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Urbane Sommerhitze : Der Klimawandel kommt in die Stadt

Nicht immer zu vermitteln: Es gibt auch verzichtbares Grün

So spitzt sich der Konflikt zu: Auf der einen Seite hält der - auch aus klimapolitischen Gründen, um Verkehr zu reduzieren - gewünschte Zuzug in die Stadt an, auf der anderen kämpfen Bewohner um Freiräume. „Doch Verdichtung und mehr Grün schließt sich gar nicht unbedingt aus“, sagt Friedrich von Borries. Der Berliner Architekt entwickelt Begrünungskonzepte für Kommunen, zum Beispiel auch für Frankfurt. Er fordert, man müsse anfangen, vorhandene Potentiale zu erkennen. Welche Orte besitzen schon Aufenthaltsqualitäten, die in Zukunft noch stärker genutzt und entwickelt werden könnten? Friedhöfe zum Beispiel sind grüne Oasen und heute schon Orte der Kontemplation. Ließe sich das nicht weiterentwickeln? Oder Schulhöfe, die sind einen Großteil des Tages und am Wochenende verwaist, auch Sportflächen werden nur eingeschränkt genutzt. „Ich weiß, da gibt es jede Menge Haken und zum Teil auch berechtigte Einwände, aber wir werden anfangen müssen, uns mit solchen Fragen zu beschäftigen und Dinge vielleicht anders zu machen“, sagt der Planer.

Bosco Verticale in Mailand: zukunftsweisend oder doch nur ein Imageprojekt?
Bosco Verticale in Mailand: zukunftsweisend oder doch nur ein Imageprojekt? : Bild: Helmut Fricke

So, wie viele Städte zum Beispiel die Dächer als grüne Ausgleichsflächen entdeckt haben. Stuttgart ist, gezwungen durch seine Kessellage, schon lange Vorreiter. Das von Starkregen geplagte Hamburg hat sich jüngst ebenfalls ein beeindruckendes Gründachprogramm verordnet. Auch über die Fassaden als grüne Ausgleichsflächen sollte man noch stärker nachdenken, meint Borries. Wären also mehr Gebäude wie zum Beispiel die beiden spektakulären Wohntürme „Bosco Verticale“ eine Lösung, oder die grünen Mauern, wie sie der Franzose Patrick Blanc anlegt? Das von Stefano Boeri entworfene Ensemble in Mailand erhielt im vergangenen Jahr den Internationalen Hochhauspreis. Kritiker schwärmten angesichts des vertikalen Waldes - in Kübeln wachsen an die 20 000 Pflanzen, darunter 800 Bäume, an den Fassaden empor - von zukunftsweisender Architektur. Andere sind da zurückhaltender. Borries und Stadtplaner Welters beurteilen den Bosco Verticale eher als singulären Luxus- und Imagebau. „Ob das gesamtplanerisch der Hit ist, wage ich zu bezweifeln“, sagt Welters. Wenn es um das Stadtklima geht, hält er ohnehin weniger von Einzelprojekten als von Quartiersentwicklung. „Denn davon haben mehr Menschen etwas.“

Einzelprojekte bringen fürs Umfeld wenig

Auch Klimaforscherin Monika Steinrücke schränkt die Begeisterung ein: „Alles, was bei Einzelprojekten an Grün über die vierte Etage hinausgeht, ist nur noch gut für das Haus selbst.“ Immerhin, kann man einwenden. Denn wer unter einem grünen Dach lebt, profitiert in der heißen Zeit des Jahres von dieser natürlichen Klimaanlage. Kritisch bewertet die Forscherin immergrüne Fassadenpflanzen wie Efeu, denn die schirmen mit ihrem Laub auch im Winter die Hauswand gegen die Sonnenstrahlen ab. Dann jedoch ist das Aufheizen der Fassade erwünscht. Das spricht aus Monika Steinrückes Sicht auch gegen eine ganz enge Bebauung nach mediterranem Vorbild: „Die Sommer werden heißer, aber die Winter bleiben bei uns kalt.“

Vom Süden kann man sich dennoch einiges abschauen, wenn es darum geht, notfalls auch ohne Grün mit der Hitze besser fertig zu werden. Helle Fassaden zum Beispiel. Angesichts der Klimaprognosen dürften Trendfarben wie Dunkelrot und Anthrazit ihre beste Zeit schon wieder hinter sich haben. Auch hellere Dachziegel sind sinnvoll. Da die aber nicht unbedingt zur hiesigen Bautradition passen, könnten dunkle, aber glänzende Schindeln eine Lösung sein. „Denn eine glänzende Oberfläche reflektiert besser“, erläutert Monika Steinrücke.

Wer als Bewohner eines Hauses auf all das keinen Einfluss hat, dem bleibt noch, alles zu verdunkeln und Pflanzen aufzustellen, wo immer es geht: draußen auf der Fensterbank, auf dem Balkon und womöglich auch auf dem Gehweg. Auch das hilft ein bisschen. So gesehen, machen sogar kümmerliche Gewächse in Waschbetonkübeln wie in Frankfurt-Bockenheim das Stadtklima vielleicht ein ganz klein wenig erträglicher. Bäume hätten aber mehr gebracht.

Quelle: F.A.S.

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