http://www.faz.net/-gqe-8vh4b

Serielles Bauen : Wie alte Wohnsiedlungen wieder fit werden

  • -Aktualisiert am

Quartiersverdichtung in Bremen: Preisgekrönter Neubau zwischen alten Mietshäusern Bild: Gewoba/Koethner

Ein preisgekröntes, seriell gebautes Gebäudepaar zeigt in Bremen, dass günstiges Wohnen in neuen Häusern keine Illusion bleiben muss.

          Die Bremer Wohnungsgesellschaft Gewoba geht seit längerem neue Wege in der Quartiersentwicklung. Auf eigenen Flächen werden die Bestandsimmobilien aus den fünfziger und sechziger Jahren durch geförderte Neubauten in Kleinserie ergänzt. Eine Nachverdichtung, die jüngst mit dem Deutschen Städtebaupreis belohnt wurde. „Die Lebenssituation der Menschen ist heutzutage viel diverser als noch vor 60 Jahren. Die Bestandsgebäude eignen sich beispielsweise nicht für das Wohnen im Alter oder neue Wohnformen, nicht für Singlehaushalte oder Großfamilien“, erklärt Gewoba-Vorstand Peter Stubbe den Ausgangspunkt. Eine Antwort darauf bei Neubauaktivitäten ist die Nachverdichtung auf den Bestandsflächen der Bremer Wohnungsbaugesellschaft.

          Rund 80 Prozent der 42.000 Wohnungen des mehrheitlich kommunalen Unternehmens wurden in den Nachkriegsjahren in ähnlichem Stil erbaut. Von gut 31.000 Wohnungen in Bremen liegen 18.000 in den Stadtteilen Vahr, Osterholz und Huchting, jeweils Quartiere mit traditionell geringen Mieten. Gebaut, um die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg zu lindern, entstanden seinerzeit an den Stadträndern Bremens architektonisch gleichförmige Siedlungen: drei- bis viergeschossige Mehrfamilienhäuser in Zeilenbauweise mit kleinen Drei-Zimmer-Wohnungen für die Durchschnittsfamilie der Sechziger. Der Kostenaufwand zur Revitalisierung sei hier enorm, sagt Martin Paßlack, Leiter Neubau/Stadtentwicklung von Gewoba.

          Abhilfe schaffen soll das kürzlich mit dem Deutschen Städtepreis ausgezeichnete Gebäudepaar „Tarzan & Jane“ der Hamburger Architekten Ingrid Spengler und Fredo Wiescholek. Es handelt sich um zwei Wohnblöcke auf einer Rasenfläche zwischen zwei bestehenden Gewoba-Wohnanlagen. Diese homogenen Altbau-Siedlungen sind laut Paßlack zwar bei den Mietern weiterhin beliebt, allerdings fehlten aktuell nachgefragte Wohnqualitäten wie Barrierefreiheit mit modernen Wohnungszuschnitten komplett. Der ungewöhnliche Name des neuen Dschungelpaares ist nicht allein ein Marketingspaß, sagt Architektin Spengler, sondern weise auf die „Power“ der beiden hin, übertragen auf den Großstadtdschungel. Auch optisch bilden die seriellen Gebäude, „Tarzan“ etwas größer und in Putz sowie „Jane“ mit „nettem Kleidchen“ an der Fassade, ein harmonisches Pärchen. „Zugleich soll auf die vorhandenen verbindenden Elemente wie Laubengänge oder das gemeinsam genutzte Erdgeschoss hingedeutet werden“, berichtet Spengler.

          Erfreulich sei die Offenheit der Gewoba-Mitarbeiter gewesen, innovative Ansätze in der Planung und Umsetzung mitzugehen, so Spengler. Das sei aktuell eher noch die Ausnahme im Berufsalltag. Zwischen 14 und 18 Wohneinheiten finden in dem prämierten Bautyp Platz, fünf der Bauwerke sind bisher in Planung oder bereits fertiggestellt. „Die Mieten liegen bei 6,10 Euro je Quadratmeter im KfW-70-Standard“, so Paßlack. Die Bauzeit betrage etwa ein Jahr. Immerhin fast 70 Prozent der Mieter seien aus dem Bestand vor Ort in die Neubauten eingezogen.

