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Ostdeutsche Kleinstädte : Zwischen Verfall und Vision

Im Wandel: In der Naumburger Altstadt ist die Modernisierung an vielen Orten gelungen - doch es bleibt noch viel zu tun. Bild: Matthias Lüdecke

In Zeitz und Naumburg stehen Häuser, die niemand geschenkt haben will. Die ostdeutschen Städte stemmen sich gegen Alterung und Leerstand. Sind die Flüchtlinge ihre Rettung?

          In der Kramerstraße sind die Lichter ausgegangen. Dunkle Schaufenster und leergeräumte Geschäftsflächen säumen die Straße in der Zeitzer Innenstadt. Der „Stoffladen“, in dem Cornelia Zilske an der Nähmaschine sitzt, ist einer von wenigen, in denen es an diesem Januarnachmittag noch hell ist. „Es ist ein Kampf für uns, jeden Monat, jedes Jahr“, sagt die Verkäuferin. Das Taschengeschäft, der Handyladen, die Bekleidungsboutique - alles längst verschwunden. Laufkundschaft ist Mangelware.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Überhaupt, es fehlen Menschen: Seit der Wende hat sich die Einwohnerzahl der einst stolzen Industriestadt auf rund 24000 halbiert. Dieser Aderlass hinterlässt Spuren. Wer sich in Zeitz umsieht, entdeckt ganze Häuserfronten mit vernagelten Fenstern und zerbröselnden Fassaden. In einem verwaisten Fachwerkhaus unweit der Fußgängerzone ist das Dach eingestürzt, in manchen Häuserreihen klaffen Lücken. Etwa 15 Prozent der Häuser und Wohnungen in Zeitz stehen leer, bei den Gewerbeflächen ist der Anteil noch höher. „Davon, dass es in Deutschland einen Aufschwung geben soll“, sagt Stoffverkäuferin Zilske, „ist hier nichts zu spüren.“

          Die Kommune in Sachsen-Anhalt ist ein Beispiel für kleinere Städte, die vor allem in Ostdeutschland mit Leerstand und einer schrumpfenden Bevölkerung zu kämpfen haben. Während die Mieten in den Metropolen steigen, kostet der Quadratmeter in Zeitz im Schnitt vier Euro kalt. Ganze Häuser werden für wenige tausend Euro verscherbelt. Was tun, wenn es mehr Wohnungen und Häuser gibt als Menschen, die darin wohnen wollen?

          Antworten gibt Volkmar Kunze. Der Zeitzer Oberbürgermeister begrüßt gut gelaunt im historischen Rathaus. Wer sich mit dem Kommunalpolitiker unterhält, merkt schnell: Kunze ist keiner, der viel jammert, er will seine Stadt voranbringen. Dass einige Stadtgebiete nicht gerade für Werbeprospekte geeignet sind, ist dem FDP-Politiker bewusst. „Wir können aber nicht alles auf einmal machen“, sagt er. Es habe in der Vergangenheit eine verfehlte Stadtentwicklung gegeben. Zu wenige alte Häuser seien abgerissen worden, das Einkaufszentrum am Stadtrand, das unter der Regie seines Vorgängers geplant worden sei, bezeichnet der Oberbürgermeister als Fehler.

          Jetzt gehe es langsam bergauf. Seine Bilanz seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2009 könne sich sehen lassen. 13 Millionen Euro seien in den vergangenen Jahren in die Stadtentwicklung, also unter anderem in Haussanierungen, geflossen. Ein Drittel steuerte die Kommune bei, die sich finanziell keine großen Sprünge leisten kann. Dass demnächst eine Drogeriekette eine große Filiale im Stadtkern eröffnen werde, ist für Kunze ein Erfolg. „Das wird Sogwirkung haben“, sagt er. An manchen Orten zeigt Zeitz dank der Investitionen schon ein freundlicheres Gesicht: Eine leerstehende Schule ist heute ein barrierefreies Wohnhaus für Senioren, und nur einen Steinwurf von der tristen Kramerstraße entfernt strahlt der „Neumarkt“ in frischem Glanz.

          Gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft wurden hier Altbauten saniert, es gibt einen großzügigen Platz mit Bänken und Stellflächen für Autos. „Wir haben hier alle neuen Wohnungen vermieten können, der Leerstand am Neumarkt hat drastisch abgenommen“, sagt Kunze. An anderen Orten in der Stadt entstehen Grünflächen, die Quartiere attraktiver machen sollen. Es gehe also - aber eben nur Schritt für Schritt. Künftig will Kunze darauf setzen, junge Familien und Studenten aus Leipzig nach Zeitz zu locken. Die Regionalbahn braucht eine gute halbe Stunde. Kunze: „Die günstigen Mieten sind ein Standortvorteil.“

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