld in Chips investiert und verspielt hatten. Schüler verließen den Unterricht mit der Ausrede, zur Toilette zu müssen. Mit Hosentaschen voller Chips trafen sie sich in den Waschräumen, zockten weiter und vergaßen die Zeit. Bis den Lehrern auffiel, was hier gespielt wurde.
Dann wurden die Erwachsenen nachdenklich. Erst ging ihnen das unaufhörliche Geklacker bloß auf die Nerven. Dann erkannten sie, dass hier eine neue Hackordnung entstand, die auch darauf beruhte, wer Geld hat und wer nicht. Von Sucht war die Rede, von Konzentrationsstörungen und Ablenkung. Am Ende einigten sich alle darauf, die Chips und andere Glücksspiele in der Schule zu verbieten.
Jetzt also ist Schluss. Wenn Anna das Schulgelände betritt, ruft keiner der großen Jungs mehr ihren Namen, um sich mit ihr für die nächste Pause zu verabreden. Um sie zu buchen, damit sie gegen Provision das ihr anvertraute Chip-Vermögen vermehrt. Bis zum Tag des Verbots hatte sie sich selbst 173 Jetons erspielt. "Die sind jetzt zu Hause", sagt sie. 15 Euro hatte sie ausgegeben, 43 Euro liegen herum - wertlos. Sie selbst hat das Interesse daran verloren.
Auf dem Schulhof geht es jetzt wieder normal zu. Es ist, als sei ein Spuk beendet. Als seien die Schüler aus einer Starre erwacht. "Wir spielen jetzt wieder Fußball oder Basketball", sagt Anna und setzt wieder ihr Grinsen auf: "Und wenn die Großen spielen, bin ich natürlich dabei. In Fußball bin ich schließlich auch nicht schlecht."
So gewinnt man mit Wrestling Chips: Die Spielregeln
90 verschiedene Chips (eigentlich Chipz) sind derzeit im Handel. Wer einen bestimmten sucht und ihn nicht im Laden bekommt, kann bei Ebay oder auf der Homepage des Herstellers gucken (www.toppschipz.com). 63 Chips sind matt, 17 glänzend, und zehn sehen aus wie Edelmetall. Sie sind besonders "wertvoll" und selten.
Auf sieben Arten kann man mit den Münzen spielen: Bei "Grabz" zum Beispiel (das kommt vom englischen "grab" = greifen, schnappen) muss man die Hände auf dem Rücken verschränken, bekommt eine Münze entgegengeworfen und muss sie schnappen, bevor sie auf den Boden fällt.
Eine andere Spielart heißt "Throwz" (throw = werfen). Dabei muss man die Chips in Richtung des Ziels werfen. Wer dem Ziel am nächsten kommt, hat gewonnen.
Weit verbreitet ist auch die Variante "Slammerz" (slam = schlagen). Hier werden die Chips auf eine Unterlage gelegt - einzeln oder in Stapeln. Dann schleudert man einen anderen Chip darauf, in der Hoffnung, dass sich der liegende Chip umdreht. Gelingt das, darf man den Chip behalten.
Beim Slammerz kommt es nicht nur auf Glück, sondern auch auf die Geschicklichkeit beim Werfen an und darauf, wer beginnt. Den ersten Wurf hat derjenige, der zuvor einen Durchgang von "Schere-Stein-Papier" gewonnen hat. Die Wurftechnik wiederum variiert mit der Menge der Chips, die es zu bewerfen gilt. So kann es günstig sein, die Münzen nicht immer mit ganzer Kraft aufeinander zu donnern, sondern auch mal einen Chip senkrecht von oben auf einen anderen plumpsen zu lassen.
Übrigens: Slammerz ist eine sehr materialintensive Variante des Wrestling. Denn die Chips gehen dabei relativ schnell an den Rändern zu Bruch.
Genau wie 1995?
Daniel Fader (Blaualge)
- 30.12.2008, 01:02 Uhr
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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