http://www.faz.net/-gz7-95mt7

Ben van Berkel im Interview : „Was kann die Architektur für den Menschen tun?“

  • -Aktualisiert am

Ben van Berkel Bild: Wolfgang Eilmes

Ein Mann für Hobel und Hochhaus: Der Architekt Ben van Berkel darüber, was die Tischkultur der Architektur voraus hat, Frankfurts Vorzüge und warum Gebäude mehr als nur schön sein müssen.

          Herr van Berkel, es kommt durchaus vor, dass Architekten Stühle gestalten oder Tische. Aber Trüffelhobel?

          Ich liebe Trüffel. In Amsterdam gehe ich immer in ein Restaurant, da gibt es vier bis fünf Monate lang die guten, weißen Trüffel. Für Trüffelpasta dürfen Sie mich auch mitten in der Nacht wecken. Über Trüffelhobel allerdings wusste ich erschreckend wenig, bis Alberto Alessi bei mir anklopfte und fragte, ob ich einen entwerfen wolle. Er veranstaltete einen Wettbewerb, und als ich mich dann näher mit dem Thema befasste, war ich recht ernüchtert: Es gibt vielleicht ein, zwei Hobel, die relativ praktisch sind, aber keinerlei repräsentative Qualität haben.

          Sie haben den Alessi-Wettbewerb mit Ihrem Entwurf „Alba“ gewonnen. Satteln Sie jetzt um?

          Architektur macht Räume erlebbar, aber erst Produkte machen Räume zu einem wirklich sensorischen Erlebnis. Das fängt schon beim Besteck an: Wenn man eine Speise vom Teller zum Mund führt, ist das eine unmittelbare körperliche Erfahrung. Architektur bringt Menschen zusammen, aber Tischkultur bringt Menschen noch besser zusammen.

          Ihr Hobel, ist zu lesen, sei besonders ergonomisch und schone das Handgelenk.

          Ich habe für Alberto Alessi mal eine Teekanne entworfen, die den Griff analog zu einem Bügeleisen auf der Oberseite hat. Ich habe nie verstanden, warum eine Teekanne den Griff an der Seite haben muss. Wenn die Kanne voll ist, wird das Einschenken zur Qual. Für "Alba" habe ich lange überlegt: Was ist praktisch und fühlt sich gut an? Dann habe ich an Türklinken gedacht. Das hat den weiteren Vorteil, dass man den Gästen zeigen kann, wie man den Trüffel hobelt. Das Schneiden wird zu einem Erlebnis, und gleichzeitig kann man etwas zum Trüffel erzählen. Außerdem minimiert es das Verletzungsrisiko - der Trüffelhobel hat ja eine nicht ungefährliche Klinge.

          Für Alessi hat Trüffelliebhaber van Berkel den Hobel „Alba“ entworfen.
          Für Alessi hat Trüffelliebhaber van Berkel den Hobel „Alba“ entworfen. : Bild: Hersteller

          Sind Architekten am Ende die besseren Designer?

          Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage, weil ich mit vielen Designern befreundet bin. Sagen wir so: Es gibt durchaus Designer, die einen tollen Sinn für das Materielle haben und auch einen breiten Erfahrungsschatz, was das Handwerk angeht und wie man Material formen kann. Architekten wiederum denken eher an das Umfeld. Ich überlege nicht: Was kann ich als Nächstes entwerfen? Sondern: Welches Umfeld gibt es, in das ein Objekt hineinpassen würde? Der Stuhl „MYchair“ etwa, den ich für Walter Knoll entworfen habe, ist ein sehr sozialer Stuhl und sehr gemütlich. Da kann man wunderbar zu zweit darauf sitzen, es ist aber nicht gleich offensichtlich. Wir müssen uns von der Auffassung lösen, dass ein Architekt nur für die Gestaltung schöner Fassaden zuständig ist. Es geht immer um die Frage, was die Architektur für den Menschen tun kann, wie ein Gebäude oder ein Objekt die Interaktion zwischen Menschen begünstigen kann. Wir möchten ja auch kulturell etwas voranbringen.

          Für Frankfurt plant Ihr Büro das Großprojekt „Four“: vier Hochhäuser, darunter zwei Wohntürme. Wie wollen Sie Ihren Anspruch in diesem Kontext umsetzen?

          Beim „Four“ ging es nicht primär darum, wie die Türme aussehen, sondern darum, wie wir das Bankenviertel mit ihnen lebendiger und sicherer machen können. Nach 20 Uhr ist diese Gegend ja wie ausgestorben, als Wohnlage nicht sonderlich attraktiv. Unsere Herangehensweise bezeichne ich gern als „Clockwise planning“: Wie verbringen die Leute ihren Tag? Wann stehen sie auf, wo gehen sie lang, welche Infrastruktur nutzen sie, wo halten sie sich auf? Welche Räume muss man schaffen, damit sie sich wohl fühlen?

          Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef sagt, die Türme symbolisierten einen „Paradigmenwechsel“, das Viertel werde „weicher“. Frankfurt genießt nicht den besten Ruf: zu kalt, zu langweilig. Was halten Sie von der Stadt?

          Weitere Themen

          In farbigem Licht baden Video-Seite öffnen

          Moderne Architektur : In farbigem Licht baden

          In London leiteten Nicolas Sterling und Elke Sterling-Presser architektonische Großprojekte – in Berlin die Sanierung ihres Hauses. Nun leben sie in einem leuchtenden Wohn-Kunstwerk.

          Zuhause im Wolkenkuckucksheim Video-Seite öffnen

          Neue Häuser : Zuhause im Wolkenkuckucksheim

          Ein Haus, in dem Urlaubsstimmung aufkommt und das trotzdem alltagstauglich ist: Eine Familie aus dem Schwarzwald hat sich ihre Wohnwünsche erfüllt – mit einem Architekten aus London.

          Topmeldungen

          Haushaltsstreit : Kein Ende des „Shutdowns“ in Sicht

          Die Haushaltssperre in Amerika gilt nun auch am Montag. Republikaner und Demokraten gingen ohne Kompromiss auseinander. Für fast eine Million Staatsbedienstete beginnt die Woche mit einem Zwangsurlaub.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.