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Interview zum Wohnen im Alter : Die Treppen als Turngerät

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Rahel A. ist 95 Jahre alt und hat fast überall auf der Welt gelebt. Im Alter kehrte sie in das Dorf ihrer Kindheit zurück. Bild: Juliana Socher

Alleine alt zu werden, macht vielen Angst. Dass das gar nicht nötig ist, zeigen die Porträts von hochbetagten Lebenskünstlerinnen.

          Menschen, die im hohen Alter noch alleine leben, sind meist Frauen. Doch jenseits der Statistiken wissen wir wenig über ihre Wohnsituation, darüber, wie sie ihren Alltag meistern. Ulrike Scherzer hat neunzehn hochbetagte Damen in der Stadt und auf dem Land, in Villa und Gartenlaube besucht und sie für das Buch „Altweiberwohnen“ erzählen lassen: Herausgekommen sind berührende Porträts voller Lebensklugheit. Ein Interview mit der Autorin.

          Das Klischee über die Wohnsituation hochbetagter Menschen lautet: Alt, arm und alleine. Haben Sie das so vorgefunden?

          Nein, gar nicht. Die Frauen sind echte Alltagskünstlerinnen. Allerdings leben die meisten von ihnen wirklich von sehr wenig. Viele haben kein eigenes Geld verdient und nur eine kleine Rente. Sie wohnen noch in dem Haus, das sie mit ihrer Familie in den fünfziger oder sechziger Jahren gebaut haben. Wenn dann etwas kaputtgeht, ist die Lage schwierig.

          Und sind sie einsam?

          Alleinsein bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Menschen einsam sind. Erstaunlicherweise haben viele Frauen berichtet, dass sie gerne alleine sind. Sie haben sich ihr ganzes Leben um andere gekümmert, um die Kinder, den Mann, die Enkel, und genießen es auf den letzten Metern des Lebens, nur für sich zu sein.

          Was kennzeichnet das „Altweiberwohnen“?

          Das Besondere ist, dass die alten Frauen alleine klarkommen wollen. Sie verwenden viel Energie darauf, sich ihre Autonomie zu erhalten. Gleichzeitig arrangieren sie sich mit den gesundheitlichen Problemen ebenso wie mit der Tatsache, dass auch ihr Haus allmählich in die Jahre gekommen ist und dass es dort Barrieren gibt, die ihnen den Alltag schwermachen.

          Nehmen sie denn die Angebote fürs altersgerechte Wohnen in Anspruch, zum Beispiel den Treppenlift oder eine Sitzdusche?

          Es gibt eine Scheu, diese Produkte zu nutzen. Manchmal aus Bescheidenheit, weil sie der Meinung sind, dass sich die Investition nicht mehr lohnt, weil sie ohnehin bald sterben. Nur wenn es gar nicht mehr geht, lassen sie sich auf die Helferlein ein, meist auf Drängen ihrer Kinder. Stattdessen helfen sich die Damen lieber selbst, stellen sich ein Höckerchen vor die Badewanne oder beschränken sich auf das Erdgeschoss des Hauses, wenn sie die Stufen nicht mehr steigen können. Es gab aber auch welche, die haben die Barrieren im Haus als Herausforderung gesehen: Die Treppe als Turngerät, um fit zu bleiben.

          Was bedeutet den alten Frauen ihre Wohnung?

          Sie wird immer mehr zum Lebensmittelpunkt, je eingeschränkter die Mobilität ist. Zudem ist sie eine Art Seelenheimat: Es gibt eine jahrzehntealte Vertrautheit mit diesen vier Wänden, mit all den Dingen, die dort drin sind und die daran erinnern, wie es war, als noch die komplette Familie dort gewohnt hat. Eine Dame hat so wunderbar gesagt: „Alles, was mich umgibt, ist voller Lebensanstöße.“ Eine andere wollte unbedingt ihren großen Esstisch behalten, obwohl sie alleine lebt. „So höre ich beim Mittagessen praktisch immer noch meine Kinder, wie sie dort sitzen und von der Schule erzählen“, hat sie gesagt.

          Viele Einrichtungen wirken auf den Bildern wie eingefroren. Groß ausgemistet und umgeräumt wird wahrscheinlich nicht mehr. Oder werden noch neue Möbel gekauft?

          Eher nicht. Es gab jedoch eine Ausnahme: Eine Dame hat uns ganz verschmitzt erzählt, dass sie sich heimlich einen neuen Esstisch mit Stühlen gekauft hat. Sie wollte das nicht mit ihren Kindern besprechen und hat deshalb den Nachbarn gebeten, ihr dabei zu helfen. Als alles fertig war, durften dann die Kinder zum Angucken kommen. Sie fanden es zum Glück schön. Diese Dame hat sich ganz bewusst noch einmal etwas gegönnt.

          Über den Umzug ins Altersheim wird nicht nachgedacht?

          „Bloß nicht ins Heim“, das haben wir von allen Frauen gehört. Sie wollen, solange es geht in ihrer Wohnung bleiben und möglichst, auch dort sterben. Auf der anderen Seite blenden sie die Möglichkeit auch komplett aus, dass es mangels Alternativen einmal dazu kommen könnte.

          Und warum ist das Heim so verpönt?

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