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Psychologe im Wohn-Interview : „Wenn Wohnraum knapp wird, führt das zu einer Entwicklungsblockade“

Bild: iStock

Ob Wohnungssuche, Hausbau oder eine neue Einrichtung: Immerzu sucht der Mensch nach seinem Platz im Leben. Im Interview spricht Psychologe Stephan Grünewald über das Bedürfnis, sich zu verorten, zufriedene Immobilienbesitzer und den Reiz von Ikea-Möbeln.

          Herr Grünewald, wie wir wohnen, ist ein großes Thema. Egal, ob Wohnungssuche, Hausbau, Einrichtung oder die Fragen, wie wir uns im öffentlichen Raum fühlen – eigentlich dreht sich alles um eins: Wo findet der Mensch seinen Platz? Täuscht der Eindruck, oder gewinnt diese Frage in jüngster Zeit an Bedeutung?

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir registrieren in der Tat eine gesteigerte Sehnsucht danach, den eigenen Platz zu finden.

          Woran liegt das?

          In einer Welt, die sich in rasantem Wandel befindet, fällt es schwer, sich zu verorten. Wir erleben eine Entideologisierung, es ist bisweilen nicht leicht zu erkennen, wofür die Parteien stehen. Und auch auf persönlicher Ebene lösen sich die angestammten Platzanweisungen immer mehr auf.

          Was meinen Sie mit „Platzanweisung“?

          Durch den zugewiesenen Platz erfahre ich, wer ich bin: Was ist meine Position und Identität im Gemenge des Lebens? Schön lässt sich das am Beispiel der Mütter zeigen. Früher stand deren Platzanweisung fest, heute wollen oder müssen sie fünf bis sechs solche Platzanweisungen ausfüllen – als Familienmanagerin, Berufstätige, Freundin, Liebespartner oder Selbstverwirklicher und so weiter. Das führt schnell zu Überforderung.

          An anderer Stelle haben Sie angesprochen, dass die Menschen unentwegt damit beschäftigt seien, konkrete Plätze zu finden: den Kitaplatz, den Parkplatz und Platz zum Wohnen. Hat sich das verschärft?

          In den wachsenden Städten mit angespannten Wohnungsmärkten bestimmt. Der eigene Platz ist aber extrem wichtig. Er unterscheidet mich von anderen. Mit der Platzfrage ist Wertschätzung verbunden, Sicherheit, ein stabiles Umfeld. Ohne ihn fühlen wir uns heimatlos. Wenn es der Politik nicht gelingt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist das auch für die Psyche der Stadtbewohner ein riesiges Problem. Wohnraum gehört zur Grundversorgung. Fehlt er, führt das zu Verunsicherung und trifft auch die Mittelschicht.

          Die hat aber meist doch ein schönes Dach über dem Kopf.

          Sicher. Aber wenn Wohnraum knapp und teuer wird, führt das zu einer Entwicklungsblockade. Man wird entweder auf einen unangemessenen Platz festgelegt oder muss seine finanzielle Freiheit opfern und sein ganzes Geld aufwenden. Das ist ein existentielles Thema.

          In jüngster Zeit werden Parkdecks und kleine Brachen zu Gemeinschaftsgärten, Guerrilla-Gardening boomt, und Erdgeschossbewohner okkupieren im Sommer den Gehweg mit ihren privaten Pflanzenkübeln und Tischchen. Offenbar gibt es das Bedürfnis, sich Platz im öffentlichen Raum anzueignen.

          Wir kompensieren seit jeher das Problem, uns nicht verorten zu können, die Entfremdungserlebnisse. Kennen Sie Arthur Millers Drama „Tod eines Handlungsreisenden“? Das ist ein schönes Beispiel für permanente Entfremdung. Der Handlungsreisende ist dauernd unterwegs. In den seltenen Zeiten zu Hause zimmert er seine Veranda. Als er stirbt, heißt es, in dieser Veranda stecke mehr von ihm als in all seinen Handelsabschlüssen. Jeder kennt die Situation, von Termin zu Termin zu hetzen und sich dann am Ende des Tages zu fragen: Was habe ich heute eigentlich geschafft? Aber wir haben den Anspruch, Spuren zu hinterlassen. Und Gärtnern, die eigene Scholle zu beackern oder den Raum, der uns umgibt, zu gestalten bietet genau diese Möglichkeit. Das erklärt übrigens auch die Begeisterung für Publikationen wie „Landlust“. Die Leute, die das lesen, sind ja nicht alles Landbewohner.

          Es heißt, Menschen, die in Wohneigentum leben, seien zufriedener als Mieter. Liegt das auch an den Gestaltungsmöglichkeiten?

          Ganz sicher. Wer ein eigenes Haus oder eine Wohnung besitzt, hat einen Platz sicher, dem er sich zugehörig fühlt. Einerseits ist er gebunden, finanziell und was die Verantwortung angeht. Andererseits ist er freier als der Mieter. Er kann Wände versetzen, anbauen, umbauen, seinen Besitz gestalten. Das ermöglicht Selbstvergewisserung und schafft Zufriedenheit.

          Der Mensch will sich also verorten, sucht aber gleichzeitig Freiheit und Entwicklung?

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