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Leben in der Großfamilie : Alle unter einem Dach

Vom Zufall glücklich vereint: Die drei Generationen der Familie Korsch wohnen wieder Tür an Tür. Bild: Stefan Finger

Die Großfamilie stirbt aus? Von wegen! Gestiegene Hauspreise, berufstätige Mütter und ähnliche Lebensstile führen zu einer neuen Nähe. Und doch ist vieles anders als bei früheren Generationen. Eine Spurensuche.

          Dieses Jahr ist das Weihnachtsfest bei Familie Schröder anders abgelaufen als sonst, und das haben die Berliner auch den rasant gestiegenen Hauspreisen zu verdanken. Zum ersten Mal haben die vierzehn Mitglieder der erweiterten Großfamilie am ersten Weihnachtsfeiertag bei Tochter Johanna und ihrer Familie im zweiten Stock gefrühstückt, nachdem sie sich wie üblich Heiligabend bei ihren Eltern Klaus und Clara im Erdgeschoss versammelt hatten. Zusammenzuziehen hatten weder die jungen Schröders noch die Eltern im Sinn – bis sich Johanna und ihr Mann Paul auf die Suche nach einem bezahlbaren Haus in Berlin-Charlottenburg begaben.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dort, am Rande des Grunewalds, ist Johanna aufgewachsen, dort wohnen ihre Eltern, und dort wollte sie mit Mann und ihren zwei kleinen Söhnen auch wieder hinziehen, weil der jungen Familie das Leben in Berlin Mitte zu trubelig geworden war. Doch die Häuser oder Wohnungen, die ihnen gefielen, konnten sich die beiden Wissenschaftler nicht leisten. Von jeder Besichtigung kehrten sie frustriert zurück. „Da hatten Klaus und ich die Idee, dass wir unser Haus teilen könnten“, erzählt Clara. Schließlich biete das freistehende Haus mit Keller, ausgebautem Dach und einem großen Garten doch Platz genug für alle. „Das wollen die beiden nie“, prophezeite Klaus. Er lag falsch.

          Die Rückkehr aufs Dorf – ein Scheitern?

          Johanna und Paul Schröder waren nicht nur angetan von der Aussicht auf ein neues altes Zuhause im Grünen – ihnen gefiel auch die Vorstellung, näher bei Johannas Eltern zu wohnen, die sie ohnehin im Alltag mit den kleinen Kindern unterstützten. Eine Architektin schlug vor, das Haus in der Mitte zu teilen: Johanna und Paul bauten sich das Dachgeschoss aus, wo jetzt ihr Wohnzimmer, die Küche und der Hauswirtschaftsraum liegen. Im ersten Stock befinden sich die Schlafzimmer der jungen Familie. Klaus und Clara schlafen nun im ausgebauten Keller und bewohnen das Erdgeschoss. Über das Treppenhaus sind beide Wohneinheiten separat zu begehen – die Großfamilie wohnt unter einem Dach, aber nicht in einem Haushalt.

          Den Umbau haben Johanna und Paul finanziert, zudem zahlen sie Miete. Trotzdem hatte Paul am Anfang ein schlechtes Gewissen, dass seine Schwiegereltern jetzt im Keller schlafen müssen. „Ich weiß, wie sehr Clara ihr helles Zimmer im ersten Stock geliebt hat. Die beiden haben schon ein großes Opfer dafür gebracht, dass wir jetzt so schön wohnen dürfen“, sagt er. Clara Schröder sieht das ganz anders: „Der erste Stock fehlt mir kein bisschen. Im Gegenteil freue ich mich, dass die Räume endlich wieder mit Leben gefüllt sind und sinnvoll genutzt werden“, beteuert die ehemalige Ärztin. „Ich bin glücklich, dass mein Enkel jetzt in meinem Lieblingsraum sein Kinderzimmer hat.“ Jeden Morgen das Getrappel der Kinderfüße zu hören, ihre Enkel aufwachsen zu sehen und die junge Familie bei der Kinderbetreuung unterstützen zu können, sei viel mehr wert als der verlorene Raum. „Mein Luxus ist jetzt nicht mehr der Platz, sondern die Nähe“, sagt die Großmutter.

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          In ganz Deutschland rücken die Familien wieder enger zusammen. Das bestätigt auch eine Befragung des Allensbach-Instituts. „Wir beobachten seit sieben Jahren eine Zunahme der Mehrgenerationen-Haushalte, vor allem im städtischen Umfeld“, heißt es von dem Forschungsinstitut. Gaben 2010 nur fünf Prozent der Befragten an, mit wenigstens drei Generationen zusammenzuleben, waren es 2017 schon sieben Prozent. Auch wohnen deutlich mehr junge Familien in direkter Nachbarschaft der Eltern – oder wie die Schröders sogar unter einem Dach – als allgemein angenommen. „Die gegenseitige Unterstützung der Generationen ist nach wie vor beträchtlich“, heißt es, und dass fast 90 Prozent der Mütter und Väter mit minderjährigen Kindern damit rechnen, dass die Familie in einer schwierigen Situation hilft. Auch diese Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

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