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Hohe Mieten und Hauspreise : Drei Zimmer oder Vorstadt

Am Verschwinden: Viele Familien können sich die Stadt nicht mehr leisten. Bild: dpa

Viel Platz hat seinen Preis: Besonders junge Familien haben zunehmend Probleme, in der Stadt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Welche Folgen hat das? Ein Frontbericht.

          „Wir ziehen nach Kassel.“ Das ist das Ergebnis einer vier Jahre andauernden Suche von Familie Weymann nach einer größeren Wohnung in Frankfurt. Eine Zeit, die mit hoffnungsvollen Besichtigungen begann und im totalen Frust endete. Eine Zeit, in der sie bei einem Budget von 1100 Euro kalt vom Internet-Immobilienportal anfangs noch Angebote aus dem Stadtzentrum zugeschickt bekamen, mittlerweile bestenfalls noch vier Zimmer irgendwo am Stadtrand. Eine Zeit, in der Anna und Sebastian Weymann zwei Kinder bekommen und ihre 70-Quadratmeter-Wohnung so oft umgeräumt und aussortiert haben, dass jetzt wirklich kein Platz mehr zum Stapeln ist.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn Sebastian Weymann, ein Gymnasiallehrer, abends Hefte korrigiert, sitzt er im Wohnzimmer. Wenn Anna dann telefonieren will, kann sie nicht ausweichen – im Kinderzimmer schläft die Dreijährige und im Elternschlafzimmer das Baby. Also geht sie ins Bad und macht es sich mit ein paar Kissen in der Badewanne so bequem wie möglich. „So geht es nicht weiter“, sagt Anna Weymann. „Da wir hier nichts finden, müssen wir die Stadt verlassen“, sagt sie. Denn mehr Platz in Frankfurt können sie sich einfach nicht leisten. Im Moment zahlen sie 750 Euro kalt.

          600 Euro für ein Zimmer mehr

          Für ein Zimmer mehr müssten sie in ihrem Viertel, einem gründerzeitlichen Altbauquartier, etwa 600 Euro mehr ausgeben. „Das ist doch absurd“, sagt Weymann. Für den extremen Preissprung sind zwei Dinge verantwortlich: Mehr Quadratmeter kosten natürlich auch mehr. Noch schwerer wiegt aber, dass die Mieten in Frankfurt in den vergangenen vier Jahren um etwa 15 Prozent gestiegen sind; seitdem sie vor zehn Jahren in die Stadt zogen, sogar um etwa 30 Prozent.

          Solange sie nicht auf Wohnungssuche waren, hat sie das nicht weiter gestört, denn die meisten Vermieter in Deutschland – vor allem die privaten wie die von Familie Weymann – scheuen vor Mieterhöhungen zurück, solange es keinen Wechsel gibt. Wer jedoch umziehen will oder muss, bekommt mit voller Wucht zu spüren, wie sehr sich Wohnen in den deutschen Großstädten seit 2009 verteuert hat.

          Noch stärker als die Mieten sind die Preise für Eigentumswohnungen gestiegen. Sie kosten in den sieben größten deutschen Städten heute rund 45 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren, hat das Analysehaus Bulwiengesa ermittelt. In Stuttgart stiegen die Kaufpreise allein im vergangenen Jahr um 19 Prozent, in Berlin um 14 Prozent – eine Entwicklung, die selbst Immobilienökonomen als „gaga“ bezeichnen.

          Die Mittelschicht wird aus der Stadt gedrängt

          Für Wohnungssuchende haben diese Sprünge greifbare Folgen. Die Kosten des Wohnens werden immer mehr zu einem Faktor, der Lebensentscheidungen maßgeblich mitbestimmt: mit dem Freund zusammenziehen oder lieber günstig allein in der Studentenbude verharren? In der Innenstadt bleiben und sich dafür mit drei Zimmern und einem Kind begnügen? Oder doch lieber mehr Nachwuchs bekommen und dafür aus der Vorstadt zur Arbeit pendeln?

          Auch früher konnte sich nicht jeder das Leben in München-Schwabing oder im Frankfurter Westend leisten. Doch Mittelschichtsfamilien wie die Weymanns mit zwei Akademikergehältern fanden ein Heim innerhalb der Stadtmauern. „Die hohen Preise haben zur Folge, dass die Mittelschicht aus Städten wie Frankfurt oder München herausgedrängt wird“, sagt Mark Michaeli, Architekt und Professor für „nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land“ an der TU München. Die Gutverdiener zahlen zähneknirschend auch 18 Euro je Quadratmeter, um die sozial Schwachen kümmert sich der Staat. Die dazwischen werden zerrieben – vor allem Familien mit Kindern.

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