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Interieur, das uns erzieht : Nerv nicht!

Weniger Wasserverbrauch dank Duschvorhang Bild: Matthias Laschke

Psychologen und Designer entwickeln Interieur, das die Bewohner zu gesundem und ökologischem Verhalten erziehen soll. Wollen wir das?

          Wenn Tak Sam Leung sich morgens auf den Weg zur Arbeit macht, lauert das schlechte Gewissen schon an der Wohnungstür. Automatisch greift er zum Autoschlüssel, doch das lässt sein Schlüsselbrett ihm nicht durchgehen. Frech wirft es den Fahrradschlüssel, der auch am Bord hängt, vor seine Füße. Leung stöhnt, hebt ihn auf, „Oh Mann, na gut!“ und schwingt sich auf den Sattel.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das Thema Nachhaltigkeit hat schon lange Einzug in den Wohnraum gehalten. Häuser baut man energieeffizient, besonders Ambitionierte dämmen mit natürlichen Stoffen wie Kork, Hanf und Kokosfaser. Auch in Einrichtung und Möbeldesign ist der Trend des Re- und Upcyclings nicht wegzudenken, selbst wenn er vor allem eine ökologisch bewusste, großstädtische Klientel anspricht. Nachhaltig wohnen, das hieß bisher vor allem: Die Materialien, aus denen Gebäude und Interieur bestehen, finden eine zweite Verwendung, sie sind gesund für die Bewohner und leicht abbaubar, um die Umwelt nicht zu belasten.

          Doch was, wenn die Möbel die Bewohner selbst dazu brächten, gesünder zu leben und in den eigenen vier Wänden nachhaltiger zu handeln?

          Was wie Zukunftsmusik klingt, gibt es schon, nicht im Möbelhaus um die Ecke, aber in Designwerkstätten rund um den Globus. Designer und Psychologen tüfteln an Möbeln und Accessoires fürs Zuhause, die den Bewohnern schlechte Gewohnheiten ab- und gute Routinen angewöhnen sollen. Zum Beispiel an der Universität Siegen. Hier hat der Industriedesigner Matthias Laschke das eingangs erwähnte Schlüsselbrett „Keymoment“ entwickelt, gemeinsam mit seinem Professor Marc Hassenzahl, der als Psychologe die Arbeitsgruppe Erlebnis- und Interaktionsdesign leitet. Noch im Prototypen-Repertoire: zappelnde Stromraupen, motivierende Duschvorhänge und unverschämte Kommoden.

          Liebenswürdige Unruhestifter

          Gute Argumente überzeugen rational, warum der Klimawandel gestoppt oder das Sportpensum gesteigert werden sollte, und intelligente Stromzähler und Fitnesstracker zeigen uns unser Fehlverhalten auf. Doch meist klafft eine Lücke zwischen theoretischer Einsicht und tatsächlichem Verhalten.

          Hier setzen die Objekte von Laschke und Hassenzahl an, die sie „Pleasurable Troublemakers“ nennen, übersetzt liebenswürdige Unruhestifter. Sie nerven, leisten Widerstand, fordern heraus oder erregen Mitleid. „Sie sollen im Alltag dabei helfen, selbstgesetzte Ziele zu erreichen, indem sie in einer konkreten Situation eine alternative Handlungsweise anbieten“, erklärt Laschke. Das Ziel ist, trotz anfänglicher Widerstände ein anderes Verhalten einzuüben und es in die eigene Routine zu übernehmen. „Die Vorschläge unterbrechen einerseits meine automatisierten Abläufe, sie irritieren und erzeugen so Reibung. Andererseits sollen sie nicht bevormunden, sondern humorvoll sein und Verständnis haben, dass ich nur ein Mensch bin und mich nicht immer richtig verhalten kann.“

          Eines dieser Trainingsgeräte ist das besagte Schlüsselbrett. Im Innern befindet sich eine Wippe. Nimmt man den Fahrradschlüssel vom linken Haken, passiert nichts. Entscheidet man sich für den Autoschlüssel rechts, fällt der Fahrradschlüssel herunter. Nun muss man bewusst entscheiden, ob man nicht lieber das Fahrrad nimmt. Wie die Wahl ausfällt, bleibt freigestellt: Der Fahrradschlüssel lässt sich zurückhängen. Man kann die Entscheidung eine Zeitlang aussetzen, indem man beide Schlüssel oben aufs Brett legt. Der Mechanismus lässt sich auch austricksen, indem man sie andersherum aufhängt.

          Ein anderes Beispiel ist ein Duschvorhang in Form eines Kalenders. Die vielen bunten Punkte darauf stehen für den eigenen Wasserverbrauch: Je länger man an einem Tag duscht, desto kleiner wird der Kreis. Und je kürzer, desto bunter und schöner sieht der Vorhang aus. Das Duschverhalten lässt sich über die Monate auch mit dem anderer Bewohner vergleichen. Der spielerische Wettbewerb soll laut Laschke motivieren, mit Wasser sparsamer umzugehen. Schön, wenngleich der Nervenzusammenbruch programmiert, ist auch die Kommode seines Kollegen Robin Neuhaus, die mit Krimskramsschubladen aufräumen will. Schiebt man zu viel Krempel über das Loch hinein und öffnet man die linke Schublade unvorsichtig, entlädt sich der Inhalt über eine Rutsche auf den Boden. Dafür ist in der rechten Seite des Sideboards eine Mülltonne integriert, außerdem auf der Ablage eine Ausstellungsfläche für Gegenstände, die man behalten möchte.