          Thema Passivhaus spielt wichtige Rolle

          Der Bedarf zur Nachverdichtung ist schon länger erkannt, das Potential der Bestandsergänzung durch Kleinserien auf Gewoba-Flächen geht somit auch 2017 mit weiteren Baumaßnahmen in die Verlängerung. Je nach örtlicher Bedarfslage und durch passende Kombinationen der Grundrisse ermöglicht das Modell „Tarzan & Jane“ bis zu 100 Wohnvarianten. Paßlack gibt allerdings zu bedenken, dass diese Art seriellen Bauens in der Theorie zwar schnell und günstig funktionieren solle. Allerdings sei aufgrund fehlender Praxisbeispiele die Umsetzung dieses Pilotprojektes in die Realität zunächst erst einmal ziemlich kosten- und personalintensiv.

          Paßlack von der Gewoba nennt noch weitere Herausforderungen, die in diesem Jahr auf ihn warten. Beim BlauHaus-Projekt in der Bremer Überseestadt sollen vom Sommer 2017 an 84 Wohnungen unter dem Motto „Gemeinschaftliches Leben, Wohnen und Arbeiten an der Hafenkante“ gebaut werden. Das Vorhaben besteht neben den Wohnungen aus Werkstatt, Kita, Café und verschiedenen Wohngemeinschaften, die unter dem Stichwort Inklusion Wohnangebote für Menschen mit unterschiedlichen Hilfsbedürfnissen schaffen. Knapp die Hälfte dieser Wohnungen wird öffentlich gefördert.

          Auch das Thema Passivhaus spielt für die Gewoba eine wichtige Rolle. Mit dem Bau eines Passivhauses für 16 Mietparteien in dem stark nachgefragten Stadtteil Findorff in Bahnhofsnähe werden 4,5 Millionen Euro investiert. Das Passivhaus in Findorff, an dem noch gebaut wird, ist der norddeutsche Beitrag zum europäischen Forschungsprojekt „BuildTog“ (Building Together).

          Wie „Tarzan & Jane“ kann auch der Passivhausneubau ein Beispiel für sinnvolle Quartiersergänzung sein. Hinzu kommt in diesem Falle das Thema „höchste Energieeffizienz“. Laut EU-Gebäuderichtlinie müssen vom Jahr 2021 an alle Neubauten als Niedrigstenergiegebäude errichtet werden. „Daher wollen wir uns frühzeitig auf die verschärften Anforderungen an die Energieeffizienz von Wohnungsneubauten vorbereiten und Erfahrungen sammeln“, erklärt Paßlack.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Weniger Wohnungen genehmigt

          Bauen in Deutschland : Weniger Wohnungen genehmigt

          Die Zahl der Baugenehmigungen ist im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Von Januar bis November wurden 7,8 Prozent weniger Genehmigungen erteilt als im Vorjahreszeitraum. Die Umsetzung von Bauvorhaben hinkt aber noch aus anderen Gründen hinterher.

          Die Hightech-Gemüsekiste Video-Seite öffnen

          Spezial-Gewächshaus : Die Hightech-Gemüsekiste

          „Eden-ISS“ soll frisches Grün in der Antarktis und auch bei einer Marsmission liefern. Das Gewächshaus wurde von dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt und bereits in Bremen getestet.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Per Hammelsprung ließ die AfD nachzählen, ob genug Abgeordnete gegen waren. Die Sitzung wurde abgebrochen.

          Union und AfD : In der Klemme

          Besonders die Union tut sich schwer im Umgang mit der AfD. Gemeinsame Sache will man zwar nicht machen, eine Ausgrenzung aber nutzt den Rechten.

          Regierungsbildung : Lindner schließt Jamaika-Neustart aus

          Der FDP-Chef rechnet im Fall eines SPD-Neins zur großen Koalition mit schnellen Neuwahlen. Angela Merkel scheue eine Minderheitsregierung. Er selbst will nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.