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Urbaner Lärm : Die Stadt als Partyzone

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Das Zuhause als Anwohner-Schutzgebiet

Daher ist auch das Kölner Ordnungsamt lieber kreativ geworden und hat zu später Stunde mit sehr hellen Scheinwerfern dem Brüsseler Platz seine Wirtlichkeit auszutreiben versucht. Die Besucher quittierten das mit dem Tragen von Sonnenbrillen. Später wurde das Licht komplett abgedreht, was sie zum Mitbringen von Taschenlampen animierte. Und als ein überdimensionales Lärm-Messgerät aufgestellt wurde, um mehr Bewusstsein für die Belastung der Nachbarn zu erzeugen, entbrannte ein Wettstreit um immer neue Krach-Rekorde.

Aktuell gibt es eine Vereinbarung zwischen Stadt, Gewerbe und Anwohnern, nach der um 24 Uhr der Alkoholverkauf am Platz eingestellt wird und die anliegenden Kneipen ihre Stühle reinräumen. Zudem düst dann eine Kehrmaschine über das Areal, um Müll einzusammeln, aber auch um Aufbruchsstimmung zu verbreiten. „Die Verwaltung ist bemüht, aber das hilft leider alles nichts“, meint Wallmeyer. Fünf seiner Nachbarn sind deshalb nun vor Gericht gezogen, damit dieses härtere Maßnahmen vorschreibt.

Das Verfahren läuft noch. Die zuständige Mitarbeiterin im Ordnungsamt möchte sich daher derzeit nicht äußern.

Die Sorgen der Anwohner kann Michael Näckel verstehen. Der Gastronom betreibt zwei Restaurants in Berlin-Friedrichshain und ist zudem dort Bezirksbeauftragter des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga). Eine konsequente Durchsetzung der Nachtruhe ab 22 Uhr sieht er dennoch als Bedrohung. „Bars und Kneipen, deren Gäste traditionell etwas später kommen, müssten schließen. Damit verlöre der Kiez seine Attraktivität“, meint Näckel.

Wie die Politik setzt er auf individuelle Vereinbarungen, die es erlauben, am Wochenende bis Mitternacht die Stühle vor der Tür zu lassen. „Für uns ist es wichtig, dass auch kontrolliert wird und Bußgelder im Raum stehen.“ Andernfalls würden sich schwarze Schafe eine goldene Nase verdienen, während pflichtbewusste Gastronomen längst geräumt hätten.

Damit spricht Näckel ein weiteres Problem der Kommunen an. Denn der Außendienst des Ordnungsamtes, der für Lärmverstöße zuständig ist, macht um 22 Uhr Feierabend. Danach ist die Polizei Ansprechpartner, die jedoch meist Wichtigeres zu tun hat, als Beschwerden wegen Radaus nachzugehen. Im Rathaus des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg erwägt man nun, dem Problem anders beizukommen. Dort lässt Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) jetzt einen Kneipenbebauungsplan aufstellen, der eigentlich ein „Kneipenverhinderungsplan“ nach Heidelberger Vorbild ist und die Zahl der Lokale begrenzen soll. Wenn er denn in der Stadt mit dem Motto „365/24 Berlin“ durchzusetzen ist.

Ursula Mahnke hat sich derweil eine eigene Lösung für ihren Kreuzberger Kiez überlegt. „In Deutschland wir jede Kröte geschützt. Ich möchte auch so einen Zaun“, sagt sie. Nach dem Vorbild eines Naturschutzgebietes wünscht sie sich, ihr Zuhause zum Anwohner-Schutzgebiet zu erklären. Dessen Regeln: strikte Nachtruhe, begrenzter Alkoholverkauf und keine weitere Ansiedlung von Gastronomie. Zudem sollen öffentliche Toiletten aufgestellt und ein Anwohnerrat als Gegengewicht zu den Lobby-Gruppen von Gastronomen und Clubs gegründet werden. „Ich will nicht, dass Berlin ein Dorf wird. Aber aktuell ist es einfach zu viel.“

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