          Der Widerstand der Dinge

          Laschke und seine Forscherkollegen sind nicht die Ersten, die Einrichtungsgegenstände mit moralischem Appell an ihre Nutzer entwickeln. Unter dem Schlagwort Sustainable Interaction Design versammeln sich Gestalter, einige davon aus Skandinavien, die mit interaktiver Einrichtung zum Zweck der Verhaltensänderung experimentieren.

          So haben die schwedischen Designer Loove Broms und Karin Ehrnberger schon vor zehn Jahren im Rahmen ihres „Aware Projects“ Haushaltsobjekte konzipiert, die das Bewusstsein für den Energieverbrauch zu Hause erhöhen sollen. Eine Idee des Designduos ist die „Laundry Lamp“. Sie vereint Lampe und Wäscheständer und soll Leute ermutigen, ihre Wäsche aufzuhängen, anstatt sie in den Trockner zu geben, einen der größten Stromschlucker im Haushalt. Die T-Shirts, Hosen und Strümpfe dienen als Lampenschirm, der je nach Wäscheladung immer mal anders aussieht – außerdem trocknen die nassen Sachen durch die Abwärme schneller. Witzig auch die „Offline Lamp“ des Designers Klemens Schillinger aus Österreich. Und sinnvoll für alle, die abends im Bett eigentlich lieber ein Buch lesen möchten, als mit dem Handy rumzudaddeln. Das Prinzip: Licht gegen Smartphone. Im Fuß der Lampe ist eine Schublade untergebracht. Das Leselicht für den Nachttisch scheint nur, wenn man sein Handy dort hineinlegt – aus den Augen, aus dem Sinn.

          „Die Macht der tangiblen Möbel liegt darin, dass sie anders als Apps und Smartphones unsere Handlungsweise durch ihre Materialität einschränken“, sagt Laschke. „Sie lenken, wie wir in der Welt agieren, machen manche Nutzungsweisen möglich, verhindern andere.“ Gerade mit den Möbeln zu Hause tritt man in eine Beziehung, diese Interaktion löst Gefühle aus, aber nicht nur positive.

          So ging es auch Tak Sam Leung, der den „Keymoment“ für eine Studie sechs Wochen lang testete: „Am Anfang hätte ich das Ding am liebsten von der Wand getreten und gesagt, nehmt es bitte wieder mit!“, gesteht Leung. Am Ende störte ihn am meisten, dass das Objekt nicht auf ihn zukam. Obwohl Leung sich verbessert hatte und mittlerweile zweimal in der Woche mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhrt, nervte es weiter wie zuvor, Erfolge belohnte es nicht. Seinen Schlüsselaufhänger würde er heute anders konzipieren, räumt Laschke selbstkritisch ein. „Die Geräte können ein Anstoß sein, langfristig müssten sie die Dynamik, meine Verbesserung erkennen und darauf reagieren“, sagt er. „Die analogen Objekte mit künstlicher Intelligenz zu kombinieren birgt großes Potential.“

          Muss Design uns zu besseren Menschen machen?

          Ob sich Interieur, das uns zu besseren Menschen machen will, jemals auf dem breiten Markt durchsetzt? Ursula Geismann vom Verband der deutschen Möbelindustrie ist da skeptisch: „Ich glaube nicht, dass viele Leute solche Möbel zu Hause haben wollen. Sie sind zwar gagig, aber eher zwischen Design und Kunst anzusiedeln. Auf Dauer fühlt man sich gemaßregelt.“ Muss Design überhaupt erziehen, kann es nicht einfach funktional sein und schön anzusehen? Ein Stuhl, auf dem man ergonomisch sitzt, eine Lampe, die angenehmes Licht wirft – das ist doch schon sehr viel. Und darf man nicht wenigstens im eigenen Refugium unoptimiert bleiben, nach einem anstrengenden Tag lange heiß duschen, sich ein wenig gehen und die Perfektionsansprüche hinter sich lassen? Was mischt sich der Duschvorhang da ein?

          Man hat sich daran gewöhnt, dass alles schneller und bequemer funktioniert, die Technik uns immer mehr abnimmt – manchmal sogar unsere Kompetenzen. Im Smart Home reguliert sich die Heizung selbst, das Licht geht automatisch aus, der Duschkopf spart selbständig Wasser. Das führt bisweilen zu gegenteiligen Effekten: Wenn die Glühbirne so effizient ist, macht es ja nichts, sie anzulassen. Haben die Menschen da noch Lust auf Reibung, oder sind Geduld und Frustrationstoleranz zu gering, um sich auf so etwas einzulassen?

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