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Küchenplanung : In der Küche zur Offenheit verdammt

Mehr als nur Dunstabzugshaube Bild: Wolfgang Pulfer

Manch Wohnungsuchender erlebt das so. Innenarchitekt, und Küchenbuchautor Roger Mandl spricht im Interview über das Diktat der Bilder, gute Planung und chronisch knappen Stauraum

          Herr Mandl, schmutziges Geschirr in der Spüle, Fettspritzer rund um den Herd und Essensgerüche, die durch die ganze schöne Wohnlandschaft wabern. Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass Küchen offen sein sollen?

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat, das weiß ich jetzt auch nicht. Aber Tatsache ist, dass Architekten und Innenarchitekten die beengten Verhältnisse lösen wollten.

           Weil es besser aussieht?

          Nein, es ging zunächst nicht so sehr um ästhetische Fragen. Die offene Küche war eigentlich keine Frage der Optik.

          Sondern?

          Das Ideal der Frankfurter Küche, eine Mode aus der Zeit der klassischen Moderne, also den zwanziger Jahren, prägte auch die Grundrissgestaltung im Wohnungsbau der sechziger und siebziger Jahre. Man plante damals winzig kleine Einbauküchen, in denen die Hausfrau gewissermaßen festsaß. Eingesperrt war. In diesen Räumen kann man sich kaum zu zweit aufhalten. Die Situation verschärft sich noch, wenn der Wohnung eine Speise- oder Abstellkammer fehlt und der Wasserkasten auf den ohnehin knappen acht Quadratmetern auch noch untergebracht werden muss. Davon wollte man irgendwann weg, dass die Küche so ein beengter, isolierter Raum ist.

          Schön und gut. Aber inzwischen fühlt sich manch Wohnungsuchender im Neubau bevormundet, eine offene Küche nehmen zu müssen.

          Da ist sicherlich etwas gekippt, so dass man heute den Eindruck gewinnen kann, es gibt ein Diktat, das die offene Küche vorschreibt. Das stimmt schon. Tatsächlich aber ist die offene Küche in der Regel nur ein Vorschlag, den die Anbieter machen. Man kann sie selbstverständlich auch anders haben. Oft ist das dann aber auch eine Preisfrage.

          Inwiefern?

          Nun, Bauen wird immer teurer. Entsprechend versucht die Baubranche, die Grundrisse immer effizienter zu gestalten. Daher wird auch auf Wände verzichtet. So kommt es, dass die offene Wohnküche zum Standardangebot gehört - und in der Vermarktung unglaubliche Phrasen gedroschen werden. Zum Beispiel über großzügiges Wohnen auf 72 Quadratmetern.

          Dann ist die offene Küche also das Ergebnis von Sparmaßnahmen? Danach sieht sie mit ihrer inzwischen offenbar obligatorischen Kochinsel und Turbo-DesignDunstabzugshaube nun wirklich nicht aus.

          Stimmt. Das liegt aber auch an den visuellen Medien, die die Werbung der Küchenhersteller transportieren. Nehmen Sie die deutsche Standardküche. Die hat heute etwa acht bis vierzehn Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Wie wollen Sie da zu beeindruckenden Fotos kommen? Das stelle ich auch fest, wenn ich an meinen Büchern arbeite. Kleine Küchen vorteilhaft zu zeigen oder gar werbewirksam zu fotografieren ist ziemlich schwierig.

          Auch, wenn sie gut geplant und vorteilhaft eingerichtet ist?

          Eine wirklich gut aussehende kleine Küche zu finden ist meiner Erfahrung nach sehr schwer. Kleine Küchen, die wirklich genutzt werden, sind einfach immer vollgestellt, zumöbliert. Anders geht es gar nicht. Denn ob Single-, Paar-oder Dreipersonenhaushalt macht übrigens für die Grundausstattung einer Küche kaum einen Unterschied. Vorausgesetzt, die Bewohner haben soziale Kontakte.

          Die Hersteller kennen das Problem kleiner Küchen anscheinend nicht.

          Das sieht in den Hochglanzbroschüren und Magazinen so aus. Weil die Küchen im Studio in Szene gesetzt werden, da stören keine Trennwände.

          Und dann heißt es, alle wollen das so ...

          Tatsache ist, dass weniger Wände eine Wohnung lichter machen. Wenn Sie von einem Ende des Raums zum anderen Ende einen Durchblick von sechs bis acht Metern haben und Fenster von zwei Seiten, wirkt das in jedem Fall luftig.

          Zwingend praktisch ist das aber nicht.

          Nein. Wer seine Küche plant, sollte sich überlegen, was für ein Typ er ist. Wer nicht viel kocht, wird mit einer offenen Küche gut zurechtkommen. Wer viel kocht, Obst einmacht, Öle ansetzt und so weiter, muss sich überlegen, ob er ein ordentlicher Typ ist. Wenn nicht, muss er wissen, wie viel Unordnung er erträgt.

          Wie kann das offene Konzept gelingen?

          Nach meinem Dafürhalten sollte man mit einem Sichtschutz planen. Ein gute Lösung ist die Theke oder die Bar, die etwa 20 Zentimeter höher als die Arbeitsfläche ist und diese gegen Blicke abschirmt. Auf diese Weise ist niemand in der Küche isoliert, während am Esstisch die Familie und Gäste sitzen. Man hat aber auch nicht dauernd das benutzte Geschirr im Blick. Eine schöne Variante ist übrigens die rollende Bar, die man einfach wegschieben kann.

          Das setzt aber dann schon wieder mehr Platz voraus.

          Nicht unbedingt, aber mit mehr Raum ist es für den Planer einfacher.

          Nach all den Küchen, die Sie inzwischen schon gesehen haben, welcher Planungsfehler wird Ihrer Beobachtung nach am häufigsten begangen?

          In der Regel fehlt es an Stauraum. Davon sollte man so viel wie nur möglich einplanen. Das wird meistens unterschätzt. Auch was die Arbeitsergonomie angeht, sind viele Küchen nicht ideal angelegt.

          Sie sprechen das berühmte Dreieck zwischen Herd, Spüle und Vorratsschränken beziehungsweise Kühlschrank an.

          Ja, die Abstände und Laufwege müssen stimmen, dürfen nicht zu lang sein. Dazu kommt die Frage, wo steht was? Auch ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist, kann eine Rolle spielen, wenn es um Effizienz am Arbeitsplatz geht - und die Küche ist vor allem das - ein Arbeitsplatz. Zudem sollte man auf gute Beleuchtung achten. Die ist heute wirklich ohne großen Aufwand möglich. Allerdings wird der Faktor Zeit, den eine gründliche Planung braucht, häufig unterschätzt. Zwei, eher drei Wochen intensive Auseinandersetzung sollte man schon einplanen.

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